Über die Zeit – Teil 2

Bevor ich mit meinen eigentlichen Ausführungen beginne, will ich darauf hinweisen, dass ich nicht der erste Mensch bin, der sich mit diesem Thema auseinandersetzt und ich bin sicher nicht der erste Mensch, der einen unkonventionellen Zeitbegriff zu etablieren versucht. Man denke nur an Albert Einstein, der unser Verständnis von Raum und Zeit so gravierend verändert hat wie kaum ein anderer Mensch.

Grundsätzlich kann man sagen, orientiert sich mein Verständnis von Zeit auch an Einsteins Vorstellung von Zeit. Für Einstein war Zeit keine zweidimensionale Angelegenheit in Form eines Strahls. Für ihn war Zeit ein Raum und damit ein dreidimensionales Gebilde.

Doch was bedeutet das konkret?

Wenn Zeit auf einem Strahl stattfindet, so könnte man sich nur vor oder zurück bewegen. Man könnte nicht springen. Das hieße, Zeit läuft stets linear ab, theoretisch gesehen kann sie auch rückwärts ablaufen, aber dann ist es eben so, als würde man eine Videokassette zurückspulen – die Älteren werden sich erinnern.

Ist Zeit aber ein Raum, dann können wir uns innerhalb dieses Gebildes in allen drei Dimensionen bewegen. Das heißt, wir müssen nicht zwangsläufig eine Linie abwandern und sind nicht gezwungen uns vor oder zurück zu bewegen. Gleichzeitig wäre es möglich, innerhalb des Raumes zu springen.

Ich weiß, die Vorstellung, dass ein Raum voller Zeit sei und Zeit somit zu einer Art Äther wird, ist schwer vorstellbar. Aber das liegt auch nur daran, weil es für viele Menschen eine völlig neuartige Vorstellung ist. Wir sind durch unsere Sozialisation und durch unsere Bildung daran gewöhnt, Zeit auf einem Strahl wahrzunehmen.

Vielleicht kann man dieses Bild besser verstehen, wenn man sich vergegenwärtigt, dass ein Raum auch voller Sauerstoff sein kann. In dem Falle würden wir lauter kleine Moleküle des chemischen Elements in der Luft vorfinden. Theoretisch könnte man sich Zeit oder unterschiedliche Stadien derselben genauso als Moleküle vorstellen.

Aus dieser Vorstellung heraus ergeben sich noch andere interessante Ansichten.

In unserem Zeitverständnis neigen wir oft dazu, kausal-lineare Beziehungen aufzubauen. Wir glauben, es muss erst ein Ereignis (Aktion) geschehen, damit ein neues Ereignis (Reaktion) passieren kann. In den meisten Fällen mag dies stimmen, aber manchmal gibt es keine direkten Folgen. Manchmal ist der Zeitraum zwischen zwei Ereignissen, die eigentlich zusammenhängen, so groß, dass wir den Zusammenhang nicht erkennen können.

Auf einer gedachten Linie mit zwei Punkten, die jeweils für das Ereignis stehen, ist dieser Fehler nur allzu verständlich. In einem dreidimensionalen Raum hingegen, in dem jeder Zeitpunkt ein Molekül darstellt, kann dies nicht mehr so leicht passieren.

Dem geneigten Leser mag dies jetzt vielleicht fantastisch erscheinen und ich kann dies durchaus verstehen. Es hat auch einige Zeit gedauert, bis ich mich an diese Vorstellung gewöhnen konnte, aber in meinen Augen macht sie durchaus Sinn.

Die vielleicht größte Veränderung in unserer Zeitwahrnehmung besteht darin, dass wir eine Einteilung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht mehr vorzunehmen brauchen. In einem gedachten Raum, in dem Zeit sich in Molekülen befindet und diese Moleküle können sich frei in diesem Raum bewegen, gibt es keine konkrete Unterscheidung mehr zwischen Zeitebenen.

Im Grunde genommen passiert in einem solchen Konstrukt alles zur selben Zeit. Gleichzeitig kann sich auch jedes stattgefundene und noch stattfindende Ereignis aufeinander beziehen. Dies führt zu der paradoxen Überlegung, dass nicht allein die Vergangenheit die Zukunft beeinflusst, sondern die Zukunft beeinflusst die Vergangenheit.

Das einzige Problem an dieser These besteht lediglich darin, dass ich sie vermutlich niemals werde beweisen können. Denn um sicher aufzeigen zu können, dass die Zukunft die Vergangenheit beeinflusst, müsste ich in die Zukunft reisen können, diese willentlich verändern, dann wieder zurück in die Vergangenheit und überprüfen, ob diese sich verändert hat.

Allerdings ist es genauso schwer zu beweisen, dass die Vergangenheit die Zukunft beeinflusst, denn dafür müsste man in die Vergangenheit reisen, diese verändern und dann die Zukunft überprüfen.

Leider sind Zeitreisen noch nicht im technisch möglichen Bereich. Und vielleicht ist das auch besser so, denn man kann sich nicht sicher sein, wie viel Schaden man damit anrichtet, in dem man die Zeit beeinflusst.

Nebenbei bemerkt hat meine Version der Zeit auch den Nebeneffekt, dass es keinen Urknall gegeben haben muss. Zwangsläufig muss es nicht mal einen Anfang gegeben haben, weil alles zur gleichen Zeit passiert. Anders gesagt: Der Anfang ist das Ende und das Ende ist der Anfang. In einigen Mythologien gibt es dazu auch Bilder von Schlangen oder schlangenartigen Wesen, die sich selbst in den hinteren Teil ihres Körpers beißen.

Noch eine letzte Überlegung kommt mir zu diesem Thema in den Sinn: Leben wir in einer deterministischen Welt?

Kurz zur Erklärung: Grundsätzlich gibt es zwei entgegengesetzte Ansichten darüber, wie unsere Welt und das Fortschreiten der Dinge funktioniert. Die eine Theorie besagt, dass nichts vorherbestimmt ist und dass jede Aktion, also jede ausgeführte Handlung, auch eine Reaktion oder Konsequenz haben muss. Das andere Extrem ist der Determinismus, der davon ausgeht, dass wir letztlich vorgegebene Handlungen vollführen.

Man kann sich vollkommen berechtigt die Frage stellen, wie ein Determinismus funktionieren soll, denn wer bestimmt denn dann, wann was passiert? Religiöse Menschen neigen oft dazu, die Geschicke der Welt einem göttlichen Wesen andichten zu wollen. Dementsprechend unmöglich ist es auch, diese Theorie zu beweisen.

Ich weiß, dass meine Überlegungen sicher zunächst überfordern werden. Sie mögen auf den ersten Blick vielleicht unlogisch erscheinen, aber das mag allein daran liegen, weil sie uns so fremdartig erscheinen.

Ich danke für die Aufmerksamkeit!

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Über die Zeit – Teil 2

Über die Zeit – Teil 1

Es gibt vor allem in der philosophischen Diskussion Begriffe, die man bis zur Unendlichkeit besprechen kann. Zu ihnen zählen etwa das Glück, Moral und Vernunft. Meiner Ansicht nach lassen sich diese Begriffe vor allem deswegen so gut diskutieren, weil sie keine feste Definition haben.

Jeder Mensch hat eine andere Moral und eine andere Vorstellung von Glück. Für einen Menschen besteht das Glück darin, seine Kinder jeden Abend zu Bett zu bringen und ihnen eine Geschichte zu erzählen. Für einen anderen Menschen besteht das Glück aber vielleicht darin, älteren Menschen zu helfen, sie zu pflegen und bis zu ihrem Lebensende zu begleiten. Für den einen Menschen ist es moralisch vollkommen in Ordnung, abzutreiben und für einen anderen Menschen kommt es einem Mord gleich, ein Ungeborenes im Mutterleib zu töten.

Doch ich möchte hier einen Begriff besprechen, der de facto eine Definition besitzt, der aber dennoch kaum greifbar zu sein scheint: die Zeit.

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Je nachdem aus welchem Fachbereich man kommt, gibt es vollkommen unterschiedliche Definitionen und Vorstellungen von Zeit. Ein Psychologe beispielsweise kennt die Erlebniszeit, also die bewusst erlebte Zeit eines Menschen, aber auch die objektive Zeit, die sich durch Veränderungen in der Natur zeigt. Für einen Physiker ist die Zeit lediglich eine Größe, die man in unterschiedlichen Messeinheiten ausdrücken kann. In der Ökonomie kann die Zeit sogar zu einem Wertgegenstand werden.

Für einen „normalen“ Menschen ist Zeit aber wohl einfach ein Abschnitt von Ereignissen. Eingeteilt oftmals in drei willkürliche Kategorien namens Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Doch allein hier ergeben sich schon Probleme.

Ab welchem Zeitpunkt kann ich von Zukunft sprechen? Ist die Zukunft mir gewissermaßen immer eine Sekunde voraus und die Vergangenheit liegt immer eine Sekunde zurück, sodass die Gegenwart aus einer einzigen Sekunde besteht? Oder müssen wir diese beiden Begriffe weiter ausdehnen, sodass der vergangene Tag die Vergangenheit und der kommende Tag die Zukunft darstellt?

Hier begegnet uns ein Problem, das viele Historiker kennen. Denn auch in der Geschichte, selbst in der Retrospektive, ist es in vielen Fällen nicht möglich, einen konkreten Zeitpunkt festzulegen, ab dem sich ein bestimmter Prozess in Bewegung gesetzt hat. Ganz konkret gibt es dieses Problem etwa in der Epochenbeschreibung.

Man kann zum Beispiel keinen konkreten Zeitpunkt festlegen, ab dem man vom Mittelalter oder der Aufklärung spricht. Selbst Ereignisse wie Kriege, bei denen man vermuten könnte, dass sie einen konkreten Start- und Endpunkt haben, lassen sich nicht immer so klar umreißen, denn oftmals gab es vor oder nach einer offiziellen Kriegserklärung bereits Scharmützel.

Aber auch im Alltag begegnen uns solche Probleme manchmal. Wir hantieren zwar mit Jahreszeiten, aber wir können auch keinen konkreten Zeitpunkt feststellen, ab dem es Winter oder Sommer ist. Genauso wenig können wir für uns selbst sagen, aber wann wir erwachsen sind. Es gibt vom Gesetzgeber eine Vorgabe, dass man ab dem 18. Lebensjahr erwachsen ist, aber deswegen wird kein Schalter in einem Menschen umgelegt.

Mir ist wichtig, all diese Beispiele ganz konkret anzusprechen, weil wir uns bezüglich der Zeit und ihrer Einteilung oftmals auf sehr dünnem Eis bewegen und dadurch erzeugen wir in uns selbst die Illusion, dass wir Zeit hätten oder über sie verfügen. Auch der Umgang mit Zeitabschnitten, die wir in Sekunden, Stunden oder Tagen einteilen, täuscht lediglich darüber hinweg, dass wir keinerlei Kontrolle über den Fortgang der Ereignisse haben. Aber gleichzeitig zeigen diese Versuche auch, dass wir gern Kontrolle hätten.

Aber es gibt noch eine weitere Sache, die diese Einteilung mit sich bringt.

Wir betrachten Zeit stets linear mit einem Anfangs- und einem Endpunkt. In der Schule, vor allem im Geschichtsunterricht, gibt es dieses geflügelte Wort des Zeitstrahls. Ich hatte mich schon damals oft gefragt, wie man Zeit auf einer Linie darstellen soll. Natürlich kann man dadurch gewählte Ereignisse in einer gewissen Relation zueinander darstellen, aber was passiert, wenn wir dies tun?

Wir verlieren den Blick für das Große und Ganze.

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Ich vergleiche dies gern mit einem Betrachter in einem Museum. Stellen wir uns vor, wir stehen vor einem Gemälde. Betrachten wir Zeit in einem Strahl, ist es so, als würden wir durch dünne Röhren auf das Bild blicken. Wir werden niemals das Bild in seiner Gesamtheit erkennen, stattdessen werden wir Abschnitte erblicken, die wir dann mehr oder weniger gut in unserem Kopf zusammensetzen.

Während meiner Recherchen zu diesem Thema habe ich nach einer anderen Vorstellung von Zeit gesucht, allerdings gibt es bislang nur die lineare und die zyklische Zeiteinteilung.

Zyklische Zeit bedeutet, dass sich Zeit nicht mit Uhren oder Messeinheiten, sondern sich mit Zyklen einteilen lässt. Vor allem Naturvölker und auch unsere Vorfahren hatten solch ein Zeitverständnis. Während wir einen Tag mit 24 Stunden definieren, war für unsere Vorfahren ein Tag vom Sonnenauf- bis zum Sonnenuntergang definiert.

Aber selbst zyklische Zeit ist letztlich eine andere Betrachtung von linearer Zeit, denn auch in einem Zyklus möchten wir einen Beginn und ein Ende ausmachen.

Wer mir bis hierher gefolgt ist, wird sich jetzt vermutlich fragen, wie man Zeit denn sonst definieren soll? Doch diese Frage möchte ich erst im nächsten Teil beantworten.

Stattdessen möchte ich noch ein paar Beispiele erwähnen, die mit unserem linearen Zeitverständnis zusammenhängen.

Die Frage danach, ob zuerst das Huhn oder das Ei da war, ist vielleicht das berühmteste Beispiel für die Schwierigkeit, Ereignisse linear zu ordnen. In unserer Vorstellung muss entweder das Tier oder das Ei zuerst dagewesen sein.

Auch die wissenschaftliche Erklärung für die Entstehung der Erde funktioniert ohne ein lineares Zeitverständnis nicht, denn man geht davon aus, dass es einen Beginn – den Urknall – und irgendwann auch ein Ende geben wird.

Wie sich die Sicht auf die Welt verändern kann, wenn man sich über dieses lineare Zeitverständnis hinausbewegt, zeige ich im nächsten Teil.

Über die Zeit – Teil 1

Nordische Mythologie – Bonus

Es gibt in meinen Augen noch ein paar Ergänzungen zu dem Thema der nordisch-germanischen Mythologie, die ich im laufenden Text thematisch einfach nicht wirklich unterbringen konnte. Deswegen reiche ich sie jetzt in diesem Bonus nach.

Der erste und vielleicht wichtigste Punkt ist das Erbe der nordischen Mythologie oder in Deutschland besser gesagt die Last dieser Mythologie. Den meisten Menschen sollte durchaus bewusst sein, dass die Nationalsozialisten unter Adolf Hitler sehr viele Ideen und Überlegungen aus diesem Sagen- und Mythenkreis genommen haben.

Die vielleicht bekannteste Entlehnung ist das Hakenkreuz oder allgemeiner gesagt die Swastika. Es ist falsch, dass dieses Zeichen allein aus dem nordischen Raum stammt, denn es gibt archäologische Funde in Eurasien und Afrika, die eindeutig belegen, dass dieses Symbol keine Erfindung der Nordmänner ist. Bis heute gilt die Swastika etwa in den asiatischen Ländern als ein Symbol des Glücks. Hierzulande ist das sogenannte Hakenkreuz allerdings verboten.

Ebenfalls umstritten ist das Symbol der Schwarzen Sonne.

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Schwarze Sonne (https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarze_Sonne#/media/File:Black_Sun.svg)

Gemäß deutscher Rechtslage gehört es nicht zu den verfassungsfeindlichen und damit verbotenen Zeichen, dennoch steht es in einem starken Zusammenhang mit den Nationalsozialisten und speziell mit der SS. Häufig wird es auch von sogenannten rechtsesoterischen Gruppen benutzt.

Tatsächlich ist es so, dass die Nationalsozialisten sich fröhlich an vielen unterschiedlichen Mythen- und Sagenkreisen vergangen haben. Beispielsweise verwendeten sie Standarten, die es bereits im Römischen Reich gab. Auch der Glaube an die Arier entstammt einer östlichen Lehre, die diese Arier ebenfalls als Übermenschen oder als bessere Vorgängerversion der heutigen Menschen gesehen hat. Allerdings haben die Nationalsozialisten die Vorstellung, wie ein Arier aussieht, an ihre Bedürfnisse angepasst, denn laut diesen östlichen Lehren waren nicht alle Arier zwangsläufig groß, von weißer Hautfarbe und blond.

Weil ich oben die Schutzstaffel (SS) erwähnt habe, kann man auch hier den munteren geistigen Diebstahl der Nationalsozialisten sehen.

Seit 1929 unterstand die SS Heinrich Himmler und dieser Mann hatte einen gewissen Faible für Rittergeschichten und okkulte Vorkommnisse. In seiner Vorstellung wollte er die SS zu einer Art Ritterorden, eine Art Templer 2.0, formen. Dies gelang ihm teilweise und viele Mitglieder der SS teilten das Interesse an allem Okkulten.

Interessanterweise aber betrachteten sich die Mitglieder der SS nicht als Heiden oder Neu-Heiden. Sie sahen sich als wahre Christen an, auch wenn sie bestimmte heidnische Feste wie das Julfest begingen. Allein dieser Umstand zeigt, wie bizarr das Weltbild der Nationalsozialisten ausgesehen haben muss.

Allerdings darf man sich dieses wahre Christentum der SS-Mitglieder nicht so vorstellen, dass sie sich als Katholiken oder Protestanten sahen – der Papst oder der Vatikan etwa hatten für sie keinerlei Autorität. Vielmehr nahmen sie eine übergeordnete Stellung ein. Teilweise sahen sie sich sogar als die wahren Helfer und Handlanger Gottes.

Um diesen Umstand noch zu verdeutlichen, will ich hier noch vier Zitate von Adolf Hitler persönlich bringen, die sich in meiner Buchempfehlung Ásatrú befinden:

„Es wird solch ein Unsinn über Wotanskult und den Geist der Edda verbreitet […] Diese einfältigen Schwätzer haben keine Vorstellung davon, was ihr Gerde anrichtet.“

– Ásatrú: Die Rückkehr der Götter, S. 99

„Es erschiene mir unsagbar töricht, einen Wotanskult wiedererstehen zu lassen. Unsere alte Götter-Mythologie war überholt, war nicht mehr lebensfähig, als das Christentum kam. Es verschwindet immer nur, was reif ist unterzugehen!“

– Ásatrú: Die Rückkehr der Götter, S. 99

„Es ist das Charakteristische dieser Naturen, daß sie von altgermanischem Heidentum, von grauer Vorzeit, Steinäxten, Ger und Schild schwärmen, in Wirklichkeit aber die größten Feiglinge sind, die man sich vorstellen kann. Denn die gleichen Leute, die mit altdeutschen, vorsorglich nachgemachten Blechschwertern in den Lüften herumfuchteln, ein präpariertes Bärenfell mit Stierhörnern über dem bärtigen Haupte, predigen für die Gegenwart immer nur den Kampf mit den geistigen Waffen und fliehen vor jedem kommunistischen Gummiknüppel eiligst von dannen!“

– Ásatrú: Die Rückkehr der Götter, S. 99f

Und zu Himmlers speziellen Faible meinte Hitler:

„Welcher Unsinn! Jetzt sind wir endlich so weit, in eine Zeit zu kommen, die alle Mystik hinter sich gelassen hat, und nun fängt der wieder von vorne an. Da könnten wir auch gleich bei der Kirche bleiben. Die hat wenigstens Tradition. […] Warum stoßen wir die ganze Welt darauf, daß wir keine Vergangenheit haben? Nicht genug, daß die Römer schon große Bauten errichteten, als unsere Vorfahren noch in Lehmhütten hausten, fängt Himmler nun an, diese Lehmdörfer auszugraben und gerät in Begeisterung über jeden Tonscherben und jede Streitaxt, die er findet. Wir beweisen damit nur, daß wir noch mit Steinbeilen warfen, als sich Griechenland und Rom schon auf höchster Kulturstufe befanden. Wir hätten eigentlich allen Grund, über diese Vergangenheit stille zu sein.“

– Ásatrú: Die Rückkehr der Götter, S. 100

Ich denke, die Zitate zeigen sehr gut auf, was der Führer der Nationalsozialisten von dem Heidentum gehalten haben mag. Wer sich mehr mit dem Okkultismus und den Pseudo-Mystizismen der Nationalsozialisten beschäftigen möchte, dem sei Rüdiger Sünners Buch Schwarze Sonne empfohlen. Darin setzt sich Sünner sehr objektiv und wissenschaftlich mit dem okkulten Glauben des Dritten Reiches auseinander.

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Snorri Sturlusons Edda (http://www.hig.se/images/18.41f3c0f115680c4aaf3e82c8/1475247706079/edda3.jpg)

Ein anderer wichtiger Punkt, den ich hier nochmal erwähnen möchte, ist, dass es keine eindeutige Version der Sagen und Legenden des Nordens gibt. Ich hatte ja bereits auf Snorri Sturlusons Prosa-Edda verwiesen und auf die ältere Lieder-Edda. Beide Werke sind einige Jahrhunderte nach der eigentlichen Existenz der Menschen entstanden, die an diese Dinge glaubt haben.

Ich kann dies nicht oft genug betonen, denn wenn man sich im Internet mit Themen aus der Kategorie der nordischen Mythologie beschäftigt, kann man bei manchen Anbietern der Informationen das Gefühl bekommen, dass es vollkommen klar wäre, was er da schreibt und dass es keine Alternative gäbe.

Man darf nicht vergessen, dass jede heilige Schrift, wenn man die beiden Eddas denn als solche betrachten will, immer interpretiert werden kann und muss. Anhand des radikalen Islam können wir derzeit sehr gut sehen, was passiert, wenn man uralte Texte wortwörtlich auslegt.

Mehr Ergänzungen hatte ich eigentlich auch nicht zu machen, deswegen bedanke ich mich nochmal für die Aufmerksamkeit!

Nordische Mythologie – Bonus

Nordische Philosophie (und Mythologie) – Teil 3

Wie es in der Überschrift bereits angedeutet ist, soll es in diesem dritten Teil vor allem um die Philosophie der Nordmänner gehen, nachdem es in den vergangenen beiden Texten hauptsächlich um die Mythologie ging. Aber keine Sorge, dies wird keine trockene Abhandlung über philosophische Grundsätze. Ein solches Vorgehen würde auch nicht sonderlich zu den Menschen passen, die an die nordischen Götter geglaubt haben.

Zunächst einmal möchte ich auf das typische Denken dieser Menschen eingehen. Es mag zunächst banal erscheinen, denn inwiefern sollen diese Menschen denn anders gedacht haben als wir?

Wie ich bereits im zweiten Teil angedeutet habe, sahen die Menschen des Nordens beispielsweise zwischen Leben und Tod keine strikte Trennung. In ihrer Vorstellung entsprachen die Geburt und das Sterben einem Kreislauf. Genau dies mag ein kleiner aber sehr gewichtiger Unterschied sein, denn die Nordmannen waren umgeben von Zyklen und deswegen finden sich diese Kreisläufe auch immer wieder in ihrem Denken.

Dabei müssen es nicht einmal so abstrakte Zyklen sein wie die Wiedergeburt. Selbst so einfache Dinge wie die Jahreszeiten stellen bereits einen Zyklus dar. Wir hantieren zwar mit vier Begriffen, aber es ist dennoch nicht möglich einen speziellen, festgelegten Zeitpunkt auszumachen, ab wann man immer vom Sommer sprechen kann. Vielmehr gehen die Jahreszeiten fließend ineinander über.

Noch viel eindrücklicher sind die Mondphasen. Dazu muss man wissen, dass der Mond für die Nordmannen der vielleicht wichtigste Himmelskörper war, denn viele Feste richten sich nach dem Mondzyklus aus.

Im Unterschied zum modernen Menschen besaßen die Menschen des Nordens kaum Dualismen. Ich hatte das ebenfalls im zweiten Teil angesprochen und will es hier noch einmal etwas ausführlicher darstellen.

Unsere moderne Welt ist voller Gegensätze: Gut und Böse, Arm und Reich, Schön und Hässlich, Dick und Dünn, Weiß und Schwarz, Groß und Klein. Wir scheinen uns ständig zwischen zwei extremen Polen zu bewegen und diese Art des Denkens hat auch unsere moderne Welt beeinflusst. Es ist kein Zufall, dass der christliche Glaube Himmel und Hölle kennt, die die Entsprechungen der Dualismen von Gut und Böse sind. Es ist auch kein Zufall, dass die Maschine, auf der ich gerade diesen Text eintippe, auch nur die beiden Dualismen aus 0 und 1 kennt. Und es ist ebenfalls kein Zufall, dass wir viele Fragen immer pauschal mit einem Ja oder einem Nein beantworten wollen.

Wie gesagt scheint dieser Unterschied eher klein zu sein, aber in meinen Augen ist er entscheidend.

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Der wohl wichtigste Zyklus, den ich bereits angedeutet hatte, ist der des Lebens. Ähnlich wie wir es in vielen asiatischen Glaubensvorstellungen sehen können, begriffen die Nordmänner den Tod eines Lebewesens nicht als dessen endgültiges Ende.

Wie bereits im zweiten Teil beschrieben gab es für Tote grundsätzlich zwei Wege: Starb man in der Schlacht, so kam man nach Walhalla. Starb man außerhalb des Kampfes so kam man nach Helheim. Viele Menschen mögen jetzt wieder dualistisch denken und glauben, dass es in Walhalla besser sei als in Helheim, aber laut den Sagen stimmt dies nicht. In beiden Totenwelten wurden die Toten recht gut umsorgt.

Von Walhalla wissen die meisten Menschen, dass es sich dabei um eine große Halle handeln soll, in der es immerzu Speis und Trank gibt und die eingekehrten Krieger, die dann auch als Einherjer, was so viel wie ehrenvoll Gefallener bedeutet, bezeichnet werden, feiern dort letztlich ein großes Fest. Das Feiern eines Sieges war zu der damaligen Zeit ein durchaus übliches Ritual, weswegen es nicht verwunderlich ist, dass man selbst den Gefallenen einer siegreichen Schlacht diese Belohnung nicht verwehren möchte.

Bezüglich Helheims gibt es unterschiedliche Vorstellungen. In jedem Fall wird das Reich der Toten als ein kalter und eigentlich wenig einladender Ort beschrieben. Leider kann man nicht mehr mit großer Sicherheit nachvollziehen, ob diese Beschreibung in Verbindung mit dem christlichen Bild der Hölle steht. Zeitweise, vor allem zurzeit der Christianisierung des Nordens, war Helheim tatsächlich mit der christlichen Hölle gleichgesetzt. Aus dieser Zeit stammt auch die Überzeugung, die heute noch immer von einigen Menschen vertreten wird, dass die Unterwelt kein Ort der Wiederkehr sei.

Einigen Quellen zu Folge, aber auch diese seien mit Vorsicht zu genießen, denn auch hier kann man nicht sagen, wie weit der christliche Einfluss reicht, soll es in Helheim auch einen Bereich für Mörder und andere Schwerverbrecher gegeben haben, an dem sie dann bestraft werden.

Hält man sich allerdings an die überlieferten Sagen und Legenden, und bedenkt man, dass es zwischen den Nordmännern und den Menschen, die im heutigen Raum Indiens leben, gewisse Überschneidungen gibt – etwa der Glaube von einem Urwesen, aus dem die Welt geschaffen wird oder allein der Umstand, dass sie dem indoeuropäischen Sprachraum angehörten -, kann man durchaus davon ausgehen, dass sie an eine Form der Wiedergeburt geglaubt haben müssen.

Folgt man den Sagen, erkennt man eine gewisse Ähnlichkeit zum Glauben an eine Seelenwanderung wie sie auch in der Vorstellung der antiken Griechen existierte. Wenn ein Mensch stirbt, löst sich seine Seele gewissermaßen vom Körper und er wird zu einer Art reinen Energie. In der griechischen Vorstellung kam diese Seele in den Hades und wurde dort im Fluss der Unterwelt gereinigt, sodass sie alle Erinnerungen und Verbindungen an ihr vorheriges Leben wieder vergas.

In der nordischen Vorstellung geschah dies in Niflheim. Hier wurde die Seele aber nicht nur gereinigt, es kam auch zu einer Art Urteilsprozess. Dieser ging allerdings nicht von einem richtenden Gott aus, vielmehr nahm die Seele eine objektive, vogelperspektivenartige Stellung ein. Dies war ebenso wichtig wie die Reinigung, damit die Seele neu und völlig unbelastet wiederkehren konnte.

Anhand dieser Vorstellung sieht man auch wieder wunderbar den Mangel an dualistischem Denken, denn dieser Urteilsprozess diente eben nicht dazu, den Verstorbenen entweder in die Kategorie des Guten oder des Bösen zu stecken. Gedacht war dieser Prozess vermutlich eher als eine Art Weiterentwicklungsprozess, eine stille Reflexion über das eigene Sein. Wenn dieser Ablösungsprozess vom alten Leben abgeschlossen war, kehrte die Seele schließlich in Helheim ein, wo sie von Hel bewirtet wurde und auf ihre Wiedergeburt wartete.

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Walhalla (https://de.wikipedia.org/wiki/Walhall#/media/File:Walhall_by_Emil_Doepler.jpg)

Passend zum Zyklus des Lebens besaßen die Nordmänner, auch wieder ähnlich zu den Griechen, Schicksalgöttinnen. In der griechischen Mythologie nannten sich diese Moiren und es waren drei Frauen. In der nordischen Mythologie nennen sie sich Nornen und sind ebenfalls drei Frauen.

Der Sage nach spinnen sie den Faden eines jeden Lebens. Sie leben an einer der drei Quellen, die sich an der Wurzel von Yggdrasil befinden. Ihre Personen stehen jeweils für die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Urd, was so viel wie Schicksal bedeutet und gleichzeitig der Name der Quelle ist, an der die Nornen leben, stellt die Vergangenheit dar. Verdandi, das Werdende, stellt die Gegenwart dar und Skuld, die Schuld, stellt die Zukunft dar.

Neben der Vorstellung, dass die Nornen den Faden des Lebens spinnen, gibt es auch die Vorstellung, dass sie Runen dazu einsetzen, das Schicksal eines jeden Menschen zu bestimmen. Von der Vorstellung des Fadens stammt übrigens auch der Ausspruch, dass das Leben am seidenen Faden hängt.

Obwohl es jetzt so wirken mag, als wäre das Schicksal, oft als Wyrd oder Wurd bezeichnet, feststehend und unabänderlich, stimmt dies nicht. Denn die Nordmänner begriffen das, was wir heute als Schicksal bezeichnen, eher als eine Art Reaktion des Kosmos oder der höheren Mächte auf jede Aktion eines Lebewesens.

Die Nornen mochten zwar eine Art Zukunft sehen können, aber diese musste deswegen nicht unbedingt eintreffen. Dies unterscheidet die nordische Mythologie sehr stark von allen anderen und bekannten Mythologien Europas. Denn sowohl in der griechischen, römischen als auch ägyptischen Mythologie, wenn man diese noch zu Europa zählen will, wird das Schicksal oder die Zukunft als unveränderlich betrachtet.

Angesichts der Tatsache, die ich bereits im zweiten Teil angesprochen habe, dass die Götter in der Vorstellung der Nordmannen keine allmächtigen und allwissenden Wesen waren, verwundert diese Vorstellung des Schicksals allerdings kaum.

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Nornen spinnen das Schicksal (https://de.wikipedia.org/wiki/Nornen#/media/File:Nornorna_spinner_ödets_trådar_vid_Yggdrasil.jpg)

Ein Gegensatz hierzu, für den ich auch keine wirkliche Erklärung habe, ist die Vorstellung von Ragnarok oder Ragnarök, dem Ende der Welt. Gegensätzlich ist diese Vorstellung vor allem deswegen, weil sie ein festgeschriebener und unabänderlichen Ablauf darstellt, was passieren wird, wenn das Weltenende kommt.

Ragnarök bedeutet, entgegen der weit verbreiteten Meinung, nicht Götterdämmerung, sondern viel mehr Schicksal der Götter. Diese Fehlübersetzung mag auf den Komponisten Richard Wagner zurückgehen, der eines seiner Stücke, das eben Ragnarök behandeln soll, als Götterdämmerung betitelt hat.

Ich möchte jetzt nicht haargenau schildern, was genau passiert. Wer sich dafür interessiert, findet hier eine kurze Beschreibung der Ereignisse. Was meiner Ansicht nach noch wichtig zu sein scheint, ist der Umstand, dass das Ende der Welt eben nicht das vollständige Ende ist. Laut der Sage wird es drei Jahre Kampf und einen ebenso langen Winter geben und dann wird die Welt gewissermaßen wieder auferstehen.

Einige Leute sehen in Ragnarök ebenfalls einen Zyklus, denn möglicherweise, so deren Interpretation, passiert dies in regelmäßigen Abständen immer wieder. Der einzige Mangel an dieser Theorie scheint zu sein, dass sie keinerlei Erklärung dafür liefern, wie der ursprüngliche Zustand vor Ragnarök wiederhergestellt wird, denn das Weltenende ist zugleich auch das Ende für einige Götter.

Und damit habe ich alles niedergeschrieben, was ich zum breiten Thema der nordischen Mythologie zu berichten weiß. Natürlich waren meine Ausführungen nicht erschöpfend, gerade bezüglich der einzelnen Götter und deren Funktionen. Allerdings kann man diese drei Artikel als eine Art Einführung in das Thema betrachten.

Aus diesem Grund möchte ich am Ende noch ein paar weiterführende Literaturhinweise geben. Wer sich mehr über die Götter informieren möchte, dem empfehle ich Ásatrù: Die Rückkehr der Götter. Gerichtet ist dieses Werk eigentlich an all jene Menschen, die den Glauben an die nordischen Götter erforschen wollen, aber selbst wenn man nicht an sie glauben möchte, kenne ich kein Buch, das ausführlicher über die einzelnen Götter informiert als dieses Werk.

Wer sich mit der eigentlichen Sage auseinandersetzen möchte, dem sei eine der kommentierten Fassungen der Edda empfohlen wie etwa diese. Ich würde davon abraten, eine unkommentierte Fassung zu lesen, weil man dann möglicherweise nicht alles verstehen wird. Man darf nicht vergessen, dass diese ganzen Legenden an die 1.000 Jahre alt sind. Und jeder, der schonmal versucht hat, eine Bibel zu lesen, wird wissen, dass das gar nicht so leicht ist ohne das nötige Hintergrundwissen.

Wer sich mehr mit den Runen und dem Orakeln beschäftigen will, dem seien diese beiden Bücher empfohlen: Wer es wissenschaftlicher mag, wird sicher in Krauses Runen: Geschichte – Gebrauch – Bedeutung etwas finden und wer es etwas Esoterischer mag, dem sei Runen: Zauberzeichen der Germanen empfohlen.

Dann bedanke ich mich für die Aufmerksamkeit!

Nordische Philosophie (und Mythologie) – Teil 3

Nordische Mythologie – Teil 2

Kommen wir nun zu den Göttern.

In der nordischen Mythologie kann man zunächst zwei Göttergeschlechter unterscheiden: Asen und Wanen.

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Thor (https://de.wikipedia.org/wiki/Asen_(Mythologie)#/media/File:Mårten_Eskil_Winge_-_Tor%27s_Fight_with_the_Giants_-_Google_Art_Project.jpg)

Die Asen sind das größere und heutzutage bekanntere Geschlecht der beiden Götter, zumindest was ihre Vertreter angeht. Zu ihnen zählen etwa Loki, Odin oder der oben dargestellte Thor. Allerdings zählen zu ihnen auch weniger bekannte Götter wie etwa Tyr, Heimdall oder Bragi. Die Asen zeichnen sich vor allem durch ihr kriegerisches und herrschendes Temperament aus und sie leben an der Spitze Yggdrasils in Asgard.

Die Wanen fallen zahlenmäßig deutlich kleiner aus und zu ihnen zählen ebenfalls weniger bekannte Götter wie etwa Freyja und Njörd. Im Gegensatz zu den kriegerischen – also wohl eher zerstörerischen Asen – schreibt man den Wanen eine hohe Fruchtbarkeit zu. Sie leben in Wanenheim, was ungefähr in der Mitte Yggdrasils liegt. Außerdem sind sie das ältere der beiden Göttergeschlechter.

In manchen Quellen werden auch die Riesen und Ungeheuer zu einem dritten Göttergeschlecht gezählt, wodurch sie das älteste Geschlecht überhaupt wären. Die Riesen und Ungeheuer stehen im Grunde für alles Böse. Oftmals werden ihnen auch Naturkatastrophen zugeschrieben und sie besitzen deswegen auch die Macht, die Welten zu vernichten.

Aus diesem Grunde gibt es die Wanen, die die Riesen einerseits beobachten und andererseits versuchen sie, ein Gleichgewicht zu erhalten. Weil die Wanen aber kämpferisch nicht sehr begabt sind, gibt es eben noch die Asen, die letztlich die Macht besitzen, sich und die Welten gegen die Riesen verteidigen zu können.

Angesichts der Tatsache, dass die oft als magische Drei bezeichnete Zahl auch für die Menschen des Nordens einen hohen Stellenwert besaß – drei mal drei Welten in Yggdrasil, drei Geschlechter bei der Unterteilung der Runen, drei erste Götter mit Odin, Vili und Ve – erscheint die Begründung, es gäbe drei Geschlechter nicht allzu weit entfernt.

Ein wichtiger Unterschied zwischen den Asen und Wanen, der eher selten erwähnt wird, ist der Umstand, dass die Wanen ewiges Leben besitzen. Damit die Asen ebenfalls ewig leben können, greifen sie auf die Äpfel der Idun zurück. Idun selbst ist die Göttin der Unsterblichkeit und der Jugend, und, interessanterweise, gehört sie selbst zum Geschlecht der Asen. Dennoch soll es immer wieder Neid seitens der Asen auf die Wanen gegeben haben, weil sie das ewige Leben eben von Geburt an haben.

Bevor wir zur Stellung der Götter und der Bedeutung ausgewählter Götter kommen, muss ich der Vollständigkeit wegen noch den Krieg der Götter erwähnen, denn er ist eine wichtige Geschichte in der nordischen Mythologie.

Bedenkt man, dass die Asen kriegerisch und herrschend waren und getrennt von den Wanen lebten, ist es nicht sonderlich verwunderlich, dass es zwangsläufig zwischen diesen beiden Geschlechtern zu einem Konflikt kommen musste. In der Regel wird der Wanen- oder Asen-Wanen-Krieg als der erste Konflikt der Welt angesehen.

Ausgangspunkt für diesen Krieg ist die Göttin Gullveig, eine Wanin, die als Hüterin der Schätze und des Goldes gilt – von ihr leitet sich vermutlich auch das Wort Gold ab -, und die aber auch die Gier nach dem Gold über die Götter brachte. Die Asen nahmen Gullveig gefangen und wollten wissen, woher sie ihren Reichtum bezog, allerdings verriet sie ihr Geheimnis nicht. Aus diesem Grund folterten und verbrannten die Asen die Göttin insgesamt dreimal – auch hier wieder die magische Zahl. Dieser (mehrmalige) Mord gilt übrigens auch als der erste Mord überhaupt. Als die Wanen vom Tod Gullveigs erfuhren, waren sie so erbost, dass sie einen Krieg begannen.

Je nach Auslegung der Quelle wurde Gullveig wirklich getötet, aber davon ausgehend, dass sie eine Göttin und Waninen war, kann man auch davon ausgehen, dass sie auch nach der dritten Verbrennung wieder auferstanden ist, immerhin ist sie bei der ersten und zweiten Tötung auch wieder auferstanden.

Historiker gehen davon aus, dass dieser Krieg seinen eigentlichen Ursprung in der Geschichte der skandinavischen Völker hatte. So sollen die sogenannten Schnurkeramiker gegen die Streitaxtleute gekämpft haben. Beide Namen stehen für alte Kulturen, die sich im skandinavischen Raum aufgehalten haben sollen.

Obwohl die Asen den Wanen zahlenmäßig weit überlegen waren, stand doch das Schlachtenglück auf Seiten der Wanen. Nach langen und verlustreichen Auseinandersetzungen mussten dies auch die kriegerischen Asen einsehen, weswegen sie ihren Feinden ein Friedensangebot unterbreiteten. Und obwohl die Wanen im Begriff waren, den Krieg zu gewinnen, begaben sie sich ebenfalls an den Verhandlungstisch, denn sie hassten den Krieg.

Noch interessanter wird es, wenn man bedenkt, dass die Wanen im Verlauf der Verhandlungen sogar einen Großteil ihrer Macht freiwillig abgaben. Dahinter vermutet man nicht ganz zu unrecht die alte Moral, nach der der Klügere nachgibt. Außerdem, um zu verdeutlichen, dass man einen dauerhaften Frieden wollte, tauschte man noch Geiseln aus – eine durchaus übliche Praxis in der Antike und ein Motiv, das man in so manch literarischem Werk wiederfinden kann.

Æsir-Vanir_war_by_Frølich
Odin beginnt den Krieg durch den Wurf seines Speers. (https://de.wikipedia.org/wiki/Wanenkrieg#/media/File:Æsir-Vanir_war_by_Frølich.jpg)

Eine Besonderheit in der Hierarchie der Götter des Nordens besteht darin, dass es keine richtige Hierarchie gibt. Der Einfachheit wegen wird gern behauptet, dass Odin der König der Götter oder der Hochgott sei, doch nach allen Quellen und Interpretationen nach zu urteilen, gibt es keinen König der Götter. Im Grunde genommen stehen alle Götter und Göttinnen auf einer Ebene.

Begründet wird dies oft dadurch, dass jeder Gott in der Regel nur eine oder zwei herausragende Eigenschaften besitzt, weswegen es eben nicht möglich ist, dass sich ein einziger Gott zum Herrscher aufschwingen konnte. Allmächtigkeit erreichen die nordischen Götter nur dann, wenn sie zusammenarbeiten und sich ihre jeweiligen Eigenschaften gegenseitig ergänzen.

Einen ähnlichen Mangel an hierarchischer Struktur wies auch das Verhältnis zwischen den Göttern und den Menschen auf. Sicherlich betrachteten die Nordmänner die Götter als höhere Wesen aufgrund ihrer übermenschlichen Fähigkeiten, aber sie ordneten sich den Göttern niemals vollständig unter.

Ähnlich wie in der griechischen und römischen Mythologie waren die nordischen Götter den Menschen nicht sehr unähnlich, was sich vor allem durch deren Probleme und Geschichten zeigte. Auch unter den Göttern gab es Verrat, Liebe und Hass.

Der vermutlich berühmteste Vertreter der nordischen Gottheiten dürfte Thor sein, immerhin taucht er ja auch in Comics und Filmen auf. Allerdings ist die Comicfigur des Thor nicht unbedingt eine exakte Kopie des Thor, den die Nordmänner im Sinn hatten.

Ursprünglich stellte man sich Thor als einen klassischen Hünen vor: groß, muskulös, nicht zwangsläufig intelligent, aber dennoch mit einer bestechenden Ehrlichkeit und Geradlinigkeit ausgezeichnet. Thor besaß kein großes Geschick was Intrigen anging, wenn es für ihn ein Problem gab, dann löste er es immerzu auf dem direkten Weg. Entgegen der Comicfigur stellte man sich Thor aber auch mit roten Haaren und einem mächtigen, roten Bart vor. Ausgerüstet war er natürlich mit dem berühmten Hammer, dem Mjölnir.

Ebenfalls aus dem Comic- und Filmuniversum bekannt ist mittlerweile auch Loki. Er gilt als der Gott der List und wird, der Einfachheit wegen, oft als ein Pendant zum christlichen Teufel dargestellt. Allerdings kann man diesen Vergleich nur bedingt ziehen, denn Loki mag zwar listenreich und intrigant sein, aber die Menschen betrachteten ihn nicht als die Personifizierung des Bösen.

Der uns heute sehr vertraute Dualismus aus Gut und Böse existierte für die Nordmannen nicht. In ihren Augen waren die Götter schlichtweg pragmatisch, was so viel heißt wie, dass sowohl Thor und Loki Ziele verfolgten, aber eben auf sehr unterschiedliche Art und Weise.

Ein weiteres Indiz dafür, dass man Loki nicht schlichtweg als den Bösen abstempeln kann, ergibt sich aus der Tatsache, dass er zwar scheinbar mit seinem Vorgehen anderen Lebewesen schaden wollte, es ihm aber nicht immer gelang. Aus einer List heraus erfand Loki beispielsweise der Sage nach das Fischernetz, was für die Skandinavier und Nordgermanen wohl eines der wichtigsten Instrumente zur Beschaffung von Nahrung war.

Möglicherweise weniger bekannt ist Lokis Blutsbruder Odin, der sogenannte Allvater und Hochgott der nordischen Götter.

Odin ist eine der vielseitigsten und interessantesten Gottheiten des Nordens. Oftmals wird er als eine Art Kriegsgott gesehen, allerdings stimmt dies nur sehr bedingt. Kampf ist ein Aspekt seiner Persönlichkeit, aber er gilt auch als ein äußerst weiser Mann und als Erfinder der Runen. Dementsprechend unterschiedlich wird er auch dargestellt.

In seiner Rolle als Kriegsgott trägt er beispielsweise immer seinen Speer Gungnir. Oftmals reitet er auch auf seinem achtbeinigen Pferd Sleipnir. Aber es gibt auch Darstellungen, die ihn als einen rastlosen Wanderer in einem grauen Mantel und mit einem Wanderstock darstellen, weil er auch als Wanderer zwischen den Welten gilt. Letztere Darstellung war übrigens die Vorlage für Gandalf aus Tolkiens Herr der Ringe-Epos.

Stets begleitet wurde er von seinen beiden Raben – Hugin und Munin -, die unterschiedlich interpretiert werden. Einerseits betrachtet man sie als die Augen Odins, denn sie fliegen immerzu durch die Welten und berichten dem Allvater, was geschieht – darüber hinaus, dies sei am Rande erwähnt, hatte Odin auch nur ein Auge. Aber es gibt auch eine andere Interpretation, die sich aus der Übersetzung der beiden Namen ergibt.

Hugin bedeutet so viel wie Gedanke und Munin bedeutet so viel wie Erinnerung. Das heißt, wenn man Gedanke so versteht, dass eine Denkleistung in die Zukunft projiziert wird, man denkt also über die Zukunft nach, kann man Hugin als die Zukunft an sich und Munin als Vergangenheit, weil er der Erinnerung entspricht, verstehen.

Laut der Sage machte sich Odin oft Sorgen, dass seine beiden Raben nicht zurückkommen, dass also die Zukunft und die Vergangenheit gewissermaßen verschwinden. Betrachtet man nun Odin selbst als das Pendant zur Gegenwart, könnte man darin eine Art Metapher erkennen, die uns sagen will, dass man stets alle drei Zeitebenen – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – im Blick haben sollte.

Es gibt aber auch die gegenteilige Meinung, dass gerade durch die Abwesenheit von Zukunft und Vergangenheit ein großes Augenmerk auf der Gegenwart liegen soll. Dies würde einer Denkweise entsprechen, die man in vielen Philosophien sehen kann und die sich oft zusammenfassen lässt unter dem Motto: Man solle in der Gegenwart leben.

Weniger tiefgründig sind die beiden Wölfe des Odin – Geri und Freki. Sie dienen lediglich dazu, in Walhalla Odins Speisen zu verzehren, während der Allvater selbst nur Met zu sich nehmen darf.

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Odin (https://en.wikipedia.org/wiki/Geri_and_Freki#/media/File:Odin,_der_G%C3%B6ttervater.jpg)

Zum Abschluss unserer kleinen Götterschau will ich noch eine Vertreterin vorstellen, die mich am meisten fasziniert hat: Hel.

Hel ist die Herrscherin der Unterwelt, Helheim, und von ihrem Namen leitet sich wahrscheinlich auch das englische Wort für Hölle (hell) ab. Allerdings sei hier kurz erwähnt, dass die nordische Unterwelt den meisten Quellen nach nicht vergleichbar ist mit der christlichen Hölle.

Während unsere Vorstellung der Hölle oder Unterwelt durchweg negativ belegt ist, ist die nordische Unterwelt kein allzu schlechter Ort. Und auch an der Herrscherin selbst zeigt sich wieder einmal, dass die Menschen des Nordens kein klassisches Gut oder Böse kannten. Denn Hel soll all jene, die ihre Unterwelt betraten, sogar bewirtet haben.

Den meisten Menschen ist womöglich Walhalla ein Begriff. Oftmals wird davon ausgegangen, dass jeder Tote nach Walhalla kommt und deswegen denken auch viele Menschen, dass eben Walhalla die eigentliche Unterwelt sei. Allerdings war Walhalla lediglich all jenen Toten vorbehalten, die in der Schlacht gestorben sind. Die Menschen jedoch, die eben nicht im Kampf starben, kamen nach Helheim.

Was genau mit den Menschen in Helheim passierte, erläutere ich dann im nächsten Artikel. Aber was mich so an der Göttin faszinierte, ist ihre Darstellung. Denn durch Hels Körper verläuft gewissermaßen eine Linie.

Während die linke Seite ihres Körpers dem Idealbild einer schönen Frau entspricht mit einer makellosen Haut und wundervollen blonden Haaren, soll die rechte Seite ihres Körpers wohl eher dem entsprochen haben, was wir heute als Zombie bezeichnen würden, also einem langsam verrottenden und stinkenden Fleischklumpen. Damit spiegelt sie im Grunde den allgegenwärtigen Dualismus von Leben und Tod in ihrer eigenen Person wider – man könnte auch von Yin und Yang sprechen – und gleichzeitig zeigt sie damit auch auf, dass für die Nordmänner Leben und Tod eben nicht strikt voneinander getrennt waren, andernfalls würde man diese beiden vermeintlichen Gegensätze nicht in einer einzigen Person vereint finden.

Fortsetzung folgt …

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Hel (https://i.pinimg.com/736x/62/e2/ce/62e2ced87851f2900fb327335b1b70fd–norse-goddess-norse-mythology.jpg)
Nordische Mythologie – Teil 2

Nordische Mythologie – Teil 1

Ich habe lange überlegt, wie ich diesen Artikel überschreiben soll, denn es ist schwer, eine klare Trennung zwischen einer germanischen oder nordisch-skandinavischen Philosophie und Mythologie zu machen. Oftmals wird eine Trennung zwischen beiden Weltanschauungen suggeriert, allerdings besteht diese meistens eher in Details – vor allem die Namen der Gottheiten unterscheiden sich, aber die grundlegenden Gedanken sind nahezu identisch. 

Aber wie bin ich eigentlich zu diesem Thema gekommen? 

Ich hatte schon immer ein gewisses Interesse für mythologische Themen. Natürlich ist es wesentlich leichter, etwas über die griechische oder römische Mythologie zu erfahren, einfach weil dort wesentlich mehr überlieferte Quellen existieren, die man vor allem heute auch noch verstehen kann. 

Schauen wir etwa nach Ägypten, so haben wir durchaus schriftliche Quellen, die man auch durchaus versteht, bei denen man sich aber nicht sicher sein kann, ob sie immer vollständig vorliegen. In manchen Fällen weiß man sogar sehr sicher, dass bestimmte Texte schlichtweg verloren gegangen sind. 

Die lateinische Sprache hat sich im Gegensatz zu den Hieroglyphen aber bis heute erhalten und man kann sie auch noch in Schulen lernen. Ähnliches kann man auch über das Altgriechisch sagen, das Theologen heute im Studium noch lernen müssen. Dementsprechend sicher kann man sich bei den Quellen der jeweiligen Mythologien sein. 

Viel schwieriger sieht es aber bei nordischen Mythen aus, denn die Germanen und andere sogenannte Barbaren haben uns kaum Schriften hinterlassen. Es gibt zwar einige Runensteine beispielsweise, aber die sind in ihrem Umfang nicht mit den Überlieferungen aus dem Mittelmeerraum zu vergleichen. 

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Runenstein Karlevi (http://grosssteingraeber.de/media/Fotos/Schweden/Kalmar/Oeland/P1110580karlevi.jpg)

Meine allererste Berührung mit der nordischen Mythologie bestand mit dem Lesen eines Artikels zu Yggdrasil. Ich denke, viele andere Menschen werden andere Berührungspunkte haben, sei es durch die Comicfigur Thor oder vielleicht auch durch Tolkiens Werke, die sehr stark von den nordischen Erzählungen geprägt worden sind. 

Yggdrasil wird gern als Weltenbaum oder fälschlicherweise als Weltenesche übersetzt. Falsch ist diese Übersetzung deswegen, weil das Wort wortwörtlich auf eine Eibe und nicht auf eine Esche verweist. Das spielt für den mythologischen Kontext eine Rolle. Er ist im Grunde eine Metapher oder die Vorstellung der nordischen Weltanschauung. Damit ist aber nicht die Welt in Form der Erde gemeint, diese Vorstellung geht wesentlich weiter. 

Es gibt bezüglich seiner Gestaltung zwei Vorstellung: Die am weitest verbreitete und eigentlich auch am ehesten anerkannte Vorstellung spricht von neun unterschiedlichen Welten, die sich in Yggdrasil wiederfinden und bei denen die Welteneibe eine Art Verbindung darstellt. Bildlich kann man es sich ungefähr so vorstellen, dass jede Welt auf einem Ast oder im Wurzelwerk liegt und die Äste zusammen mit dem Stamm stellen eine Verbindung her. 

Eine andere Vorstellung, die vor allem durch das Aufkommen der Quantenphysik entstanden ist, beschreibt Yggdrasil als eine Verbindung unendlich vieler Welten. Diese Interpretation geht davon aus, dass die neun namentlich bekannten Welten letztlich nur Beispiele für eine viel größere Zahl waren. Somit hat man in dem mythologischen Weltenbaum eine Art Metapher für das gefunden, was die Quantenphysik mit ihrer Mehrdimensionalität ebenfalls zum Ausdruck bringt. 

 

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Yggdrasil und seine Welten (https://www.pinterest.de/pin/404549979005016086/)

Zur Entstehungsgeschichte der Welt, auf der wir Menschen leben, gibt es zwei Versionen. Eine finden wir in der älteren Lieder-Edda und eine andere Version findet sich in der jüngeren Prosa-Edda.

Glaubt man den Nordmännern, so gab es am Anfang die sogenannte Ginnungagap, die meistens als Spalt oder Riss übersetzt wird. Dieser Riss diente als Grenze zwischen dem feurigen Muspellsheim und dem eisigen Niflheim. Durch das Feuer Muspellsheim kam es vor, dass ganze Gletscher schmolzen und das Schmelzwasser im Ginnungagap verschwand.

Im Punkt des Entstehens eines ersten Lebewesens unterscheiden sich nun beide Versionen voneinander. In der Lieder-Edda taucht plötzlich der Riese Ymir auf. Es gibt schlichtweg keine Erklärung, woher er stammt. In der Prosa-Edda aber wird erklärt, dass das Schmelzwasser aus Niflheim in die Ginnungagap floss und so, aus dem Kampf zwischen dem heißen Feuer und dem eher kalten Wasser, entstand Ymir.

In beiden Versionen wiederum wird dieser als der Urriese bezeichnet. Er wird als zweigeschlechtliches Wesen beschrieben, kann also ohne einen Partner andere Lebewesen hervorbringen. In beiden Versionen erschafft Ymir auch einen Sohn und eine Tochter, sowie einen weiteren sechsköpfigen Jungen. Lediglich die Prosa-Edda schreibt noch etwas zu dem sechsköpfigen Jungen. So sollen sich aus ihm die Urzeitriesen entwickelt haben. Beide Versionen wissen allerdings nicht weiter darüber zu berichten, was aus dem anderen Jungen und dem Mädchen wurde.

In der Prosa-Edda gibt es noch eine Urkuh mit dem Namen Audhumbla. Sie hatte zwei Funktionen: Einerseits ernährte sie Ymir und andererseits leckte sie aus einem Stein einen Mann namens Buri frei. Dies geschah innerhalb dreier Tage, wobei am ersten Tag lediglich die Haare, am zweiten Tag der Kopf und erst am dritten Tag der ganze Körper zu sehen war.

Dieser Buri wiederum zeugte einen Sohn mit dem Namen Burr und dieser wiederum zeugte mit der Riesin Bestla die drei Götter Odin, Vili und Ve.

Möglicherweise wurde der Abschnitt Audhumblas der Prosa-Edda allein deswegen hinzugefügt, weil sich aus der Lieder-Edda eine Lücke ergibt zwischen dem Riesen Ymir und der Entstehung der Götter.

Was mich zu einem Problem führt, dass ich noch erwähnen sollte.

Wie ich bereits geschrieben hatte, ist die Quellenlage bezüglich der Mythologie etwas dürftig. Zwar gibt es die beiden oben genannten Niederschriften, bei denen man aber nicht vergessen darf, dass sie einerseits einige Zeit nach den eigentlichen Lebzeiten derer entstanden sind, die an diese Dinge glaubten und damit darf man auch nicht vergessen, dass die Verfasser dieser Werke möglicherweise ihre eigenen Wertvorstellungen mit in die Texte einbrachten.

Im Falle der Prosa-Edda, die von einem Isländer namens Snorri Sturluson verfasst wurde, vermutet man etwa, dass durchaus auch christliche Einflüsse in dem Werk vorkommen könnten.

So berichtet Sturluson davon, dass die aus Ymirs sechsköpfigem Jungen hervorgegangenen Urzeitriesen nach der Entstehung des Meeres aus dem Blut des Riesen ertrunken seien. Umstritten ist diese Theorie vor allem deswegen, weil sie zu sehr an die christliche Sintflut erinnert und es in der Lieder-Edda keinerlei Hinweis auf ein derartiges Ereignis gibt. Auch später wird nie wieder in irgendeiner Form ein Bezug zu einer Sintflut gemacht.

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Urkuh nährt Ymir und leckt Buri frei (https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=639093)

In jedem Falle jedoch töteten Odin, Vili und Ve den schlafenden Riesen und aus seinem Körper bauten sie die Welt. Die Erde wurde aus seinem Fleisch geformt, das Meer aus seinem Blut, Felsen und Gebirge waren einst Ymirs Knochen, die Bäume waren sein Haar, die Augenbrauen wurden zu Midgard, der Himmel wurde aus Ymirs Schädel geschaffen und die Wolken aus seinem Gehirn.

Diese Vorstellung mag für einen Europäer des 21. Jahrhunderts zunächst sehr martialisch wirken, allerdings gibt es auch in anderen Kulturen ähnliche Vorstellungen. In Indien etwa gibt es die Vorstellung eines Urmenschen Purusha aus dem die Welt hervorging.

Abhängig von den herangezogenen Quellen wird beispielsweise in der Ginnungagap auch eine Art Urvagina gesehen, aus der alles heraus geboren wurde. Dies passt zu der allgemeinen Vorstellung dieser Völker, dass das Weibliche schon immer das Leben hervorgebracht hat, also betrachtete man diesen Spalt oder Riss möglicherweise auch als etwas rein Weibliches. Wenn man diese Idee weiterspinnt, und manche Autoren tun das, kann man in dem geschmolzenen Eis Niflheims gewissermaßen auch eine Art Ursperma sehen, das letztlich Ginnungagap befruchtet hat.

Ob es die betreffenden Völker tatsächlich so gesehen haben, ist allerdings bis heute fraglich.

Fortsetzung folgt …

 

 

Nordische Mythologie – Teil 1

Ein Pazifist beschäftigt sich mit Kriegsführung

Die Leute, die mich schon länger kennen und vielleicht auch meine Videos gesehen haben, werden wissen, dass ich mich selbst eher als einen Pazifisten bezeichnen würde. Sehr wohl ist mir aber bewusst, dass der Pazifismus genauso wie der Kommunismus eine Ideologie ist und manchmal muss man den Pfad einer Ideologie verlassen und sich dem Pragmatismus zuwenden. Vor allem wenn das Gegenüber, welches man mit diplomatischen Mitteln versucht, zu beruhigen, darauf nicht eingehen will und es stattdessen nach einer handfesten Auseinandersetzung sucht.

Im Zuge dieser Überlegung hielt ich es für spannend, mich mit Kriegsführung auseinanderzusetzen. Damit ist vor allem der theoretische Aspekt gemeint – strategische Überlegungen, taktisches Vorgehen, mentale und moralische Probleme und Möglichkeiten.

Ich muss dazu sagen, dass ich diesbezüglich kein unbeschriebenes Blatt bin. In meiner Jugend habe ich mich recht viel mit Schlachten der Geschichte beschäftigt und auch mit technischen Möglichkeiten und Mitteln des Militärs. Allerdings musste ich feststellen, dass mein Wissen völlig überholt war.

Es mag merkwürdig sein, doch auch als eher pazifistischer und friedliebender Mensch, der ich schon immer war, hat mich Militärtechnik irgendwie fasziniert. Es war wohl eine ähnliche Faszination, wie sie Kinder beim Anblick einer Dampflok empfinden mögen.

Ich weiß auch, dass sich beispielsweise viele Manager mit Kriegsführung auseinandersetzen. Es gibt wahnsinnig viele Seminare, in denen Geschäftsmänner Sunzis „Kunst des Krieges“ lesen und die dort vorgebrachten Vorgehensweisen auf ihr alltägliches und geschäftliches Leben übertragen. Im Falle des alten chinesischen Meisters mag dies funktionieren, da seine Handlungsanweisungen recht allgemein gehalten sind und sie sich deswegen leicht auch auf andere Bereiche des Lebens übertragen lassen. Bei modernen und vor allem spezifischen Werken funktioniert das nur noch sehr bedingt.

Aber darum ging es mir auch nicht primär. Ich wollte wissen, wie man heutzutage Kriege führt.

Also recherchierte ich ein wenig im Internet und stieß recht schnell auf William S. Lind. Der Mann ist heute 70 Jahre alt und hat Geschichte studiert. Außerdem gilt er als eine recht umstrittene und vor allem konservative Persönlichkeit. Aber er gilt vor allem auch als ein sehr guter Militärtheoretiker und Mitbegründer des sogenannten Fourth Generation Warfare, also der Kriegsführung der vierten Generation.

Besagter Lind hat auch ein kleines Buch herausgebracht namens 4th Generation Warfare Handbook. Leider gibt es das nur in der englischen Sprache und es ist manchmal etwas anstrengend, die ganzen Abkürzungen, die er aus dem Militärjargon verwendet, herauszufinden. Gemeint sind Kürzel wie etwa KIA, was killed in action, also getötet im Gefecht bedeutet.

Hat man sich aber einmal an diesen Jargon gewöhnt, liest sich das Buch erstaunlich flüssig und selbst für einen Menschen, der kein Militärtheoretiker ist, sind die darin enthaltenen Ausführungen sehr verständlich, weil er neben seinen theoretischen Ausführungen auch immer fiktive, aber dennoch praktische Anwendungen hinzufügt, beispielsweise als er Operation Goliath der Operation David gegenüberstellt.

Vielleicht kurz zur Erklärung: Beide Operationen sind fiktive Missionen im Inshallahland, einem fiktiven, islamisch geprägten Staat, in den die USA einmarschieren. Goliath beschreibt das übliche, uns sehr vertraute Vorgehen, bei dem die US-Army mit schweren Geräten in eine Stadt einmarschiert, Türen eintritt, Leute verhört und bedroht und sich letztlich mit der geballten Feindseligkeit der Bevölkerung konfrontiert sieht. David hingegen beschreibt ein subtileres Vorgehen, bei dem die Soldaten eben nicht als übermächtige Goliaths auftreten – daher die beiden Namen der Operationen nach der biblischen Geschichte. Stattdessen versuchen sich die US-Soldaten zu integrieren, in Kontakt mit der Bevölkerung zu treten, in dem sie etwa in örtlichen Läden einkaufen gehen oder in Hotels oder Pensionen übernachten, statt sich eine riesige Basis aufzubauen.

Das mag sich jetzt sehr banal anhören, aber Lind führt aus, welch gravierenden Unterschied es bei diesen beiden Vorgehensweisen gibt. Im Falle von Goliath ziehen die Soldaten sehr schnell den Hass der Einheimischen auf sich, weil sie sich eben als übermächtige und alles zerstörende Entität darstellen. So machen sie es dem Feind – in diesem Falle etwa Terroristen, die sich gegen die Besatzung wehren wollen – sehr leicht ein Feindbild zu kreieren. Im Falle von David hingegen lernen die Einheimischen die Soldaten als normale Menschen kennen. Sie sehen sie nicht nur als Männer und Frauen in Uniformen, was es ihnen wesentlich schwerer macht, sie zu hassen und später auch zu bekämpfen.

Es ist eine der wichtigsten und zentralsten Vorbereitungen für einen Krieg, den Gegner zu entmenschlichen. Schaut man sich etwa die Propaganda vor dem Ersten und Zweiten Weltkrieg an, in dem der jeweilige Feind immer als etwas Böses und Unmenschliches dargestellt wird, versteht man auch, wieso es den jeweiligen Soldaten so vergleichsweise leicht fiel, sein Gegenüber zu erschießen.

In unserer heutigen Zeit, in der wir Kriege führen können wie Videospiele an irgendwelchen Joysticks, braucht es so gut wie keine Propaganda mehr. Ein Drohnenpilot sieht seinen Gegner nicht direkt, höchstens als Darstellung auf einem Bildschirm und er muss auch keine Waffe halten oder einen Abzug drücken. Er muss lediglich einen roten Knopf an einem Joystick betätigen und feuert dann eine Rakete oder Maschinengewehrsalve ab.

Diese Entwicklung hat Vor- aber eben auch Nachteile. Ein Vorteil ist die Abkehr vom sogenannten Totalen Krieg. Gemeint ist hier nicht die berühmte Rede Goebbels, es geht viel mehr um ein militärtheoretisches Konzept, das einen Krieg als ein allumfassendes Phänomen beschreibt.

Üblicherweise waren Kriege immer Konflikte zwischen bewaffneten Männern. Doch spätestens im Zweiten Weltkrieg richtete sich der Krieg auch gegen die Zivilbevölkerung. Genau dieses Übergreifen von militärischem Personal auf Zivilisten beschreibt der Totale Krieg.

Mit modernen Kriegsmitteln wie etwa den Drohnen ist es heute möglich, sehr gezielte Angriffe vorzunehmen, wodurch Menschenleben geschont werden können. Glücklicherweise hat dieses Umdenken auch spätestens nach dem Vietnamkrieg eingesetzt.

Der größte Nachteil ist aber gleichzeitig auch die Entmenschlichung des Krieges. Denn wie oben beschrieben wird der bewaffnete Konflikt heute zu einem Videospiel.

Es ist ein bewiesenes Phänomen der Psychologie, dass es Menschen deutlich schwerer fällt, ein anderes Lebewesen eigenhändig zu töten, als irgendeinen Knopf zu drücken. Dabei geht es nicht mal darum, dass es weniger anstrengend wäre, jemanden zu erschießen, als ihn zu erwürgen. Der Punkt ist, wenn man jemanden erwürgt, sieht man seinem Gegenüber in der Regel ins Gesicht und man sieht den Ausdruck der blanken Angst. Manche Leute sagen auch, man sieht das Weiße im Auge des Feindes.

Wir kennen dieses Phänomen aus dem Reich der Tiere. Entgegen der weitverbreiteten Meinung töten Tiere sich nicht immer. Wenn sie Fleischfresser sind, töten sie andere Tiere, aber eben auch nicht aus Spaß. Es ist eine Notwendigkeit. Bei Revierkämpfen beispielsweise sterben Tiere selten, weil alle Tierarten die Aufgabe das Gegners akzeptieren. Viele Tiere präsentieren dann etwa ihren ungeschützten Bauch und für den Kontrahenten ist dies das Zeichen der Kapitulation.

Stellt man sich die Situation eines Drohnenpiloten vor, der seine Gegner maximal als kleine, ameisenartige Punkte auf einer Karte sieht, ist es nur zu leicht verständlich, wieso es einem solchen Piloten leicht fallen muss, den potenziell tödlichen Knopf zu betätigen.

Doch was bedeutet eigentlich nun diese Kriegsführung der vierten Generation?

Lind führt in seinem Buch aus, dass sich der moderne Krieg spätestens seit dem Vietnamkrieg verändert habe. Vorher haben Staaten gegeneinander Krieg geführt, aber schaut man sich heutige Schlachtfelder an, muss man feststellen, dass heute Staaten gegen nicht-staatliche Organisationen kämpfen wie etwa Terroristen. Um diesen verändertem Umstand Rechnung zu tragen, muss die Kriegsführung angepasst werden.

Zynisch gesagt: Der Krieg wird gewissermaßen weniger destruktiv. Denn statt mit einer gewaltigen Armee irgendwo einzumarschieren und alles einzuäschern, soll man sich nun auf kleine, konzentrierte Operationen verlassen.

Wie oben bereits ausgeführt hat diese Vorgehensweise das Ziel, die einheimische Bevölkerung nicht zu verärgern. Denn das grundsätzliche Problem im Kampf gegen Guerilla-Organisationen besteht darin, den eigentlichen Feind erst einmal zu erkennen.

Als Staaten gegen Staaten Krieg geführt haben, konnte man die Soldaten gut an ihren Uniformen erkennen. Im modernen Krieg kann jeder unscheinbare Zivilist einen Bombengürtel tragen und damit zu einer Gefahr werden.

Lind hat sehr gut erkannt, dass es vor allem der Hass der Zivilbevölkerung ist, der durch eventuell entstehende Schäden einmarschierender Truppen entsteht, der wiederum normale Zivilisten soweit radikalisieren kann, dass sie zu Selbstmordattentätern werden oder sich eben der jeweiligen Guerilla-Organisation anschließen.

Und genau dies mag der Grund sein, wieso es durchaus Sinn macht, sich als Pazifist mit dem Krieg zu beschäftigen. Denn was man vermeiden möchte, das muss man auch kennen und man kann etwas nur kennenlernen, wenn man sich damit beschäftigt.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit!

Ein Pazifist beschäftigt sich mit Kriegsführung