Über die Zeit – Teil 2

Bevor ich mit meinen eigentlichen Ausführungen beginne, will ich darauf hinweisen, dass ich nicht der erste Mensch bin, der sich mit diesem Thema auseinandersetzt und ich bin sicher nicht der erste Mensch, der einen unkonventionellen Zeitbegriff zu etablieren versucht. Man denke nur an Albert Einstein, der unser Verständnis von Raum und Zeit so gravierend verändert hat wie kaum ein anderer Mensch.

Grundsätzlich kann man sagen, orientiert sich mein Verständnis von Zeit auch an Einsteins Vorstellung von Zeit. Für Einstein war Zeit keine zweidimensionale Angelegenheit in Form eines Strahls. Für ihn war Zeit ein Raum und damit ein dreidimensionales Gebilde.

Doch was bedeutet das konkret?

Wenn Zeit auf einem Strahl stattfindet, so könnte man sich nur vor oder zurück bewegen. Man könnte nicht springen. Das hieße, Zeit läuft stets linear ab, theoretisch gesehen kann sie auch rückwärts ablaufen, aber dann ist es eben so, als würde man eine Videokassette zurückspulen – die Älteren werden sich erinnern.

Ist Zeit aber ein Raum, dann können wir uns innerhalb dieses Gebildes in allen drei Dimensionen bewegen. Das heißt, wir müssen nicht zwangsläufig eine Linie abwandern und sind nicht gezwungen uns vor oder zurück zu bewegen. Gleichzeitig wäre es möglich, innerhalb des Raumes zu springen.

Ich weiß, die Vorstellung, dass ein Raum voller Zeit sei und Zeit somit zu einer Art Äther wird, ist schwer vorstellbar. Aber das liegt auch nur daran, weil es für viele Menschen eine völlig neuartige Vorstellung ist. Wir sind durch unsere Sozialisation und durch unsere Bildung daran gewöhnt, Zeit auf einem Strahl wahrzunehmen.

Vielleicht kann man dieses Bild besser verstehen, wenn man sich vergegenwärtigt, dass ein Raum auch voller Sauerstoff sein kann. In dem Falle würden wir lauter kleine Moleküle des chemischen Elements in der Luft vorfinden. Theoretisch könnte man sich Zeit oder unterschiedliche Stadien derselben genauso als Moleküle vorstellen.

Aus dieser Vorstellung heraus ergeben sich noch andere interessante Ansichten.

In unserem Zeitverständnis neigen wir oft dazu, kausal-lineare Beziehungen aufzubauen. Wir glauben, es muss erst ein Ereignis (Aktion) geschehen, damit ein neues Ereignis (Reaktion) passieren kann. In den meisten Fällen mag dies stimmen, aber manchmal gibt es keine direkten Folgen. Manchmal ist der Zeitraum zwischen zwei Ereignissen, die eigentlich zusammenhängen, so groß, dass wir den Zusammenhang nicht erkennen können.

Auf einer gedachten Linie mit zwei Punkten, die jeweils für das Ereignis stehen, ist dieser Fehler nur allzu verständlich. In einem dreidimensionalen Raum hingegen, in dem jeder Zeitpunkt ein Molekül darstellt, kann dies nicht mehr so leicht passieren.

Dem geneigten Leser mag dies jetzt vielleicht fantastisch erscheinen und ich kann dies durchaus verstehen. Es hat auch einige Zeit gedauert, bis ich mich an diese Vorstellung gewöhnen konnte, aber in meinen Augen macht sie durchaus Sinn.

Die vielleicht größte Veränderung in unserer Zeitwahrnehmung besteht darin, dass wir eine Einteilung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht mehr vorzunehmen brauchen. In einem gedachten Raum, in dem Zeit sich in Molekülen befindet und diese Moleküle können sich frei in diesem Raum bewegen, gibt es keine konkrete Unterscheidung mehr zwischen Zeitebenen.

Im Grunde genommen passiert in einem solchen Konstrukt alles zur selben Zeit. Gleichzeitig kann sich auch jedes stattgefundene und noch stattfindende Ereignis aufeinander beziehen. Dies führt zu der paradoxen Überlegung, dass nicht allein die Vergangenheit die Zukunft beeinflusst, sondern die Zukunft beeinflusst die Vergangenheit.

Das einzige Problem an dieser These besteht lediglich darin, dass ich sie vermutlich niemals werde beweisen können. Denn um sicher aufzeigen zu können, dass die Zukunft die Vergangenheit beeinflusst, müsste ich in die Zukunft reisen können, diese willentlich verändern, dann wieder zurück in die Vergangenheit und überprüfen, ob diese sich verändert hat.

Allerdings ist es genauso schwer zu beweisen, dass die Vergangenheit die Zukunft beeinflusst, denn dafür müsste man in die Vergangenheit reisen, diese verändern und dann die Zukunft überprüfen.

Leider sind Zeitreisen noch nicht im technisch möglichen Bereich. Und vielleicht ist das auch besser so, denn man kann sich nicht sicher sein, wie viel Schaden man damit anrichtet, in dem man die Zeit beeinflusst.

Nebenbei bemerkt hat meine Version der Zeit auch den Nebeneffekt, dass es keinen Urknall gegeben haben muss. Zwangsläufig muss es nicht mal einen Anfang gegeben haben, weil alles zur gleichen Zeit passiert. Anders gesagt: Der Anfang ist das Ende und das Ende ist der Anfang. In einigen Mythologien gibt es dazu auch Bilder von Schlangen oder schlangenartigen Wesen, die sich selbst in den hinteren Teil ihres Körpers beißen.

Noch eine letzte Überlegung kommt mir zu diesem Thema in den Sinn: Leben wir in einer deterministischen Welt?

Kurz zur Erklärung: Grundsätzlich gibt es zwei entgegengesetzte Ansichten darüber, wie unsere Welt und das Fortschreiten der Dinge funktioniert. Die eine Theorie besagt, dass nichts vorherbestimmt ist und dass jede Aktion, also jede ausgeführte Handlung, auch eine Reaktion oder Konsequenz haben muss. Das andere Extrem ist der Determinismus, der davon ausgeht, dass wir letztlich vorgegebene Handlungen vollführen.

Man kann sich vollkommen berechtigt die Frage stellen, wie ein Determinismus funktionieren soll, denn wer bestimmt denn dann, wann was passiert? Religiöse Menschen neigen oft dazu, die Geschicke der Welt einem göttlichen Wesen andichten zu wollen. Dementsprechend unmöglich ist es auch, diese Theorie zu beweisen.

Ich weiß, dass meine Überlegungen sicher zunächst überfordern werden. Sie mögen auf den ersten Blick vielleicht unlogisch erscheinen, aber das mag allein daran liegen, weil sie uns so fremdartig erscheinen.

Ich danke für die Aufmerksamkeit!

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Über die Zeit – Teil 2