Ein Blick auf den Islam

Es gibt wohl zurzeit kaum eine andere Religion, die so polarisiert wie der Islam. Nicht nur, dass uns eine terroristische Organisation bedroht, die selbst behauptet, einen islamischen Gottesstaat errichten zu wollen, ein großer Teil der Menschen, die hierher kommen bekennen sich zum Islam. Umso verwunderlicher scheint es doch, dass man hierzulande kaum etwas über diese Weltreligion weiß. Selbst wenn man den Islam rundweg ablehnt, sollte man dennoch wissen, was das für Menschen sind, die diesem Glauben anhängen.

An dieser Stelle muss ich gleich zugeben, dass ich mich eher zu den Kritikern des Islam zähle. Aber im Endeffekt ist das keine Besonderheit, denn ich kritisiere alle Religionen, die in irgendeiner Form einen Gott anzubeten glauben. Mir war die Vorstellung, dass es irgendwo im Himmel ein Wesen gibt, das über unser aller Schicksal entscheidet und alles weiß, schon immer suspekt. Nichtsdestotrotz wurde es irgendwann Zeit, dass ich mich mit diesem Thema beschäftige.

Ursache dafür war, wie so oft in meinem Leben, ein spontaner Buchkauf: Syrien verstehen von Gerhard Schweizer. Gedacht habe ich, dass es ein Buch ist, dass die Geschichte, Kultur und eben auch die Religion dieses Landes behandelt. Relativ schnell stellte sich heraus, dass der Islam eine wichtige Stellung in Syrien einnimmt. Ich kann dieses Buch übrigens wirklich empfehlen, denn es ist flott, fast journalistisch verfasst, ähnelt in weiten Teilen einem Reisebericht und immer wenn die Sprache auf etwas zu sprechen kommt, dass dem durchschnittlichen westlichen Leser fremd sein könnte, wird es kurz erläutert. Und der für mich wichtigste Punkt ist, dass der Autor sehr sachlich mit dem Thema umgeht. Weder beschönigt er den Islam und das ganze Land, noch versucht er es zu kritisieren; es ist letztlich einfach eine Bestandsaufnahme.

Doch wenden wir uns nun dem Islam zu.

Zuallererst sollte man wissen, dass der Islam dem Christentum und dem Judentum sehr ähnlich ist. In allen Religionen gibt es Heilige, alle Religionen beten einen Gott an. Was die Moslems immer als Allah bezeichnen, ist im Endeffekt derselbe Gott, den die Christen meinen. Ähnlich wie die Christen haben die Moslems keinen konkreten Namen für ihren Gott – Allah bedeutet letztlich auch nur ‚der Gott‘ im Arabischen. Was aber wirklich beeindruckend ist, im Koran wird sogar auf diesen Umstand, dass es diesen einen Gott gibt, eingegangen: Christen und Juden werden dort oft als Schriftgläubige bezeichnet und interessanterweise gibt der Koran sogar vor, dass Moslems diesen Schriftgläubigen gegenüber tolerant sein müssen! Der Hintergrundgedanke ist, dass Christen und Juden an denselben Gott glauben wie Moslems, aber sie lesen die falsche Schrift.

Orthodoxe Moslems begründen diesen Vorwurf damit, dass der Koran die reinste und direkteste Mitteilung Gottes an die Menschen war. Alles, was im Koran geschrieben steht, wurde dem Propheten Mohammed direkt mitgeteilt. Im Christentum weiß man, dass viele Stellen in der Bibel verändert worden sind, auch noch viele Jahre nachdem die Bibel bereits erschienen ist. Vielleicht hat der ein oder andere Leser schon einmal von den sogenannten Apokryphen gehört? Dabei handelt es sich um Textstellen, die es niemals in die Bibel geschafft haben oder die schlichtweg zensiert worden. Diese Einmischung des Menschen in die Schrift Gottes gibt es aus Sicht der orthodoxen Moslems im Koran nicht und deswegen ist er das einzig wahre Wort Gottes.

Was man auch wissen sollte, ist, dass es DEN Islam nicht gibt. Es gibt auch nicht DAS Christentum als eine vereinigte Religion. Im Christentum haben wir beispielsweise die Evangelisten und die Katholiken, aber dann gibt es beispielsweise noch Mormonen, Baptisten und viele andere Abspaltungen. Im Islam ist es nicht anders. Die wohl größte und deswegen einflussreichste Gruppe – sozusagen die Katholiken des Islam – sind wohl die Sunniten. Dieser Begriff leitet sich von dem Wort ’sunna‘ ab, was so viel wie ‚die Tradition des Propheten des Islam‘ bedeutet. Die andere große und verfeindete Gruppe stellen die Schiiten – sie sind gewissermaßen die Evangelisten des Islam. Ihr Name leitet sich vom Begriff ’schia‘ ab, was so viel bedeutet wie ‚Partei‘ oder ‚Anhängerschaft‘.

Die Geschichte dieser beiden Konfessionen ist kompliziert, wahrscheinlich sogar komplizierter als die Geschichte von Katholiken und Protestanten. Der Streit zwischen den beiden Parteien ist darüber entbrannt, wer der nächste Kalif oder schlichtweg Nachfolger von Mohammed werden sollte. Man kann also sagen, es ist letztlich ein Disput um die Erbfolge. Die Schiiten waren und sind der Ansicht, dass der einzig legitime Nachfolger ein gewisser Ali hätte sein sollen – Schiiten bezeichnen sich deswegen auch als die ‚Anhänger Alis‘. Die Geschichte besagt, dass jener Ali aber zu beschäftigt damit war, die Bestattung Mohammeds zu organisieren und so nutzten andere Männer ihre Chance und ließen sich zum Nachfolger machen. Ali wurde erst nach zwei Vorgängern zum vierten Kalifen ausgerufen, aber er wurde niemals in der Art anerkannt wie seine Vorgänger. Dieser Umstand führte dazu, dass er ermordet wurde. Er hinterließ eine Frau und Söhne. Für die weitere Geschichte ist vor allem sein Sohn Hussein wichtig, denn dieser stellt sich zusammen mit Alis Frau gegen den neuen, fünften Kalifen. Es kam zu einer militärischen Auseinandersetzung bei der sie starben. Der neue Kalif ließ Husseins Kopf aufspießen und nach Damaskus bringen. Diese Geste sollte der Abschreckung dienen. Zuvor, und das ist wichtig, hatte der Kalif eine Gruppe der Schiiten, die Schiiten von Kufa, gegen die restlichen Schiiten ausgespielt. Denn eigentlich sollten die kufischen Schiiten Fatima, der Frau Alis, und seinem Sohn Hussein zu Hilfe kommen. Dieser Verrat der Schiiten von Kufa gilt bis heute als eine historische Schuld. Aus diesem Grund gibt es bei den Schiiten bis heute ein ‚Fest‘ – Ashura genannt -, bei dem sich die Männer auf die Brust schlagen und die Frauen laut wehklagen müssen. Manche Abspaltungen der Schiiten greifen sogar zu einer regelrechten Selbstgeißelung mit einer Peitsche. Sie tun dies, um das Leid der damaligen Schiiten wiedergutzumachen.

Aus den Schiiten haben sich noch zahlreiche andere Strömungen entwickelt, von der ich eine aufgreifen will, die als besonders fortschrittlich gilt: die Alawiten.

Der politisch interessierte Leser kennt diese Strömung vielleicht, denn der syrische Präsident Baschar al-Assad gehört dieser islamischen Glaubensrichtung an. Die Alawiten gelten deswegen als sehr fortschrittlich, weil sie dem Westen gegenüber sehr tolerant sind. So müssen sich bei ihnen die Frauen beispielsweise nicht verschleiern. Sunniten gelten hierbei als weitaus weniger fortschrittlich und dem Westen gegenüber sind die Sunniten sehr viel skeptischer und misstrauischer. Das ist auch der Grund, wieso Baschar al-Assad so problemlos in London leben und arbeiten konnte.

Ein kritisch zu bewertender Punkt im Koran ist, dass man die Schriftgläubigen zu tolerieren habe, aber alle anderen Menschen werden als Ungläubige bezeichnet. Darunter zählen ganz besonders die Buddhisten und die Hindus, die oftmals als Götzendiener betitelt werden, da sie entweder keinem Gott – im Buddhismus – oder gleich mehreren Gottheiten – im Hinduismus – dienen. Und ja, es stimmt auch, dass der Koran durchaus zu Gewalt gegen die Ungläubigen und Götzendiener aufruft. Allerdings muss man hier eben auch einwerfen, dass die unterschiedlichen Strömungen im Islam und der Grad der Orthodoxie des Gläubigen an sich darüber bestimmen, wie man mit anderen Glaubensformen umgeht. Übrigens ist es ja nicht so, dass es auch gewisse christliche Fundamentalisten und Orthodoxe gibt, die ebenso dazu aufrufen würden, andere Religionen abzulehnen oder gar zu bekämpfen.

Natürlich komme ich bei einem Blick auf den Islam nicht umhin, mich mit dem Thema Frau auseinanderzusetzen.

Auch hier muss man klare Unterschiede ziehen. Wie bereits erwähnt lehnen Alawiten beispielsweise die Verschleierung der Frau ab. Während es in anderen islamischen Staaten, allen voran das sehr orthodoxe Saudi-Arabien, vollkommen normal ist, die Frauen zu verschleiern und zu bevormunden. Dies geht soweit, dass die Frauen nicht einmal ein Auto fahren dürfen. In Saudi-Arabien gibt es sogar Kaufhäuser, die einzig und allein für Frauen sind. Dort dürfen sich die Damen dann frei und ohne jede Verschleierung bewegen, denn dort sind sie nicht den gierigen und lüsternen Blicken der Männer ausgeliefert.

Wenn man sich mit der Historie des Koran beschäftigt und vor allem mit den Gedanken, die sich Mohammed zu diesem Thema gemacht hat, dann muss man zugestehen, dass es dem Propheten viel eher um den Schutz der Frauen ging als um die Einschränkung ihrer Rechte. Bevor Mohammed sich den Frauen widmete, waren diese nicht viel mehr als besseres Vieh. Der Schleier beispielsweise war tatsächlich eher zum Schutz der Frauen gedacht vor den übereifrigen Männern. Natürlich ist an dieser Stelle durchaus Kritik anzubringen, denn wieso müssen sich die Frauen denn verhüllen, nur weil die Männer sexuell hyperaktiv sind? Aber, wie sich oft zeigt, werden Frauen in vielen Teilen der Erde derart behandelt. Nicht zuletzt hat auch das Christentum den weiblichen Körper oft als pure Sünde betrachtet.

Übrigens ist der Schleier der europäischen Muslime nicht immer eine religiöse Angelegenheit. Moderne Muslima wollen durchaus westlicher sein, also Selbstbestimmung erhalten, aber sie lehnen den frevelhaften, oft zu offenherzigen westlichen Stil ab. Sie sehen keinen Vorteil darin, kurze Kleider zu tragen. Dadurch wird der Schleier eher zu einem Protest als zu einem religiösen Ritual.

Durch die Schriften im Koran wurden Frauen zumindest zu Mündeln der Männer erhoben. Nichtsdestotrotz muss man auch hier ganz klar sagen, dass der Koran durchaus die ‚Züchtigung‘ der Frauen befürwortet. Allerdings muss ich auch hier einwerfen, dass es solche Zeilen auch in der Bibel gibt. Leider muss man konstatieren, wurden Frauen eigentlich überall auf der Welt, selbst in Asien, unterdrückt oder zumindest bevormundet.

Bevormundung findet dabei in vielen Formen statt. Angefangen damit, wie oben erwähnt, dass Frauen nicht selbst Auto fahren dürfen, dürfen Frauen beispielsweise nur einen Mann haben, ein Mann aber darf durchaus mehrere Frauen haben. Der Koran gibt hier lediglich die Einschränkung, dass der Mann all seine Frauen gleichermaßen gut versorgen können muss. Für Männer ist es in vielen islamischen Staaten auch sehr viel leichter, sich scheiden zu lassen. Meistens bedeutet es für Männer auch keine Einbuße im Ansehen, während es bei Frauen durchaus solche Einbußen gibt.

Das führt mich auch gleich zu einer weiteren Sache, die man über den Islam wissen sollte. Für uns Menschen im Westen ergibt sich häufig der Eindruck, dass die Moslems vergleichsweise rückständig seien. Wie oben beschrieben gibt es natürlich die orthodoxen Moslems, die jede Modernisierung der Religion ablehnen. Dennoch muss man klar anerkennen, dass sich viele Dinge im Islam und den islamischen Staaten verändert haben. Rund ein Drittel der Universitätsabsolventen in den meisten islamischen Staaten sind Frauen. Lange bevor es bei uns Frauen in der Politik gab, gab es im Iran eine Vizepräsidentin. All diese Dinge muss man wissen. Noch viel eindrücklichere Beispiele für eine gewisse Fortschrittlichkeit des Islam findet man in der Zeit, die wir in Europa als das Mittelalter bezeichnen. Denn während ganz Europa im Christentum versank und alles ablehnte, was auch nur im Ansatz mit Naturwissenschaft oder Vernunft zu tun hatte, blühte in den islamischen Staaten die Wissenschaft auf.

Zu jener Zeit sorgten die Christen dafür, dass viele alte und aufschlussreiche Schriften aus dem antiken Griechenland und Rom verbrannt worden. Sie alle galten als ketzerisch. Natürlich gab es solche Bewegungen auch im Islam, aber der größte Teil der islamischen Gelehrten schätzte diese Vorarbeiten. Man machte sich die Mühe und begann, all diese Texte zu übersetzen und zu erweitern. Der große Vorteil, den man nicht unterschätzen sollte, war, dass das Arabische Volks- und zugleich Wissenschaftssprache wurde. In Europa war die Sprache der Wissenschaft Latein, aber kaum ein normaler Mensch sprach diese Sprache, weswegen es sehr schwer war, den Menschen Wissenschaft oder Wissen allgemein zu vermitteln. Dies ging soweit, dass die meisten Gläubigen nicht mal verstanden, was eigentlich in der Bibel geschrieben stand. Man musste sich stets auf die Übersetzungskünste eines Geistlichen verlassen. Aus diesem Grund war Luthers Bibelübersetzung auch so bahnbrechend. In der islamisch-arabischen Welt gab es solche Probleme nicht.

Aus heutiger Sicht, das möchte ich hier kurz erwähnen, scheint die arabische Sprache aber auch ein gewisser Fluch zu sein. Arabisch gilt weithin als die unveränderliche Sprache Gottes, was dazu führt, dass das Arabische viele Dinge nicht mehr ausdrücken kann, die heutzutage selbstverständlich sind gerade aus dem Bereich der Naturwissenschaften. Dies ist einer der Gründe, warum man durchaus sagen kann, dass der Islam in einer gewissen Krise steckt. Denn moderne Moslems sind, gerade wenn sie studieren, dazu gezwungen, eine der ‚verhassten Sprachen des Westens‘ zu erlernen, weil sie andernfalls dem wissenschaftlichen Fortschritt, der zu einem Großteil in der englischen Sprache stattfindet, nicht mehr folgen können.

Der Umstand, dass die arabische Sprache auch eine Wissenschaftssprache ist und war, zeigt übrigens noch einen großen Unterschied zum Christentum: Das Christentum stellt einen Gegensatz zur Wissenschaft dar. Mohammed selbst soll gesagt haben, dass der Islam sich nicht dem Fortschritt verschließen solle. Aus diesem Grund gibt es auch islamische Rechtsgelehrte. Der Islam und die Wissenschaft sind zwei sich ergänzende Dinge aber keine Gegensätze. Gleichzeitig wurden Forschungen in diesen mittelalterlichen Tagen weitaus weniger religiös-dogmatisch betrieben. Man muss zum Beispiel wissen, dass die islamische Welt bereits im Jahre 1000 so etwas wie moderne Medizin kannte. Im Europa dieser Zeit kannte man keine Medizin. Krankheiten wurden dort als Strafen Gottes und als etwas Schicksalhaftes hingenommen. Den Arabern war zu dieser Zeit durchaus klar, dass Krankheiten beispielsweise durch Wasser übertragen werden konnten; sie hatten sogar eine rudimentäre Vorstellung von dem, was Robert Koch viele Jahrhunderte später als Bakterien bezeichnete.

Ich will mit diesem Artikel natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Immerhin versuche ich hier, eine ganze Religion irgendwie zu erklären. Ich selbst bin kein Moslem und ich glaube auch nicht an einen Gott. Dennoch halte ich es für einen weltoffenen Menschen wichtig, dass er sich mit solchen Dingen wenigstens zum Teil auskennt. Max Weber sagte mal über den durchschnittlichen Europäer, er könne sich noch so sehr als einen Atheisten oder Ungläubigen bezeichnen oder fühlen, wenn er in Europa aufgewachsen ist, dann verkörpert er gewissermaßen auch christlich-abendländische Werte wie Nächstenliebe oder Mitleid. Genauso kommt ein Chinese nicht umhin, auch wenn er selbst kein Konfuzianer ist, in konfuzianisch-geprägten Bahnen zu denken. Denn was für uns das Christentum mit all seinem Einfluss ist und war, ist und war für den Chinesen der Konfuzianismus und zu Teilen auch der Daoismus.

Ich hoffe, ich konnte dem geneigten Leser wenigstens zum Teil eine neue Welt erschließen. Und ich werde mich auch weiterhin mit dem Islam auseinandersetzen. Danke für die Aufmerksamkeit!

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Ein Blick auf den Islam

KK*: Terror in Brüssel

Es hat, wie so oft bei solchen Vorfällen, nicht lange gedauert, da gab es natürlich schon die ersten Kommentare im Netz. Diese reichten von Mitleidsbekundungen, entsetztem Aufschrei bis hin zu Hasskommentaren, natürlich gegen Muslime gerichtet.

Das alte und nie aus der Mode kommende Feindbild des Islam kann wieder einmal herhalten; jetzt haben Russland und Putin mal kurz Pause.

Natürlich waren es sicher wieder Kämpfer des IS, die diese Bomben gezündet haben, aber nichtsdestotrotz und bei allem Mitleid für die Betroffenen – und ich weiß, dass klingt jetzt nach bester links-grüner Sprechart -, aber diese Fanatiker sind tatsächlich nur eine vergleichsweise kleine, dafür umso lautere Minderheit einer riesigen religiösen Strömung, die wir gern einfach als DEN Islam bezeichnen. Hierzu wird es auch bald einen Artikel geben, in dem ich, der Ungläubige, versuche, den Islam näher zu beleuchten.

Ich sehe den Fehler viel eher in einer aggressiven, von Gier getriebenen Politik, die hauptsächlich von den USA ausgeht und von den meisten westeuropäischen Nationen getragen wird. Viel zu lange schon und viel zu oft hat sich der sogenannte Westen in die Angelegenheiten des Orients eingemischt, und viel zu oft ging es dabei um wirtschaftliche Interessen. Damit haben natürlich nicht die Vereinigten Staaten angefangen, diese Geschichte der Einmischung begann schon mit den Kolonialmächten Frankreich und Großbritannien. Wenn der Westen den Terrorismus wirklich bekämpfen will, dann sollte er schlichtweg aufhören, sich ständig im Nahen Osten einzumischen.

Ist es denn so schwer verständlich, dass ein junger Mann, der seine ganze Familie bei einem Drohnenangriff verloren hat, natürlich dazu bereit sein wird, einer radikal-islamistischen Organisation wie dem IS beizutreten? Genau auf solche Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben und die voller – verständlicher – Wut und Bitterkeit sind, hoffen die Demagogen doch, und wir als der Westen ‚züchten‘ diese Menschen durch jeden militärischen Einsatz, durch jeden getöteten Zivilisten, den wir zynisch als Kollateralschaden in eine Statistik einfließen lassen. Erst wenn diese Gewaltspirale unterbrochen wird, kann auch Frieden gefunden werden.

*Kurzer Kommentar

KK*: Terror in Brüssel

Das Buch der Wandlungen

Nach all diesen ernsten Themen möchte ich mich nun einem anderen Projekt zuwenden, auf das ich bereits auf Facebook aufmerksam gemacht hatte: dem I Ging.

Wie ich bereits in der kurzen Vorstellung meiner Person erwähnte, beschäftige ich mich vor allem zurzeit sehr intensiv mit der asiatischen Welt. Zu diesem Zweck habe ich natürlich auch schon einige Sachbücher gelesen und in einem Buch zur Einführung in die chinesische Philosophie stieß ich auf ein ganz besonders interessantes Buch – zumindest in meinen Augen erschien es mir so. Dort war immer wieder von einem Werk die Rede, das einfach als ‚I Ging‘ oder ‚Buch der Wandlungen‘ bezeichnet wurde. Es schien einen vergleichsweise zentralen Punkt des chinesischen Denkens darzustellen, also entschied ich mich dazu, mehr Informationen zu diesem Buch zu sammeln.

Was ich herausfand: Es ist das vermutlich älteste Schriftstück, das die Menschheit hervorgebracht hat. Man geht davon aus, dass der Urtext aus dem Jahr 3000 vor Christus stammt. Im Laufe der Zeit ergänzten Philosophen, unter anderem auch der berühmte Konfuzius, ihre Gedanken zu diesem Werk. Man muss also wissen, dass es wohl in seiner heutigen Form schon irgendwie verändert ist, seine ursprüngliche Idee geht aber eben auf das dritte Jahrtausend vor Christi zurück. Und seinem Ursprung nach ist es eine Sammlung von unterschiedlichen Strichen – durchgehenden Linien und unterbrochenen Linien, die stellvertretend sind für die Lehre von Yin und Yang, Dunkel und Licht.

Man darf sich das I Ging nicht wie eine Bibel vorstellen. Dieses Buch will nicht die Entstehung der Welt oder das Aufkommen der Menschen erklären. Dieses Buch ist viel allgemeiner gehalten. Es nimmt natürlich starken Bezug auf die Menschen, aber trotz seines hohen Alters kann man es nach wie vor auch in der heutigen Zeit anwenden. Dies geschieht vor allem dadurch, dass es ein Orakelbuch ist. Von vielen Chinesen wird es auch noch heute bemüht, wenn man einen Ratschlag haben möchte, wie man sich in Zukunft verhalten sollte. Einfach ausgedrückt: Dieses Buch ist das asiatische Pendant zum Tarot.

Der größte Unterschied, den ich sehe, zwischen Tarot und dem I Ging ist, dass Tarot schon immer etwas deutlich Geheimnisvolleres und manchmal auch Abstrakteres besaß. Tarot gehört nicht in die breite Gesellschaft der Menschen, diese Kunst wurde eher in den Hinterzimmern von Menschen betrieben, die allgemein als abergläubig galten. Das I Ging hingegen war gewissermaßen der Berater für ganze asiatische Regierungen und für den durchschnittlichen Menschen in China ist es fast selbstverständlich, eine Ausgabe des Buches der Wandlungen zu besitzen und es vor allem zu lesen.

Wie ich bereits oben schrieb, ist es letztlich eine Sammlung von Zeichen, die Tri- und Hexagramme genannt werden. Ein Trigramm ist eine Sammlung von drei Strichen, ein Hexagramm ist eine Sammlung von sechs Strichen oder zwei miteinander kombinierten Trigrammen. Diese Striche sind entweder durchgehend oder sie besitzen eine kleine Unterbrechung in der Mitte. Insgesamt gibt es acht Trigramme. Kombiniert man diese acht Trigramme erhält man insgesamt vierundsechzig Hexagramme. Jedes Trigramm hat für sich genommen eine Bedeutung. Letztlich, um es ein wenig zu verkürzen, stellt jedes der acht Trigramme ein Element dieser Welt dar. Die beiden wichtigsten Trigramme symbolisieren den Himmel und die Erde; in der chinesischen Philosophie sind Himmel und Erde neben dem Menschen die wichtigsten Grundlagen der Realität. Das Trigramm an sich symbolisiert diese ‚Dreifaltigkeit‘: Unten ist die Erde, oben ist der Himmel und dazwischen steht der Mensch. Darüber hinaus gibt es noch Wind, Wasser, Berg, Donner, Feuer und See. Jedes dieser Elemente wiederum stellt eine menschliche Eigenschaft dar: Der Berg beispielsweise steht für Ruhe, während der See die Freude symbolisiert. Wenn man so sagen will, dann geht das I Ging davon aus, dass der Mensch acht grundlegende Zustände kennt, die sein Leben bestimmen.

Es gibt auch eine mythologisch anmutende Geschichte, die erklären soll, wie diese Zeichen entstanden sind, die ich aber nur ganz kurz umreißen will: Ein chinesischer König sieht an einem Fluss eine große Wasserschildkröte und er betrachtet ihren Panzer, auf dem er die acht Trigramme vorfindet.

Kombiniert man zwei Trigramme miteinander, erhält man ein Hexagramm. Nehmen wir als Beispiel das erste Hexagramm: Die schöpferische Kraft. Es setzt sich aus den beiden Trigrammen für den Himmel zusammen, die jeweils aus drei durchgehend gezogenen Linien bestehen. In den Urzeiten, bevor man die Kommentare und Erläuterungen zu den einzelnen Hexagrammen besaß, interpretierten die Menschen allein das Zeichen an sich. Dazu muss man wissen, dass die ursprünglichen chinesischen Zeichen teilweise sehr viel weniger abstrakt dargestellt worden sind. So ähnelte etwa das Zeichen für ‚Drache‘ tatsächlich der asiatischen, also schlangenartigen Form eines Drachen. Im heute bekannten I Ging werden allerdings nicht mehr die Zeichen interpretiert, stattdessen greift man auf die Erläuterungen und Kommentare zurück.

Ob man nun an die Kraft eines Buches glauben mag, ist jedem Menschen selbst überlassen. Selbst wenn man das I Ging nicht als Orakel verwendet, so kann man die einzelnen Texte zu den Zeichen dennoch lesen und diese als Weisheiten aufnehmen. So gibt es beispielsweise ein Hexagramm, die Nummer 20 – die Betrachtung, und dieses Zeichen rät einem dazu, sich klug zurückzuhalten und stattdessen seine Umwelt zu beobachten. So einen Hinweis kann man auch als eine generelle Weisheit für das ganze Leben begreifen. Aus diesem Grund gibt das Buch der Wandlungen auch einen guten Einblick in das moralisch richtige Handeln für einen durchschnittlichen Chinesen.

Natürlich muss man sich dabei immer des Umstandes bewusst sein, dass die Texte, die es hier zu interpretieren gilt, sehr alt sind. Sie sind recht allgemein gehalten, man kann also gerade im Zeichen eines Orakels sehr viel in die Texte hineininterpretieren. Was einerseits ein Segen sein kann, kann für einen ungeduldigen Menschen zu einem wahren Fluch werden. Wenn man vom Buch der Wandlungen konkrete Antworten auf konkrete Fragen erwartet, dann wird man enttäuscht. Für solche Fälle sind Sachen wie etwa das oben erwähnte Tarot deutlich besser geeignet. Beim I Ging gilt, je offener die Frage gestellt wird, desto schwieriger wird es werden, sich eine Antwort aus dem jeweiligen Hexagramm zu erarbeiten. Doch selbst die konkreteste Frage wird dieses Buch nicht ebenso konkret beantworten können.

Ich muss zugeben, ich habe es mir wirklich angewöhnt, jeden Morgen das Münzorakel zu bemühen. Dabei gilt: Man werfe drei gleich große Münzen, ich verwende hier drei 1 Cent-Stücke. Zweimal Kopf bedeutet eine durchgehende Linie, zweimal Zahl bedeutet eine unterbrochene Linie.

Eine kleine Sache muss ich noch ergänzen: bewegte Linien. Hat man nämlich drei Münzen, so kann es natürlich vorkommen, dass man auch dreimal den Kopf oder die Zahl erhält. In diesem Fall wird die Linie zu einer bewegten. Jede bewegte Linie bedeutet einen Ratschlag.

Generell muss man auch sagen, dass all diese Linien, unabhängig davon ob durchgehend oder unterbrochen, absolut wertfrei sind. Genauso wie auch Yin und Yang wertfrei sind. Aus unserer dualistisch-geprägten, europäischen Philosophie und auch vielleicht aus dem christlichen Glauben heraus neigen wir dazu schnell, alles in gut und böse einteilen zu wollen, in der chinesischen Welt gibt es diese Unterscheidung in dieser krassen Form nicht. Natürlich ist den Chinesen sehr wohl das Böse und das Gute bekannt, aber diese beiden Extreme stellen keinen Gegensatz dar, viel mehr, und dies gilt für alle Eigenschaften auf der Erde und unter den Menschen, bilden sie ein sich ergänzendes Paar.

Aber zurück zum Orakeln: Es bietet sich an, die Linien aufzuschreiben. Wichtig dabei ist, dass man unten anfängt und sich nach oben arbeitet. Die Münzen werden sechsmal geworfen, für jede Linie einmal, und dabei stellt man sich immer wieder die gleiche Frage. Wie bereits oben erwähnt, je konkreter die Frage gestellt wird, desto genauer kann man auch die Antwort im Text interpretieren. Ungeeignet sind in der Regel Fragen, die man nur bejahen oder verneinen kann. Die Texte des I Ging machen selten eine klare Zu- oder Absage zu irgendeiner Frage.

Hat man sein Zeichen ermittelt, schlägt man es nach und liest den Text. Wieso man es einmal am Tag machen sollte? Ich finde, dass die Texte des I Ging sich perfekt lesen lassen wie ein Horoskop. So bekommt man jeden Tag eine wichtige Handlungsmaxime mit auf den Weg. An dieser Stelle muss ich auch zugeben, dass sich diese Maximen bislang immer als sehr hilfreich erwiesen haben und wenn ein Hexagramm auf die Zukunft deutete, dann trat diese auch ein. Und das hat mich wirklich beeindruckt!

Dieser Umstand wiederum mag auch der Grund sein, wieso ich diesen Text verfasst habe und wieso ich glaube, dass andere Menschen ebenfalls von diesem Buch profitieren könnten. Man muss lediglich dazu bereit sein, sich auf ein anderes Denken einzulassen. Wenn Sie also im Buch der Wandlungen lesen, dann tun Sie so, als wären Sie ein kleines, unbedarftes Kind. Eine völlig neue, unerforschte Welt liegt jetzt vor Ihnen!

Wenn dies Ihr Interesse geweckt haben sollte, dann empfehle ich Ihnen zwei Bücher: Einerseits ‚Das Arbeitsbuch zum I Ging‘ von R. L. Wing (ISBN 978-3-442-21668-0) zum Einstieg und für all jene Menschen, die sich eher für das Orakel interessieren, und andererseits ‚I Ging: Das Buch der Wandlungen‘ in der Übersetzung von Richard Wilhelm, zu finden im Anaconda Verlag (ISBN 978-3-86647-596-0) für günstige 5,95€. Die Übersetzung von Wilhelm ist angenehm geschrieben, hat viele ergänzende und erklärende Texte und es gilt einfach als die beste Übersetzung, die dem Original am nächsten kommt. In Deutschland oder im deutschsprachigen Raum ist es die Referenz schlechthin. Der Vorteil des Arbeitsbuches ist, dass die Texte dort bereits vor-interpretiert sind, leider fehlen dort aber auch die Originaltexte, aus diesem Grund lese ich immer im Arbeitsbuch und im Original. Meistens sind die Interpretationen des Arbeitsbuches sehr gut und nah am Original, manchmal sind sie, meiner Meinung nach (!), etwas zu weitschweifig geraten. Letztlich muss man sich selbst fragen, welchen Anspruch man hat.

In diesem Sinne hoffe ich, dass ich Sie neugierig machen konnte und danke für Ihre Aufmerksamkeit!

Das Buch der Wandlungen

KK*: Der Flüchtlings-Deal mit der Türkei

Von einer ‚gesamteuropäischen Lösung‘ ist immer wieder die Rede, doch letztlich ist es im Kern ein Abkommen zwischen Deutschland und der Türkei. Wir geben den Türken Geld und Visafreiheit, gestehen ihnen weitere Beitrittsverhandlungen in die Europäische Union zu und im Gegenzug halten sie die Flüchtlinge von der Weiterreise ab.

Nicht nur macht sich Deutschland damit abhängig von der Türkei, den Flüchtlingsstrom an sich wird dieses Abkommen nur kurzzeitig unterbrechen, denn wer garantiert denn, dass die Flüchtlinge nicht über die Straße von Gibraltar und weiter über Spanien kommen? Wer garantiert denn, dass die Flüchtlinge nicht erneut über das Mittelmeer kommen und dann in Sizilien oder Italien landen? Mittlerweile ist sogar eine Route über den Kaukasus und weiter durch Osteuropa im Gespräch. Notfalls werden diese Menschen vielleicht sogar über den Atlantik kommen und dann in Frankreich oder England landen.

Eine ‚gesamteuropäische Lösung‘ würde endlich die Randstaaten der EU, die immer am ersten von Fliehenden und Immigranten betroffen sind, stärken. Einrichtung von Aufnahmelagern, Bereitstellung von Dolmetschern und Beamten, die die Asylanträge möglichst schnell abarbeiten und dann können asylberechtigte Menschen weiter auf die europäischen Länder verteilt werden. Dies wäre eine europäische Lösung gewesen.

Eine noch viel bessere und vor allem menschlichere Lösung wären Aufnahmelager nahe den Ländern, aus denen die Menschen fliehen, denn warum lässt man diese Menschen denn erst durch Afrika und den Nahen Osten reisen? Wieso gibt man ihnen denn keine Hilfe direkt vor Ort? Alle Leute wundern sich immer, dass hier nur junge und kräftige Männer ankommen. Logisch, wer wird den solch eine Odyssee am ehesten überleben: Ein 21 Jahre alter Syrer, der in der Blüte seines Lebens steht oder eine 60 Jahre alte Dame, die gerade so laufen kann?

Letztlich soll dieses Abkommen zwei Dinge vortäuschen: Die Länder Europas halten zusammen, deswegen nennt man es gesamteuropäisch, und die Staatschefs Europas haben einen Plan, wie sie der Flüchtlingskrise begegnen wollen. Meiner Ansicht nach hat der Plan aber nicht funktioniert …

*Kurzer Kommentar

KK*: Der Flüchtlings-Deal mit der Türkei

KK*: Wahlsieg der AfD

Da ich ein politischer Mensch bin, komme ich wohl nicht umhin, wenigstens einen kurzen Kommentar zum beeindruckenden Wahlsieg der AfD in drei Bundesländern zu verfassen. Ich meine, irgendwie hatten alle doch damit gerechnet und die zahlreichen Prognosen und Trends haben es überdeutlich angekündigt, dass die AfD bei dieser Wahl einen vergleichsweise großen Sieg erringen wird. Doch, was sich in Sachsen-Anhalt – übrigens meinem Heimatland – ereignete, war wirklich krass: 24 Prozent haben die Partei gewählt, also gut ein Viertel der Sachsen-Anhalter!

Ich will mich nicht am ‚Bashing‘ dieser Partei beteiligen und schon gar nicht will ich die in Sachsen-Anhalt lebenden Menschen in irgendeiner Form beleidigen, als dumm darstellen oder gleich in die Ecke der Nazis verfrachten; immerhin müsste ich mich ja dann gewissermaßen selbst belasten. Nein, vielmehr möchte ich darum werben und dazu anregen, endlich mal einen sachlichen Diskurs zu führen. Man kann die AfD und die Wähler dieser Partei nicht ständig als Hinterwäldler und Nazis betiteln. Das hätte man vielleicht tun können, wenn die AfD nicht solch einen Erfolg gehabt hätte, dann könnte man die Partei und ihre Anhänger weiterhin als Spinner und Randgruppen abtun. Doch diese Wahl hat mehr als deutlich gezeigt, dass es offensichtlich große Probleme gibt. Dass es Menschen gibt, die derart unzufrieden mit der aktuell geführten Politik sind, dass sie aus Protest (!) eine solche Partei wählen. Viel schlimmer ist aber, dass ich glaube, wenn man dieses Problem weiterhin auf diese Weise behandelt, wie man es bisher tut, dann wird diese Partei noch viel stärker werden und dann werden sich immer mehr Menschen aus Protest auf die Seite der AfD stellen.

Was mir wirklich fatal erscheint, ist, dass die bislang etablierten Parteien und ihre Vertreter einfach nicht zur Kenntnis nehmen wollen, wie die Wähler wirklich denken. Da wundern sich die Damen und Herren, dass die Flüchtlingsthematik eine große Rolle im Wahlkampf gespielt habe. Natürlich tut sie das, denn die Flüchtlinge sind nun schon seit gut sechs Monaten ein weiterhin als akut zu bewertendes Thema, und es ist immer noch keine Lösung oder wenigstens ein halbwegs ausgereifter Plan in Sicht. Und außerdem betreffen die Flüchtlinge weite Teile der Bevölkerung, denn die Bevölkerung ist es doch, die letztlich die Integration dieser Menschen vollziehen muss. Es werden sicher nicht die Politiker sein, die im Alltag immer wieder auf Verständigungsprobleme stoßen werden oder die sich mit kulturellen Unterschieden befassen müssen, nein, es sind die einfachen Menschen, die Wähler, die diese Leistung erbringen müssen. Die Politik kann in diesem Zusammenhang nur möglichst optimale Rahmenbedingungen schaffen, aber nicht einmal das kann man den Verantwortlichen noch zutrauen.

Man sollte das Erstarken der AfD nicht nur als einen Protest der Wähler werten – und immerhin waren diesmal vergleichsweise viele Menschen wählen, zumindest diesen Verdienst muss man der AfD zusprechen: Sie haben Nicht-Wähler wie keine andere Partei im bisherigen Spektrum mobilisieren können. Man muss diesen ‚Aufstand der Protestler‘ auch als eine Warnung sehen: Wenn sich nicht bald die Verhältnisse ändern, werden sie noch stärker werden. Ganz klar muss man sagen, die AfD hat mit ihren derzeitigen Posten noch nicht allzu viel Macht; sie bezeichnen sich ja selbst (im Moment) nur als eine ‚echte Opposition‘, aber ich gebe zu bedenken, dass jede Opposition die Möglichkeit dazu hat, irgendwann auch mal zu regieren …

*Kurzer Kommentar

KK*: Wahlsieg der AfD

‚Westliche Werte‘

Dies ist ein Thema, bei dem ich wirklich aufpassen muss, nicht allzu beleidigend und herablassend zu werden. Es ist ein Thema – es ist vor allem mittlerweile nicht mehr als eine hohle Floskel -, das mich immer wieder, wenn es von Politikern oder Journalisten aufgegriffen wird, wütend macht. Denn ich frage mich, von welchen Werten genau wird dort gesprochen? Der perfekt ‚indoktrinierte‘ Bürger wird jetzt sagen: Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit natürlich. Werte, die Europa und Nordamerika (gern) vertreten (würden).

Beginnen wir also bei der Freiheit. Überlegen wir also, wie frei sind wir denn im Speziellen als Deutsche? Dass wir durch Gesetze beschränkt werden, ist eine Notwendigkeit. Ich möchte hier nicht als Anarchist verstanden werden, der jegliche Regeln abschaffen will.

Haben wir beispielsweise eine Freiheit bei der Wahl unserer Produkte in einem Supermarkt? Man mag sagen wollen, ja, aber die Wahrheit ist, dass der größte Teil der Produkte, die natürlich immer unter anderen Namen geführt werden, letztlich auf eine kleine Riege von globalen Konzernen zurückgeführt werden kann. Geht man in einen Getränkemarkt, muss man nach einer kurzen Analyse feststellen, dass rund ein Viertel des Sortiments von der Coke Company stammt. Was man natürlich nicht sagt, ist, dass beispielsweise Fanta, Sprite, Bonaqa, Apollinaris, Vio, Lift, mezzo mix, Powerade und viele andere mehr vom Coke Konzern produziert werden. Dasselbe Spiel kann man auch in der Abteilung für Süßigkeiten durchspielen, bei der Butter und so weiter. Hier kann diese hoch geschätzte Freiheit also nicht liegen.

Sind wir denn eigentlich im Internet frei? Naja, hier wissen wir, spätestens seit dem NSA-Skandal, dass wir zumindest überwacht werden. Wenn der geneigte Leser oder die geneigte Leserin also das nächste Mal eine Pornowebseite besuchen sollte, so sollte er oder sie sich darüber im Klaren sein, dass möglicherweise irgendjemand in Amerika sich gerade den gleichen Film anschaut.

Aber gehen wir doch noch einmal in den Supermarkt zurück. Haben Sie sich vielleicht schon mal gefragt, wieso viele Supermärkte nach dem gleichen Prinzip aufgebaut sind? Wieso finden sich die Milchprodukte immer irgendwo hinten im Markt und das Obst steht oft am Eingang? Weil wir auch hier nicht frei sind, viel mehr werden wir mittels verhaltenspsychologischer Erkenntnisse durch den Markt gesteuert und sollen so dazu getrieben werden, mehr zu kaufen. Freie Kaufentscheidung? Ich denke nicht.

Aber in meinen Gedanken bin ich doch frei?, mag sich der langsam verzweifelte Leser fragen. Ja, aber auch hier mag es Einschränkungen geben. Der ein oder andere Mensch kennt vielleicht den Begriff der ‚politischen Korrektheit‘? Und vielleicht kennt der ein oder andere Leser Orwells Buch ‚1984‘? Wenn nicht, will ich es kurz erklären.

‚1984‘ beschreibt einen Überwachungsstaat wie aus dem Bilderbuch. Dieser Staat wird mittels Kameras und Denunziation betrieben. Was aber oft bei der Rezeption des Buches untergeht, ist das Konzept, das im Buch als ‚Neusprech‘ bezeichnet wird. Das bedeutet, dass die Regierung die Sprache abändert. Jetzt mag man sich fragen, inwiefern das mit unseren Gedanken zu tun hat?

In der gängigen Theorie sagt man, dass Menschen zwei Möglichkeiten haben zu denken: in Form von Bildern und in Form von Worten. In Bildern kann man einfache, wenig abstrakte Dinge denken. Wenn ich beispielsweise an einen Apfel denke, kann ich mir leicht einen typischen Apfel vorstellen. Aber versuchen Sie sich mal ein Bild vorzustellen, wenn es um so etwas wie Wahrheit oder Pflicht geht. Das sind abstrakte Begriffe, die wir selten in Bilder verpacken können. Da Worte allein aber letztlich nur Lautäußerungen sind, müssen wir diese Worte mit einer Bedeutung füllen. Im Buch verändert der Staat schrittweise viele Bedeutungen. Das geschieht dann beispielsweise in der Schule. Das klingt für Sie nach einer Verschwörungstheorie? Dann frage ich Sie, wieso werden Kriege mittlerweile oft als ‚humanitäre Aktionen‘ bezeichnet? Wieso bezeichnet man den Tod von Zivilisten im Krieg lediglich als ‚Kollateralschäden‘? Dieses Konzept gab es auch schon in der Vergangenheit. Die Nationalsozialisten haben niemals offen zugegeben, dass sie Millionen Juden töten wollen, sie nannten das ‚Holocaust‘ oder die ‚Endlösung der Judenfrage‘. Und spätestens jetzt wird klar, wieso man die Sprache so verändern muss: Um die wahren Absichten zu verheimlichen. Natürlich klingt es besser, wenn man sagt, wir müssen eine humanitäre Aktion in Syrien durchführen, die sicherlich auch Kollateralschäden verursachen wird. Stattdessen könnte man auch sagen, wir überziehen Syrien mit einem verheerenden Krieg und werden dabei viele Unbeteiligte, Zivilisten, Kinder und Frauen töten.

Die Veränderung von Sprache und der Bedeutung bestimmter Worte wirkt sich deswegen auch auf unser Denken aus. Wenn ich statt Krieg immer von humanitärer Hilfe spreche, fühle ich mich einerseits besser, denn etwas Humanes ist ja immer gut, andererseits vermeide ich so den Aufschrei bei den Leuten. Gleichzeitig erhöhe ich damit die Bereitschaft anderer Menschen, die mir bei meinen humanen Unterfangen helfen wollen. Hätte man die Bedeutung des Begriffs ‚Krieg‘ niemals auf ‚humanitäre Aktion‘ übertragen, wäre man eigentlich ein widerlicher Kriegstreiber.

Wir sind nicht frei, wenn wir genauer darüber nachdenken. An allen Ecken und Enden versucht man uns, in bestimmte Richtungen zu lenken, aber man tut dies so geschickt, dass wir uns einbilden, völlig frei zu sein. Und diese Form der Freiheit – die eingebildete Freiheit könnte man sagen – ist wahnsinnig gefährlich, weil sie dazu führt, dass wir Dinge tun, die wir eigentlich nicht wollen.

Wie es mit der politischen Korrektheit in den anderen europäischen und nordamerikanischen Staaten aussieht, kann ich nicht beurteilen. Aber in allen anderen genannten Punkten kann man die mangelnde Freiheit auch in diesen Staaten deutlich erkennen.

Doch kommen wir nun zum nächsten Punkt – der Gerechtigkeit.

In der westlichen Rechtsprechung gibt es den Grundsatz, dass jeder Mensch vor dem Gesetz gleichbehandelt werden muss. Wie kommt es dann aber, dass Schwarze in den USA überdurchschnittlich häufig härter bestraft werden als Weiße? Wieso hört man immer nur von amerikanischer Polizeigewalt gegenüber Schwarzen? Wie kann es sein, dass westliche Firmen Kleidung in Bangladesch zu niedrigsten Löhnen und fragwürdigsten Bedingungen herstellen lassen?

Ich denke, dass man die Gerechtigkeit immer von zwei Seiten aus betrachten sollte: der Seite des Staates, der die Gerechtigkeit in Form von Gesetzgebung auszuüben versucht, und von Seite der Industrie aus, die möglichst fair produzieren und handeln sollte. In beiden Fällen ist keinerlei durchgehender Sinn von Gerechtigkeit erkennbar.

Im Falle der Industrie muss ich aber einen Einwand bringen: Die Industrie ist letztlich der Erfüllungsgehilfe der Konsumenten. Wenn die Konsumenten nicht viel Geld für eine Sache ausgeben wollen, muss die Industrie schauen, dass die Kosten für diese Ware möglichst niedrig bleiben. Wenn ich aber höre, dass ein iPhone in der Produktion gerade einmal ein Viertel des Preises kostet, für den es letztlich im Laden stehen wird, dann muss ich klar sagen, dass hier der Industrie der Wille zu fehlen scheint. Denn kein Mensch kann mir erzählen, dass Apple den Rest des Geldes für die Forschung ausgibt. Wenn dem so wäre, müsste man vom iPhone oder den anderen Apple-Produkten ein wenig mehr Innovationen erwarten können.

Was ist mit den Spekulanten und Managern, mag man jetzt fragen. Diese Menschen zähle ich einfach mal zur Industrie dazu, da sie in ihrer Position als Spekulant oder Manager ja nicht als private Person agieren. Deren Handeln, beispielsweise das Spekulieren auf Lebensmittelpreise, muss aber ebenso als ungerecht beurteilt werden. Oftmals scheint solchen Menschen gar nicht klar zu sein, welchen Schaden sie anrichten, und vor allem wie widerwärtig deren Handeln eigentlich ist. Wenn man bedenkt, dass es in Mexiko Bauern gibt, die hungern müssen, aber vor einem Feld voller Maiskolben sitzen, diese aber nicht essen dürfen, weil diese Maiskolben faktisch schon erfasst und verkauft sind, dann ist das absurd oder besser gesagt widerwärtig. Würden sie dennoch einen Maiskolben essen, würden sie gekündigt werden und in Mexiko gibt es kein soziales Netz, das diese Menschen wieder auffangen könnte.

Ich weiß, an dieser Stelle höre ich mich an wie der klassische Grüne oder Linke, aber gerade in diesen Punkten muss ich diesen beiden Parteien beipflichten. Denn was wir hierbei vergessen, diese Form der Wirtschaft – einer bestimmten Gruppe Menschen etwas vorzuenthalten – ist blanker Rassismus. Mit welchem Recht meinen wir denn, könnten wir über den Preis eines Lebensmittels im globalen Maßstab bestimmen?

Und fließend kann ich an dieser Stelle gleich in den letzten Punkt der Gleichheit übergehen. Denn auch hier hat der Westen gewaltige Defizite.

Man könnte ganz simpel bei der Gleichstellung von Mann und Frau beginnen, denn Fakt ist, dass Frauen nach wie vor in vielen westlichen Staaten der Welt deutlich schlechter bezahlt werden, aber dabei immer dieselben Arbeiten verrichten wie ihre männlichen Kollegen. Und auch hier kann ich wieder meine Statistiken zur Ungleichbehandlung von Schwarzen und Weißen hervorbringen. Und genauso gut könnte ich hier den Umgang mit anderen Minderheiten anmahnen, die wir teilweise auch nicht auf gleichwertige Weise behandeln wie die Mehrheiten.

Und nun frage ich den Leser ganz klar: Wie soll der Westen Ideale in andere Länder transportieren, wenn er diese Ideale ja nicht einmal selbst leben kann?

In der chinesischen Philosophie und Gedankenwelt zeichnet sich ein ausgezeichneter Lehrer dadurch aus, dass er sein Fach lebt. Wenn ein dicker Mensch vor Ihnen steht und etwas von gesunder Ernährung erzählt, nehmen Sie diesen Menschen dann wirklich ernst? Oder denken Sie sich nicht viel eher, wieso ausgerechnet dieser Mensch über gesunde Ernährung spricht, wo doch alles an seinem Körper darauf hindeutet, dass er selbst keine gesunde Ernährung bevorzugt?

‚Westliche Werte‘

Der Fall (von) Volker Beck

Eigentlich sollte man keine Schadenfreude zeigen. Sich am Leid anderer Menschen zu erfreuen, ist keine schöne Sache, doch als ich las, dass man bei Volker Beck, einem der Könige der Moralapostel, Drogen fand, empfand ich genau dieses wohlig-warme Gefühl der Genugtuung.

Man mag sich fragen, warum das so ist?

Nun, die Geschichte zwischen den Grünen und mir ist lang und kompliziert. Gemocht habe ich diese Partei noch nie. Das liegt nicht an den Dingen, die die Grünen fordern – in mancherlei Hinsicht würde ich dem Programm der Partei sogar zustimmen -, es liegt vielmehr an der Art, wie sie diese Dinge umzusetzen gedenken und wie sie auftreten. Vielleicht kennt der ein oder andere Leser diese Situation, wenn ein Mensch aus dem näheren Freundeskreis ein Vegetarier oder Veganer ist. Manche solcher Menschen neigen dazu, jedem anderen Menschen ständig ein schlechtes Gewissen einreden zu müssen, weil sie ja Fleisch essen, und Fleisch zu essen ist ganz böse. Es ist diese typisch linksintellektuelle Einstellung, die ich in den letzten Jahren immer mehr zu hassen gelernt habe. Ich will damit nicht sagen, dass es prinzipiell falsch ist, wenn jemand vegan oder vegetarisch lebt, und ich will auch niemanden beleidigen, wenn er sich selbst als linksorientiert einschätzt, aber ich habe einfach die bittere Erfahrung gemacht, dass viele Menschen dazu neigen, diese beiden Einstellungen wie ein Aushängeschild ständig vor sich hertragen zu müssen, und jeden Menschen darauf aufmerksam machen zu müssen. Es ist ein bisschen vergleichbar mit Spendern für wohltätige Zwecke.

Meiner Erfahrung nach, gibt es zwei Arten von Menschen, die spenden. Einerseits gibt es den Typ Mensch, der einfach spendet. Er macht kein großes Event aus der Sache und er besucht auch niemals diese Selbst-Beweihräucherungs-Feste, bei denen er sich inszeniert für ein gutes Image. Zu diesem Typ Mensch zähle ich mich. Und dann gibt es eben das ganze Gegenteil. Die Grünen und die meisten Linksintellektuellen zählen auch zu diesem letztgenannten Typ Mensch.

Volker Beck ist in meinen Augen ein Paradebeispiel für dieses Auftreten. Schon mehr als einmal war er auf irgendeiner Demonstration, hat sich dort verprügeln lassen, nur um sich dann medienwirksam in Szene setzen zu können. Auch in Diskussionen kann er es nicht unterlassen, mindestens einmal darauf hinzuweisen, dass er sich bei Demonstrationen engagiert. Und in Talkshows aber vor allem im Parlament ist er oftmals ein lautstark forderndes Wesen, das hunderte Moralsalven auf seine Gegner abfeuert. Solche Menschen tragen gewissermaßen ein Schild vor sich her, der, meiner Ansicht nach, von etwas ablenken soll – wie es Schilde ja immer tun. Und wie wir gesehen haben, scheint diese These zu stimmen.

Natürlich wird die juristische Strafe mild ausfallen – auch wenn offiziell jeder Mensch vor dem Gesetz gleich sein sollte, so zeigt doch die Vergangenheit oft, dass Menschen mit ‚Promi-Bonus‘ generell milder bestraft werden. Was aber viel wichtiger ist, ist der Image-Schaden. Es ist ja nicht so, dass die Grünen allgemein ein angeschlagenes Image haben, aufgrund abstruser Forderungen Pädophilie und Drogenkonsum zu legalisieren.

Wenn ich schonmal dabei bin, über die Grünen zu schreiben, dann will ich gleich noch anmerken, dass mir keine andere Partei in Deutschland bekannt ist, deren Wahlversprechen derart weit entfernt von den Handlungen sind, die nach den Wahlversprechen folgen. Die Grünen schaffen es, ein junges, zumeist nicht sehr finanzstarkes Wählerklientel zur Wahl ihrer Partei zu überzeugen und dann aber eine Politik zu machen, die man eigentlich eher von der dahingeschiedenen FDP erwarten würde. Ich meine, die Grünen sind mal ins Parlament gekommen, da forderten sie noch, dass Deutschland aus der NATO austreten müsse – eine Forderung, die ich unterstützen würde -, und einige Jahre später haben sie dem Militäreinsatz in Afghanistan zugestimmt. Die Grünen setzen sich angeblich für die sozial Schwächeren ein, haben aber mit Schröder zusammen die Agenda 2010 durch gebracht, die man als nicht sehr vorteilhaft für die sozial Schwächeren bezeichnen kann. Und von den oben erwähnten Forderungen zur Legalisierung von Sex mit Kindern und Drogenkonsum will ich erst gar nicht anfangen.

Falls unter meinen Lesern Wähler der Grünen dabei sein sollten, was durchaus der Fall sein kann, dann sage ich ganz klar: Setzt Euch mit den Parteien besser auseinander, die Ihr da wählt oder wählen wollt. Schaut nicht nur in die Wahlprogramme, schaut vor allem, was die Parteien eigentlich in der Vergangenheit getan haben und inwieweit deckt sich das mit den allgemeinen Forderungen der Partei. Und da spielt es keine Rolle, ob wir hier von den Grünen, der CDU oder der Linken sprechen. Angela Merkel hatte es mal sehr schön gesagt, dass man sich nicht auf das verlassen könne, was einem eine Partei vor einer Wahl versprochen habe. Mag sein, aber man kann sich auf das verlassen, was die Partei in der Vergangenheit schon gemacht hat.

Der Fall (von) Volker Beck