Nordische Mythologie – Teil 2

Kommen wir nun zu den Göttern.

In der nordischen Mythologie kann man zunächst zwei Göttergeschlechter unterscheiden: Asen und Wanen.

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Thor (https://de.wikipedia.org/wiki/Asen_(Mythologie)#/media/File:Mårten_Eskil_Winge_-_Tor%27s_Fight_with_the_Giants_-_Google_Art_Project.jpg)

Die Asen sind das größere und heutzutage bekanntere Geschlecht der beiden Götter, zumindest was ihre Vertreter angeht. Zu ihnen zählen etwa Loki, Odin oder der oben dargestellte Thor. Allerdings zählen zu ihnen auch weniger bekannte Götter wie etwa Tyr, Heimdall oder Bragi. Die Asen zeichnen sich vor allem durch ihr kriegerisches und herrschendes Temperament aus und sie leben an der Spitze Yggdrasils in Asgard.

Die Wanen fallen zahlenmäßig deutlich kleiner aus und zu ihnen zählen ebenfalls weniger bekannte Götter wie etwa Freyja und Njörd. Im Gegensatz zu den kriegerischen – also wohl eher zerstörerischen Asen – schreibt man den Wanen eine hohe Fruchtbarkeit zu. Sie leben in Wanenheim, was ungefähr in der Mitte Yggdrasils liegt. Außerdem sind sie das ältere der beiden Göttergeschlechter.

In manchen Quellen werden auch die Riesen und Ungeheuer zu einem dritten Göttergeschlecht gezählt, wodurch sie das älteste Geschlecht überhaupt wären. Die Riesen und Ungeheuer stehen im Grunde für alles Böse. Oftmals werden ihnen auch Naturkatastrophen zugeschrieben und sie besitzen deswegen auch die Macht, die Welten zu vernichten.

Aus diesem Grunde gibt es die Wanen, die die Riesen einerseits beobachten und andererseits versuchen sie, ein Gleichgewicht zu erhalten. Weil die Wanen aber kämpferisch nicht sehr begabt sind, gibt es eben noch die Asen, die letztlich die Macht besitzen, sich und die Welten gegen die Riesen verteidigen zu können.

Angesichts der Tatsache, dass die oft als magische Drei bezeichnete Zahl auch für die Menschen des Nordens einen hohen Stellenwert besaß – drei mal drei Welten in Yggdrasil, drei Geschlechter bei der Unterteilung der Runen, drei erste Götter mit Odin, Vili und Ve – erscheint die Begründung, es gäbe drei Geschlechter nicht allzu weit entfernt.

Ein wichtiger Unterschied zwischen den Asen und Wanen, der eher selten erwähnt wird, ist der Umstand, dass die Wanen ewiges Leben besitzen. Damit die Asen ebenfalls ewig leben können, greifen sie auf die Äpfel der Idun zurück. Idun selbst ist die Göttin der Unsterblichkeit und der Jugend, und, interessanterweise, gehört sie selbst zum Geschlecht der Asen. Dennoch soll es immer wieder Neid seitens der Asen auf die Wanen gegeben haben, weil sie das ewige Leben eben von Geburt an haben.

Bevor wir zur Stellung der Götter und der Bedeutung ausgewählter Götter kommen, muss ich der Vollständigkeit wegen noch den Krieg der Götter erwähnen, denn er ist eine wichtige Geschichte in der nordischen Mythologie.

Bedenkt man, dass die Asen kriegerisch und herrschend waren und getrennt von den Wanen lebten, ist es nicht sonderlich verwunderlich, dass es zwangsläufig zwischen diesen beiden Geschlechtern zu einem Konflikt kommen musste. In der Regel wird der Wanen- oder Asen-Wanen-Krieg als der erste Konflikt der Welt angesehen.

Ausgangspunkt für diesen Krieg ist die Göttin Gullveig, eine Wanin, die als Hüterin der Schätze und des Goldes gilt – von ihr leitet sich vermutlich auch das Wort Gold ab -, und die aber auch die Gier nach dem Gold über die Götter brachte. Die Asen nahmen Gullveig gefangen und wollten wissen, woher sie ihren Reichtum bezog, allerdings verriet sie ihr Geheimnis nicht. Aus diesem Grund folterten und verbrannten die Asen die Göttin insgesamt dreimal – auch hier wieder die magische Zahl. Dieser (mehrmalige) Mord gilt übrigens auch als der erste Mord überhaupt. Als die Wanen vom Tod Gullveigs erfuhren, waren sie so erbost, dass sie einen Krieg begannen.

Je nach Auslegung der Quelle wurde Gullveig wirklich getötet, aber davon ausgehend, dass sie eine Göttin und Waninen war, kann man auch davon ausgehen, dass sie auch nach der dritten Verbrennung wieder auferstanden ist, immerhin ist sie bei der ersten und zweiten Tötung auch wieder auferstanden.

Historiker gehen davon aus, dass dieser Krieg seinen eigentlichen Ursprung in der Geschichte der skandinavischen Völker hatte. So sollen die sogenannten Schnurkeramiker gegen die Streitaxtleute gekämpft haben. Beide Namen stehen für alte Kulturen, die sich im skandinavischen Raum aufgehalten haben sollen.

Obwohl die Asen den Wanen zahlenmäßig weit überlegen waren, stand doch das Schlachtenglück auf Seiten der Wanen. Nach langen und verlustreichen Auseinandersetzungen mussten dies auch die kriegerischen Asen einsehen, weswegen sie ihren Feinden ein Friedensangebot unterbreiteten. Und obwohl die Wanen im Begriff waren, den Krieg zu gewinnen, begaben sie sich ebenfalls an den Verhandlungstisch, denn sie hassten den Krieg.

Noch interessanter wird es, wenn man bedenkt, dass die Wanen im Verlauf der Verhandlungen sogar einen Großteil ihrer Macht freiwillig abgaben. Dahinter vermutet man nicht ganz zu unrecht die alte Moral, nach der der Klügere nachgibt. Außerdem, um zu verdeutlichen, dass man einen dauerhaften Frieden wollte, tauschte man noch Geiseln aus – eine durchaus übliche Praxis in der Antike und ein Motiv, das man in so manch literarischem Werk wiederfinden kann.

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Odin beginnt den Krieg durch den Wurf seines Speers. (https://de.wikipedia.org/wiki/Wanenkrieg#/media/File:Æsir-Vanir_war_by_Frølich.jpg)

Eine Besonderheit in der Hierarchie der Götter des Nordens besteht darin, dass es keine richtige Hierarchie gibt. Der Einfachheit wegen wird gern behauptet, dass Odin der König der Götter oder der Hochgott sei, doch nach allen Quellen und Interpretationen nach zu urteilen, gibt es keinen König der Götter. Im Grunde genommen stehen alle Götter und Göttinnen auf einer Ebene.

Begründet wird dies oft dadurch, dass jeder Gott in der Regel nur eine oder zwei herausragende Eigenschaften besitzt, weswegen es eben nicht möglich ist, dass sich ein einziger Gott zum Herrscher aufschwingen konnte. Allmächtigkeit erreichen die nordischen Götter nur dann, wenn sie zusammenarbeiten und sich ihre jeweiligen Eigenschaften gegenseitig ergänzen.

Einen ähnlichen Mangel an hierarchischer Struktur wies auch das Verhältnis zwischen den Göttern und den Menschen auf. Sicherlich betrachteten die Nordmänner die Götter als höhere Wesen aufgrund ihrer übermenschlichen Fähigkeiten, aber sie ordneten sich den Göttern niemals vollständig unter.

Ähnlich wie in der griechischen und römischen Mythologie waren die nordischen Götter den Menschen nicht sehr unähnlich, was sich vor allem durch deren Probleme und Geschichten zeigte. Auch unter den Göttern gab es Verrat, Liebe und Hass.

Der vermutlich berühmteste Vertreter der nordischen Gottheiten dürfte Thor sein, immerhin taucht er ja auch in Comics und Filmen auf. Allerdings ist die Comicfigur des Thor nicht unbedingt eine exakte Kopie des Thor, den die Nordmänner im Sinn hatten.

Ursprünglich stellte man sich Thor als einen klassischen Hünen vor: groß, muskulös, nicht zwangsläufig intelligent, aber dennoch mit einer bestechenden Ehrlichkeit und Geradlinigkeit ausgezeichnet. Thor besaß kein großes Geschick was Intrigen anging, wenn es für ihn ein Problem gab, dann löste er es immerzu auf dem direkten Weg. Entgegen der Comicfigur stellte man sich Thor aber auch mit roten Haaren und einem mächtigen, roten Bart vor. Ausgerüstet war er natürlich mit dem berühmten Hammer, dem Mjölnir.

Ebenfalls aus dem Comic- und Filmuniversum bekannt ist mittlerweile auch Loki. Er gilt als der Gott der List und wird, der Einfachheit wegen, oft als ein Pendant zum christlichen Teufel dargestellt. Allerdings kann man diesen Vergleich nur bedingt ziehen, denn Loki mag zwar listenreich und intrigant sein, aber die Menschen betrachteten ihn nicht als die Personifizierung des Bösen.

Der uns heute sehr vertraute Dualismus aus Gut und Böse existierte für die Nordmannen nicht. In ihren Augen waren die Götter schlichtweg pragmatisch, was so viel heißt wie, dass sowohl Thor und Loki Ziele verfolgten, aber eben auf sehr unterschiedliche Art und Weise.

Ein weiteres Indiz dafür, dass man Loki nicht schlichtweg als den Bösen abstempeln kann, ergibt sich aus der Tatsache, dass er zwar scheinbar mit seinem Vorgehen anderen Lebewesen schaden wollte, es ihm aber nicht immer gelang. Aus einer List heraus erfand Loki beispielsweise der Sage nach das Fischernetz, was für die Skandinavier und Nordgermanen wohl eines der wichtigsten Instrumente zur Beschaffung von Nahrung war.

Möglicherweise weniger bekannt ist Lokis Blutsbruder Odin, der sogenannte Allvater und Hochgott der nordischen Götter.

Odin ist eine der vielseitigsten und interessantesten Gottheiten des Nordens. Oftmals wird er als eine Art Kriegsgott gesehen, allerdings stimmt dies nur sehr bedingt. Kampf ist ein Aspekt seiner Persönlichkeit, aber er gilt auch als ein äußerst weiser Mann und als Erfinder der Runen. Dementsprechend unterschiedlich wird er auch dargestellt.

In seiner Rolle als Kriegsgott trägt er beispielsweise immer seinen Speer Gungnir. Oftmals reitet er auch auf seinem achtbeinigen Pferd Sleipnir. Aber es gibt auch Darstellungen, die ihn als einen rastlosen Wanderer in einem grauen Mantel und mit einem Wanderstock darstellen, weil er auch als Wanderer zwischen den Welten gilt. Letztere Darstellung war übrigens die Vorlage für Gandalf aus Tolkiens Herr der Ringe-Epos.

Stets begleitet wurde er von seinen beiden Raben – Hugin und Munin -, die unterschiedlich interpretiert werden. Einerseits betrachtet man sie als die Augen Odins, denn sie fliegen immerzu durch die Welten und berichten dem Allvater, was geschieht – darüber hinaus, dies sei am Rande erwähnt, hatte Odin auch nur ein Auge. Aber es gibt auch eine andere Interpretation, die sich aus der Übersetzung der beiden Namen ergibt.

Hugin bedeutet so viel wie Gedanke und Munin bedeutet so viel wie Erinnerung. Das heißt, wenn man Gedanke so versteht, dass eine Denkleistung in die Zukunft projiziert wird, man denkt also über die Zukunft nach, kann man Hugin als die Zukunft an sich und Munin als Vergangenheit, weil er der Erinnerung entspricht, verstehen.

Laut der Sage machte sich Odin oft Sorgen, dass seine beiden Raben nicht zurückkommen, dass also die Zukunft und die Vergangenheit gewissermaßen verschwinden. Betrachtet man nun Odin selbst als das Pendant zur Gegenwart, könnte man darin eine Art Metapher erkennen, die uns sagen will, dass man stets alle drei Zeitebenen – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – im Blick haben sollte.

Es gibt aber auch die gegenteilige Meinung, dass gerade durch die Abwesenheit von Zukunft und Vergangenheit ein großes Augenmerk auf der Gegenwart liegen soll. Dies würde einer Denkweise entsprechen, die man in vielen Philosophien sehen kann und die sich oft zusammenfassen lässt unter dem Motto: Man solle in der Gegenwart leben.

Weniger tiefgründig sind die beiden Wölfe des Odin – Geri und Freki. Sie dienen lediglich dazu, in Walhalla Odins Speisen zu verzehren, während der Allvater selbst nur Met zu sich nehmen darf.

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Odin (https://en.wikipedia.org/wiki/Geri_and_Freki#/media/File:Odin,_der_G%C3%B6ttervater.jpg)

Zum Abschluss unserer kleinen Götterschau will ich noch eine Vertreterin vorstellen, die mich am meisten fasziniert hat: Hel.

Hel ist die Herrscherin der Unterwelt, Helheim, und von ihrem Namen leitet sich wahrscheinlich auch das englische Wort für Hölle (hell) ab. Allerdings sei hier kurz erwähnt, dass die nordische Unterwelt den meisten Quellen nach nicht vergleichbar ist mit der christlichen Hölle.

Während unsere Vorstellung der Hölle oder Unterwelt durchweg negativ belegt ist, ist die nordische Unterwelt kein allzu schlechter Ort. Und auch an der Herrscherin selbst zeigt sich wieder einmal, dass die Menschen des Nordens kein klassisches Gut oder Böse kannten. Denn Hel soll all jene, die ihre Unterwelt betraten, sogar bewirtet haben.

Den meisten Menschen ist womöglich Walhalla ein Begriff. Oftmals wird davon ausgegangen, dass jeder Tote nach Walhalla kommt und deswegen denken auch viele Menschen, dass eben Walhalla die eigentliche Unterwelt sei. Allerdings war Walhalla lediglich all jenen Toten vorbehalten, die in der Schlacht gestorben sind. Die Menschen jedoch, die eben nicht im Kampf starben, kamen nach Helheim.

Was genau mit den Menschen in Helheim passierte, erläutere ich dann im nächsten Artikel. Aber was mich so an der Göttin faszinierte, ist ihre Darstellung. Denn durch Hels Körper verläuft gewissermaßen eine Linie.

Während die linke Seite ihres Körpers dem Idealbild einer schönen Frau entspricht mit einer makellosen Haut und wundervollen blonden Haaren, soll die rechte Seite ihres Körpers wohl eher dem entsprochen haben, was wir heute als Zombie bezeichnen würden, also einem langsam verrottenden und stinkenden Fleischklumpen. Damit spiegelt sie im Grunde den allgegenwärtigen Dualismus von Leben und Tod in ihrer eigenen Person wider – man könnte auch von Yin und Yang sprechen – und gleichzeitig zeigt sie damit auch auf, dass für die Nordmänner Leben und Tod eben nicht strikt voneinander getrennt waren, andernfalls würde man diese beiden vermeintlichen Gegensätze nicht in einer einzigen Person vereint finden.

Fortsetzung folgt …

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Hel (https://i.pinimg.com/736x/62/e2/ce/62e2ced87851f2900fb327335b1b70fd–norse-goddess-norse-mythology.jpg)
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