Über die Zeit – Teil 1

Es gibt vor allem in der philosophischen Diskussion Begriffe, die man bis zur Unendlichkeit besprechen kann. Zu ihnen zählen etwa das Glück, Moral und Vernunft. Meiner Ansicht nach lassen sich diese Begriffe vor allem deswegen so gut diskutieren, weil sie keine feste Definition haben.

Jeder Mensch hat eine andere Moral und eine andere Vorstellung von Glück. Für einen Menschen besteht das Glück darin, seine Kinder jeden Abend zu Bett zu bringen und ihnen eine Geschichte zu erzählen. Für einen anderen Menschen besteht das Glück aber vielleicht darin, älteren Menschen zu helfen, sie zu pflegen und bis zu ihrem Lebensende zu begleiten. Für den einen Menschen ist es moralisch vollkommen in Ordnung, abzutreiben und für einen anderen Menschen kommt es einem Mord gleich, ein Ungeborenes im Mutterleib zu töten.

Doch ich möchte hier einen Begriff besprechen, der de facto eine Definition besitzt, der aber dennoch kaum greifbar zu sein scheint: die Zeit.

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Je nachdem aus welchem Fachbereich man kommt, gibt es vollkommen unterschiedliche Definitionen und Vorstellungen von Zeit. Ein Psychologe beispielsweise kennt die Erlebniszeit, also die bewusst erlebte Zeit eines Menschen, aber auch die objektive Zeit, die sich durch Veränderungen in der Natur zeigt. Für einen Physiker ist die Zeit lediglich eine Größe, die man in unterschiedlichen Messeinheiten ausdrücken kann. In der Ökonomie kann die Zeit sogar zu einem Wertgegenstand werden.

Für einen „normalen“ Menschen ist Zeit aber wohl einfach ein Abschnitt von Ereignissen. Eingeteilt oftmals in drei willkürliche Kategorien namens Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Doch allein hier ergeben sich schon Probleme.

Ab welchem Zeitpunkt kann ich von Zukunft sprechen? Ist die Zukunft mir gewissermaßen immer eine Sekunde voraus und die Vergangenheit liegt immer eine Sekunde zurück, sodass die Gegenwart aus einer einzigen Sekunde besteht? Oder müssen wir diese beiden Begriffe weiter ausdehnen, sodass der vergangene Tag die Vergangenheit und der kommende Tag die Zukunft darstellt?

Hier begegnet uns ein Problem, das viele Historiker kennen. Denn auch in der Geschichte, selbst in der Retrospektive, ist es in vielen Fällen nicht möglich, einen konkreten Zeitpunkt festzulegen, ab dem sich ein bestimmter Prozess in Bewegung gesetzt hat. Ganz konkret gibt es dieses Problem etwa in der Epochenbeschreibung.

Man kann zum Beispiel keinen konkreten Zeitpunkt festlegen, ab dem man vom Mittelalter oder der Aufklärung spricht. Selbst Ereignisse wie Kriege, bei denen man vermuten könnte, dass sie einen konkreten Start- und Endpunkt haben, lassen sich nicht immer so klar umreißen, denn oftmals gab es vor oder nach einer offiziellen Kriegserklärung bereits Scharmützel.

Aber auch im Alltag begegnen uns solche Probleme manchmal. Wir hantieren zwar mit Jahreszeiten, aber wir können auch keinen konkreten Zeitpunkt feststellen, ab dem es Winter oder Sommer ist. Genauso wenig können wir für uns selbst sagen, aber wann wir erwachsen sind. Es gibt vom Gesetzgeber eine Vorgabe, dass man ab dem 18. Lebensjahr erwachsen ist, aber deswegen wird kein Schalter in einem Menschen umgelegt.

Mir ist wichtig, all diese Beispiele ganz konkret anzusprechen, weil wir uns bezüglich der Zeit und ihrer Einteilung oftmals auf sehr dünnem Eis bewegen und dadurch erzeugen wir in uns selbst die Illusion, dass wir Zeit hätten oder über sie verfügen. Auch der Umgang mit Zeitabschnitten, die wir in Sekunden, Stunden oder Tagen einteilen, täuscht lediglich darüber hinweg, dass wir keinerlei Kontrolle über den Fortgang der Ereignisse haben. Aber gleichzeitig zeigen diese Versuche auch, dass wir gern Kontrolle hätten.

Aber es gibt noch eine weitere Sache, die diese Einteilung mit sich bringt.

Wir betrachten Zeit stets linear mit einem Anfangs- und einem Endpunkt. In der Schule, vor allem im Geschichtsunterricht, gibt es dieses geflügelte Wort des Zeitstrahls. Ich hatte mich schon damals oft gefragt, wie man Zeit auf einer Linie darstellen soll. Natürlich kann man dadurch gewählte Ereignisse in einer gewissen Relation zueinander darstellen, aber was passiert, wenn wir dies tun?

Wir verlieren den Blick für das Große und Ganze.

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Ich vergleiche dies gern mit einem Betrachter in einem Museum. Stellen wir uns vor, wir stehen vor einem Gemälde. Betrachten wir Zeit in einem Strahl, ist es so, als würden wir durch dünne Röhren auf das Bild blicken. Wir werden niemals das Bild in seiner Gesamtheit erkennen, stattdessen werden wir Abschnitte erblicken, die wir dann mehr oder weniger gut in unserem Kopf zusammensetzen.

Während meiner Recherchen zu diesem Thema habe ich nach einer anderen Vorstellung von Zeit gesucht, allerdings gibt es bislang nur die lineare und die zyklische Zeiteinteilung.

Zyklische Zeit bedeutet, dass sich Zeit nicht mit Uhren oder Messeinheiten, sondern sich mit Zyklen einteilen lässt. Vor allem Naturvölker und auch unsere Vorfahren hatten solch ein Zeitverständnis. Während wir einen Tag mit 24 Stunden definieren, war für unsere Vorfahren ein Tag vom Sonnenauf- bis zum Sonnenuntergang definiert.

Aber selbst zyklische Zeit ist letztlich eine andere Betrachtung von linearer Zeit, denn auch in einem Zyklus möchten wir einen Beginn und ein Ende ausmachen.

Wer mir bis hierher gefolgt ist, wird sich jetzt vermutlich fragen, wie man Zeit denn sonst definieren soll? Doch diese Frage möchte ich erst im nächsten Teil beantworten.

Stattdessen möchte ich noch ein paar Beispiele erwähnen, die mit unserem linearen Zeitverständnis zusammenhängen.

Die Frage danach, ob zuerst das Huhn oder das Ei da war, ist vielleicht das berühmteste Beispiel für die Schwierigkeit, Ereignisse linear zu ordnen. In unserer Vorstellung muss entweder das Tier oder das Ei zuerst dagewesen sein.

Auch die wissenschaftliche Erklärung für die Entstehung der Erde funktioniert ohne ein lineares Zeitverständnis nicht, denn man geht davon aus, dass es einen Beginn – den Urknall – und irgendwann auch ein Ende geben wird.

Wie sich die Sicht auf die Welt verändern kann, wenn man sich über dieses lineare Zeitverständnis hinausbewegt, zeige ich im nächsten Teil.

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Über die Zeit – Teil 1

Nordische Philosophie (und Mythologie) – Teil 3

Wie es in der Überschrift bereits angedeutet ist, soll es in diesem dritten Teil vor allem um die Philosophie der Nordmänner gehen, nachdem es in den vergangenen beiden Texten hauptsächlich um die Mythologie ging. Aber keine Sorge, dies wird keine trockene Abhandlung über philosophische Grundsätze. Ein solches Vorgehen würde auch nicht sonderlich zu den Menschen passen, die an die nordischen Götter geglaubt haben.

Zunächst einmal möchte ich auf das typische Denken dieser Menschen eingehen. Es mag zunächst banal erscheinen, denn inwiefern sollen diese Menschen denn anders gedacht haben als wir?

Wie ich bereits im zweiten Teil angedeutet habe, sahen die Menschen des Nordens beispielsweise zwischen Leben und Tod keine strikte Trennung. In ihrer Vorstellung entsprachen die Geburt und das Sterben einem Kreislauf. Genau dies mag ein kleiner aber sehr gewichtiger Unterschied sein, denn die Nordmannen waren umgeben von Zyklen und deswegen finden sich diese Kreisläufe auch immer wieder in ihrem Denken.

Dabei müssen es nicht einmal so abstrakte Zyklen sein wie die Wiedergeburt. Selbst so einfache Dinge wie die Jahreszeiten stellen bereits einen Zyklus dar. Wir hantieren zwar mit vier Begriffen, aber es ist dennoch nicht möglich einen speziellen, festgelegten Zeitpunkt auszumachen, ab wann man immer vom Sommer sprechen kann. Vielmehr gehen die Jahreszeiten fließend ineinander über.

Noch viel eindrücklicher sind die Mondphasen. Dazu muss man wissen, dass der Mond für die Nordmannen der vielleicht wichtigste Himmelskörper war, denn viele Feste richten sich nach dem Mondzyklus aus.

Im Unterschied zum modernen Menschen besaßen die Menschen des Nordens kaum Dualismen. Ich hatte das ebenfalls im zweiten Teil angesprochen und will es hier noch einmal etwas ausführlicher darstellen.

Unsere moderne Welt ist voller Gegensätze: Gut und Böse, Arm und Reich, Schön und Hässlich, Dick und Dünn, Weiß und Schwarz, Groß und Klein. Wir scheinen uns ständig zwischen zwei extremen Polen zu bewegen und diese Art des Denkens hat auch unsere moderne Welt beeinflusst. Es ist kein Zufall, dass der christliche Glaube Himmel und Hölle kennt, die die Entsprechungen der Dualismen von Gut und Böse sind. Es ist auch kein Zufall, dass die Maschine, auf der ich gerade diesen Text eintippe, auch nur die beiden Dualismen aus 0 und 1 kennt. Und es ist ebenfalls kein Zufall, dass wir viele Fragen immer pauschal mit einem Ja oder einem Nein beantworten wollen.

Wie gesagt scheint dieser Unterschied eher klein zu sein, aber in meinen Augen ist er entscheidend.

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Der wohl wichtigste Zyklus, den ich bereits angedeutet hatte, ist der des Lebens. Ähnlich wie wir es in vielen asiatischen Glaubensvorstellungen sehen können, begriffen die Nordmänner den Tod eines Lebewesens nicht als dessen endgültiges Ende.

Wie bereits im zweiten Teil beschrieben gab es für Tote grundsätzlich zwei Wege: Starb man in der Schlacht, so kam man nach Walhalla. Starb man außerhalb des Kampfes so kam man nach Helheim. Viele Menschen mögen jetzt wieder dualistisch denken und glauben, dass es in Walhalla besser sei als in Helheim, aber laut den Sagen stimmt dies nicht. In beiden Totenwelten wurden die Toten recht gut umsorgt.

Von Walhalla wissen die meisten Menschen, dass es sich dabei um eine große Halle handeln soll, in der es immerzu Speis und Trank gibt und die eingekehrten Krieger, die dann auch als Einherjer, was so viel wie ehrenvoll Gefallener bedeutet, bezeichnet werden, feiern dort letztlich ein großes Fest. Das Feiern eines Sieges war zu der damaligen Zeit ein durchaus übliches Ritual, weswegen es nicht verwunderlich ist, dass man selbst den Gefallenen einer siegreichen Schlacht diese Belohnung nicht verwehren möchte.

Bezüglich Helheims gibt es unterschiedliche Vorstellungen. In jedem Fall wird das Reich der Toten als ein kalter und eigentlich wenig einladender Ort beschrieben. Leider kann man nicht mehr mit großer Sicherheit nachvollziehen, ob diese Beschreibung in Verbindung mit dem christlichen Bild der Hölle steht. Zeitweise, vor allem zurzeit der Christianisierung des Nordens, war Helheim tatsächlich mit der christlichen Hölle gleichgesetzt. Aus dieser Zeit stammt auch die Überzeugung, die heute noch immer von einigen Menschen vertreten wird, dass die Unterwelt kein Ort der Wiederkehr sei.

Einigen Quellen zu Folge, aber auch diese seien mit Vorsicht zu genießen, denn auch hier kann man nicht sagen, wie weit der christliche Einfluss reicht, soll es in Helheim auch einen Bereich für Mörder und andere Schwerverbrecher gegeben haben, an dem sie dann bestraft werden.

Hält man sich allerdings an die überlieferten Sagen und Legenden, und bedenkt man, dass es zwischen den Nordmännern und den Menschen, die im heutigen Raum Indiens leben, gewisse Überschneidungen gibt – etwa der Glaube von einem Urwesen, aus dem die Welt geschaffen wird oder allein der Umstand, dass sie dem indoeuropäischen Sprachraum angehörten -, kann man durchaus davon ausgehen, dass sie an eine Form der Wiedergeburt geglaubt haben müssen.

Folgt man den Sagen, erkennt man eine gewisse Ähnlichkeit zum Glauben an eine Seelenwanderung wie sie auch in der Vorstellung der antiken Griechen existierte. Wenn ein Mensch stirbt, löst sich seine Seele gewissermaßen vom Körper und er wird zu einer Art reinen Energie. In der griechischen Vorstellung kam diese Seele in den Hades und wurde dort im Fluss der Unterwelt gereinigt, sodass sie alle Erinnerungen und Verbindungen an ihr vorheriges Leben wieder vergas.

In der nordischen Vorstellung geschah dies in Niflheim. Hier wurde die Seele aber nicht nur gereinigt, es kam auch zu einer Art Urteilsprozess. Dieser ging allerdings nicht von einem richtenden Gott aus, vielmehr nahm die Seele eine objektive, vogelperspektivenartige Stellung ein. Dies war ebenso wichtig wie die Reinigung, damit die Seele neu und völlig unbelastet wiederkehren konnte.

Anhand dieser Vorstellung sieht man auch wieder wunderbar den Mangel an dualistischem Denken, denn dieser Urteilsprozess diente eben nicht dazu, den Verstorbenen entweder in die Kategorie des Guten oder des Bösen zu stecken. Gedacht war dieser Prozess vermutlich eher als eine Art Weiterentwicklungsprozess, eine stille Reflexion über das eigene Sein. Wenn dieser Ablösungsprozess vom alten Leben abgeschlossen war, kehrte die Seele schließlich in Helheim ein, wo sie von Hel bewirtet wurde und auf ihre Wiedergeburt wartete.

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Walhalla (https://de.wikipedia.org/wiki/Walhall#/media/File:Walhall_by_Emil_Doepler.jpg)

Passend zum Zyklus des Lebens besaßen die Nordmänner, auch wieder ähnlich zu den Griechen, Schicksalgöttinnen. In der griechischen Mythologie nannten sich diese Moiren und es waren drei Frauen. In der nordischen Mythologie nennen sie sich Nornen und sind ebenfalls drei Frauen.

Der Sage nach spinnen sie den Faden eines jeden Lebens. Sie leben an einer der drei Quellen, die sich an der Wurzel von Yggdrasil befinden. Ihre Personen stehen jeweils für die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Urd, was so viel wie Schicksal bedeutet und gleichzeitig der Name der Quelle ist, an der die Nornen leben, stellt die Vergangenheit dar. Verdandi, das Werdende, stellt die Gegenwart dar und Skuld, die Schuld, stellt die Zukunft dar.

Neben der Vorstellung, dass die Nornen den Faden des Lebens spinnen, gibt es auch die Vorstellung, dass sie Runen dazu einsetzen, das Schicksal eines jeden Menschen zu bestimmen. Von der Vorstellung des Fadens stammt übrigens auch der Ausspruch, dass das Leben am seidenen Faden hängt.

Obwohl es jetzt so wirken mag, als wäre das Schicksal, oft als Wyrd oder Wurd bezeichnet, feststehend und unabänderlich, stimmt dies nicht. Denn die Nordmänner begriffen das, was wir heute als Schicksal bezeichnen, eher als eine Art Reaktion des Kosmos oder der höheren Mächte auf jede Aktion eines Lebewesens.

Die Nornen mochten zwar eine Art Zukunft sehen können, aber diese musste deswegen nicht unbedingt eintreffen. Dies unterscheidet die nordische Mythologie sehr stark von allen anderen und bekannten Mythologien Europas. Denn sowohl in der griechischen, römischen als auch ägyptischen Mythologie, wenn man diese noch zu Europa zählen will, wird das Schicksal oder die Zukunft als unveränderlich betrachtet.

Angesichts der Tatsache, die ich bereits im zweiten Teil angesprochen habe, dass die Götter in der Vorstellung der Nordmannen keine allmächtigen und allwissenden Wesen waren, verwundert diese Vorstellung des Schicksals allerdings kaum.

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Nornen spinnen das Schicksal (https://de.wikipedia.org/wiki/Nornen#/media/File:Nornorna_spinner_ödets_trådar_vid_Yggdrasil.jpg)

Ein Gegensatz hierzu, für den ich auch keine wirkliche Erklärung habe, ist die Vorstellung von Ragnarok oder Ragnarök, dem Ende der Welt. Gegensätzlich ist diese Vorstellung vor allem deswegen, weil sie ein festgeschriebener und unabänderlichen Ablauf darstellt, was passieren wird, wenn das Weltenende kommt.

Ragnarök bedeutet, entgegen der weit verbreiteten Meinung, nicht Götterdämmerung, sondern viel mehr Schicksal der Götter. Diese Fehlübersetzung mag auf den Komponisten Richard Wagner zurückgehen, der eines seiner Stücke, das eben Ragnarök behandeln soll, als Götterdämmerung betitelt hat.

Ich möchte jetzt nicht haargenau schildern, was genau passiert. Wer sich dafür interessiert, findet hier eine kurze Beschreibung der Ereignisse. Was meiner Ansicht nach noch wichtig zu sein scheint, ist der Umstand, dass das Ende der Welt eben nicht das vollständige Ende ist. Laut der Sage wird es drei Jahre Kampf und einen ebenso langen Winter geben und dann wird die Welt gewissermaßen wieder auferstehen.

Einige Leute sehen in Ragnarök ebenfalls einen Zyklus, denn möglicherweise, so deren Interpretation, passiert dies in regelmäßigen Abständen immer wieder. Der einzige Mangel an dieser Theorie scheint zu sein, dass sie keinerlei Erklärung dafür liefern, wie der ursprüngliche Zustand vor Ragnarök wiederhergestellt wird, denn das Weltenende ist zugleich auch das Ende für einige Götter.

Und damit habe ich alles niedergeschrieben, was ich zum breiten Thema der nordischen Mythologie zu berichten weiß. Natürlich waren meine Ausführungen nicht erschöpfend, gerade bezüglich der einzelnen Götter und deren Funktionen. Allerdings kann man diese drei Artikel als eine Art Einführung in das Thema betrachten.

Aus diesem Grund möchte ich am Ende noch ein paar weiterführende Literaturhinweise geben. Wer sich mehr über die Götter informieren möchte, dem empfehle ich Ásatrù: Die Rückkehr der Götter. Gerichtet ist dieses Werk eigentlich an all jene Menschen, die den Glauben an die nordischen Götter erforschen wollen, aber selbst wenn man nicht an sie glauben möchte, kenne ich kein Buch, das ausführlicher über die einzelnen Götter informiert als dieses Werk.

Wer sich mit der eigentlichen Sage auseinandersetzen möchte, dem sei eine der kommentierten Fassungen der Edda empfohlen wie etwa diese. Ich würde davon abraten, eine unkommentierte Fassung zu lesen, weil man dann möglicherweise nicht alles verstehen wird. Man darf nicht vergessen, dass diese ganzen Legenden an die 1.000 Jahre alt sind. Und jeder, der schonmal versucht hat, eine Bibel zu lesen, wird wissen, dass das gar nicht so leicht ist ohne das nötige Hintergrundwissen.

Wer sich mehr mit den Runen und dem Orakeln beschäftigen will, dem seien diese beiden Bücher empfohlen: Wer es wissenschaftlicher mag, wird sicher in Krauses Runen: Geschichte – Gebrauch – Bedeutung etwas finden und wer es etwas Esoterischer mag, dem sei Runen: Zauberzeichen der Germanen empfohlen.

Dann bedanke ich mich für die Aufmerksamkeit!

Nordische Philosophie (und Mythologie) – Teil 3

Ein Pazifist beschäftigt sich mit Kriegsführung

Die Leute, die mich schon länger kennen und vielleicht auch meine Videos gesehen haben, werden wissen, dass ich mich selbst eher als einen Pazifisten bezeichnen würde. Sehr wohl ist mir aber bewusst, dass der Pazifismus genauso wie der Kommunismus eine Ideologie ist und manchmal muss man den Pfad einer Ideologie verlassen und sich dem Pragmatismus zuwenden. Vor allem wenn das Gegenüber, welches man mit diplomatischen Mitteln versucht, zu beruhigen, darauf nicht eingehen will und es stattdessen nach einer handfesten Auseinandersetzung sucht.

Im Zuge dieser Überlegung hielt ich es für spannend, mich mit Kriegsführung auseinanderzusetzen. Damit ist vor allem der theoretische Aspekt gemeint – strategische Überlegungen, taktisches Vorgehen, mentale und moralische Probleme und Möglichkeiten.

Ich muss dazu sagen, dass ich diesbezüglich kein unbeschriebenes Blatt bin. In meiner Jugend habe ich mich recht viel mit Schlachten der Geschichte beschäftigt und auch mit technischen Möglichkeiten und Mitteln des Militärs. Allerdings musste ich feststellen, dass mein Wissen völlig überholt war.

Es mag merkwürdig sein, doch auch als eher pazifistischer und friedliebender Mensch, der ich schon immer war, hat mich Militärtechnik irgendwie fasziniert. Es war wohl eine ähnliche Faszination, wie sie Kinder beim Anblick einer Dampflok empfinden mögen.

Ich weiß auch, dass sich beispielsweise viele Manager mit Kriegsführung auseinandersetzen. Es gibt wahnsinnig viele Seminare, in denen Geschäftsmänner Sunzis „Kunst des Krieges“ lesen und die dort vorgebrachten Vorgehensweisen auf ihr alltägliches und geschäftliches Leben übertragen. Im Falle des alten chinesischen Meisters mag dies funktionieren, da seine Handlungsanweisungen recht allgemein gehalten sind und sie sich deswegen leicht auch auf andere Bereiche des Lebens übertragen lassen. Bei modernen und vor allem spezifischen Werken funktioniert das nur noch sehr bedingt.

Aber darum ging es mir auch nicht primär. Ich wollte wissen, wie man heutzutage Kriege führt.

Also recherchierte ich ein wenig im Internet und stieß recht schnell auf William S. Lind. Der Mann ist heute 70 Jahre alt und hat Geschichte studiert. Außerdem gilt er als eine recht umstrittene und vor allem konservative Persönlichkeit. Aber er gilt vor allem auch als ein sehr guter Militärtheoretiker und Mitbegründer des sogenannten Fourth Generation Warfare, also der Kriegsführung der vierten Generation.

Besagter Lind hat auch ein kleines Buch herausgebracht namens 4th Generation Warfare Handbook. Leider gibt es das nur in der englischen Sprache und es ist manchmal etwas anstrengend, die ganzen Abkürzungen, die er aus dem Militärjargon verwendet, herauszufinden. Gemeint sind Kürzel wie etwa KIA, was killed in action, also getötet im Gefecht bedeutet.

Hat man sich aber einmal an diesen Jargon gewöhnt, liest sich das Buch erstaunlich flüssig und selbst für einen Menschen, der kein Militärtheoretiker ist, sind die darin enthaltenen Ausführungen sehr verständlich, weil er neben seinen theoretischen Ausführungen auch immer fiktive, aber dennoch praktische Anwendungen hinzufügt, beispielsweise als er Operation Goliath der Operation David gegenüberstellt.

Vielleicht kurz zur Erklärung: Beide Operationen sind fiktive Missionen im Inshallahland, einem fiktiven, islamisch geprägten Staat, in den die USA einmarschieren. Goliath beschreibt das übliche, uns sehr vertraute Vorgehen, bei dem die US-Army mit schweren Geräten in eine Stadt einmarschiert, Türen eintritt, Leute verhört und bedroht und sich letztlich mit der geballten Feindseligkeit der Bevölkerung konfrontiert sieht. David hingegen beschreibt ein subtileres Vorgehen, bei dem die Soldaten eben nicht als übermächtige Goliaths auftreten – daher die beiden Namen der Operationen nach der biblischen Geschichte. Stattdessen versuchen sich die US-Soldaten zu integrieren, in Kontakt mit der Bevölkerung zu treten, in dem sie etwa in örtlichen Läden einkaufen gehen oder in Hotels oder Pensionen übernachten, statt sich eine riesige Basis aufzubauen.

Das mag sich jetzt sehr banal anhören, aber Lind führt aus, welch gravierenden Unterschied es bei diesen beiden Vorgehensweisen gibt. Im Falle von Goliath ziehen die Soldaten sehr schnell den Hass der Einheimischen auf sich, weil sie sich eben als übermächtige und alles zerstörende Entität darstellen. So machen sie es dem Feind – in diesem Falle etwa Terroristen, die sich gegen die Besatzung wehren wollen – sehr leicht ein Feindbild zu kreieren. Im Falle von David hingegen lernen die Einheimischen die Soldaten als normale Menschen kennen. Sie sehen sie nicht nur als Männer und Frauen in Uniformen, was es ihnen wesentlich schwerer macht, sie zu hassen und später auch zu bekämpfen.

Es ist eine der wichtigsten und zentralsten Vorbereitungen für einen Krieg, den Gegner zu entmenschlichen. Schaut man sich etwa die Propaganda vor dem Ersten und Zweiten Weltkrieg an, in dem der jeweilige Feind immer als etwas Böses und Unmenschliches dargestellt wird, versteht man auch, wieso es den jeweiligen Soldaten so vergleichsweise leicht fiel, sein Gegenüber zu erschießen.

In unserer heutigen Zeit, in der wir Kriege führen können wie Videospiele an irgendwelchen Joysticks, braucht es so gut wie keine Propaganda mehr. Ein Drohnenpilot sieht seinen Gegner nicht direkt, höchstens als Darstellung auf einem Bildschirm und er muss auch keine Waffe halten oder einen Abzug drücken. Er muss lediglich einen roten Knopf an einem Joystick betätigen und feuert dann eine Rakete oder Maschinengewehrsalve ab.

Diese Entwicklung hat Vor- aber eben auch Nachteile. Ein Vorteil ist die Abkehr vom sogenannten Totalen Krieg. Gemeint ist hier nicht die berühmte Rede Goebbels, es geht viel mehr um ein militärtheoretisches Konzept, das einen Krieg als ein allumfassendes Phänomen beschreibt.

Üblicherweise waren Kriege immer Konflikte zwischen bewaffneten Männern. Doch spätestens im Zweiten Weltkrieg richtete sich der Krieg auch gegen die Zivilbevölkerung. Genau dieses Übergreifen von militärischem Personal auf Zivilisten beschreibt der Totale Krieg.

Mit modernen Kriegsmitteln wie etwa den Drohnen ist es heute möglich, sehr gezielte Angriffe vorzunehmen, wodurch Menschenleben geschont werden können. Glücklicherweise hat dieses Umdenken auch spätestens nach dem Vietnamkrieg eingesetzt.

Der größte Nachteil ist aber gleichzeitig auch die Entmenschlichung des Krieges. Denn wie oben beschrieben wird der bewaffnete Konflikt heute zu einem Videospiel.

Es ist ein bewiesenes Phänomen der Psychologie, dass es Menschen deutlich schwerer fällt, ein anderes Lebewesen eigenhändig zu töten, als irgendeinen Knopf zu drücken. Dabei geht es nicht mal darum, dass es weniger anstrengend wäre, jemanden zu erschießen, als ihn zu erwürgen. Der Punkt ist, wenn man jemanden erwürgt, sieht man seinem Gegenüber in der Regel ins Gesicht und man sieht den Ausdruck der blanken Angst. Manche Leute sagen auch, man sieht das Weiße im Auge des Feindes.

Wir kennen dieses Phänomen aus dem Reich der Tiere. Entgegen der weitverbreiteten Meinung töten Tiere sich nicht immer. Wenn sie Fleischfresser sind, töten sie andere Tiere, aber eben auch nicht aus Spaß. Es ist eine Notwendigkeit. Bei Revierkämpfen beispielsweise sterben Tiere selten, weil alle Tierarten die Aufgabe das Gegners akzeptieren. Viele Tiere präsentieren dann etwa ihren ungeschützten Bauch und für den Kontrahenten ist dies das Zeichen der Kapitulation.

Stellt man sich die Situation eines Drohnenpiloten vor, der seine Gegner maximal als kleine, ameisenartige Punkte auf einer Karte sieht, ist es nur zu leicht verständlich, wieso es einem solchen Piloten leicht fallen muss, den potenziell tödlichen Knopf zu betätigen.

Doch was bedeutet eigentlich nun diese Kriegsführung der vierten Generation?

Lind führt in seinem Buch aus, dass sich der moderne Krieg spätestens seit dem Vietnamkrieg verändert habe. Vorher haben Staaten gegeneinander Krieg geführt, aber schaut man sich heutige Schlachtfelder an, muss man feststellen, dass heute Staaten gegen nicht-staatliche Organisationen kämpfen wie etwa Terroristen. Um diesen verändertem Umstand Rechnung zu tragen, muss die Kriegsführung angepasst werden.

Zynisch gesagt: Der Krieg wird gewissermaßen weniger destruktiv. Denn statt mit einer gewaltigen Armee irgendwo einzumarschieren und alles einzuäschern, soll man sich nun auf kleine, konzentrierte Operationen verlassen.

Wie oben bereits ausgeführt hat diese Vorgehensweise das Ziel, die einheimische Bevölkerung nicht zu verärgern. Denn das grundsätzliche Problem im Kampf gegen Guerilla-Organisationen besteht darin, den eigentlichen Feind erst einmal zu erkennen.

Als Staaten gegen Staaten Krieg geführt haben, konnte man die Soldaten gut an ihren Uniformen erkennen. Im modernen Krieg kann jeder unscheinbare Zivilist einen Bombengürtel tragen und damit zu einer Gefahr werden.

Lind hat sehr gut erkannt, dass es vor allem der Hass der Zivilbevölkerung ist, der durch eventuell entstehende Schäden einmarschierender Truppen entsteht, der wiederum normale Zivilisten soweit radikalisieren kann, dass sie zu Selbstmordattentätern werden oder sich eben der jeweiligen Guerilla-Organisation anschließen.

Und genau dies mag der Grund sein, wieso es durchaus Sinn macht, sich als Pazifist mit dem Krieg zu beschäftigen. Denn was man vermeiden möchte, das muss man auch kennen und man kann etwas nur kennenlernen, wenn man sich damit beschäftigt.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit!

Ein Pazifist beschäftigt sich mit Kriegsführung

Die (fremde) Welt des Schamanismus – Teil 1

Ich hatte ja in meinem letzten Artikel bereits angekündigt, dass ich mich mit Themen beschäftige, die den meisten Menschen wohl recht exotisch erscheinen. Und ich glaube auch, dass dieses Thema exotisch ist. Angesichts unserer, also der europäischen, Geschichte ist das auch nicht weiter verwunderlich, denn der Schamanismus ist das, was die Kirche lange Zeit als Ketzerei oder Heidentum gebrandmarkt hatte. Mit der Folge, dass alle Menschen, die derartige Praktiken vollzogen oder daran glaubten, getötet oder zwangsweise konvertiert wurden.

Umso interessanter erscheint es mir aber, sich jetzt wieder mit diesen Dingen zu beschäftigen. Denn den Schamanismus findet man überall auf der Welt. Viele Menschen mögen die klischeehafte Vorstellung haben, dass es solche Glaubensrichtungen – ich würde es eher als eine Philosophie bezeichnen – nur in Mittel- und Südamerika gibt. Die Wahrheit ist aber, dass es den Schamanismus überall in Europa gab, heute findet man ihn vor allem in Osteuropa und bei den Samen im Norden Skandinaviens. Aber es gibt auch durchaus schamanische Tendenzen in Nordamerika, und hier seien nicht nur die Ureinwohner gemeint, oder beispielsweise, auch zu meiner eigenen Überraschung, in Japan und Südostasien.

Was wirklich faszinierend an diesem Phänomen ist, ist die Tatsache, dass der Schamanismus in seinen Grundzügen überall nach den gleichen „Regeln“ zu funktionieren scheint. Und ich meine, es ist schon irgendwie komisch, dass Schamanen in Australien sich nicht sonderlich groß von Kollegen in Europa oder Nordamerika unterscheiden. Immerhin liegen hier mehrere Meere und Kontinente zwischen ihnen.

Natürlich sind die feinen Details und die einzelnen Bezeichnungen der jeweiligen Kulturen anders. In Australien beispielsweise wird ein Fels angebetet, den Ayers Rock oder Uluru, was in den Gebieten Nordamerikas, in denen die Steppe vorherrscht, natürlich eher weniger gut funktioniert. Aber die groben Züge, wie etwa der Respekt vor allen Lebewesen und der Glaube, dass Geister eine wichtige Rolle im Leben der Menschen spielen, haben alle schamanischen Richtungen gemeinsam.

Doch zuerst will ich kurz erklären, wie ich eigentlich zu dem Thema gekommen bin, weil es eine eher kuriose Geschichte ist, die ich mir selbst nicht wirklich erklären kann. Tatsächlich habe ich einen Fantasy-Roman gelesen, in dem Schamanen eine wichtige Rolle spielten. Da wurden auch viele Dinge benutzt und erwähnt, die es im „echten“ Schamanismus tatsächlich gibt, also die Anrufung von Geistern oder die Lehre von den Elementen, aber ich habe mich irgendwie dennoch gefragt, wie viel Wahrheit in diesen Beschreibungen denn wirklich steckt. Ich kann nicht mal erklären, wieso ich dieses Interesse entwickelt habe, denn vorher habe ich mich für Dinge, die in irgendeiner Form mit dem Glauben an übernatürliche oder geisterhafte Erscheinungen in Verbindung stehen, selten bis gar nicht ernsthaft interessiert.

Ich habe zwar ein gewisses Faible für okkulte Dinge, aber nicht unbedingt, weil ich wirklich daran glaube. Es ist viel eher, weil mich das vermeintlich Böse, das hinter diesen Dingen oftmals vermutet wird, fasziniert und weil ich der Ansicht bin, dass es das Böse nicht gibt.

Wahrscheinlich bin ich schlichtweg zu sehr Atheist, um daran glauben zu können, dass es so etwas wie Geister geben kann. Sehr wohl respektiere ich aber Kulturen, in denen es eine Ahnenverehrung gibt, wie wir sie beispielsweise bei den Asiaten antreffen können. Doch für mich war das Konzept, dass mein Groß- oder Urgroßvater mich beobachten und irgendwie meine Wege beeinflussen könnte, sehr suspekt.

Allerdings muss ich auch gestehen, dass sich dieses Verhältnis nach der Beschäftigung mit dem Schamanismus nur ein wenig verändert hat, ich sehe die Sache jetzt etwas entspannter, aber ich kann einfach nicht daran glauben, dass meine Ahnen mich irgendwie beobachten.

Jedenfalls habe ich, wie es wohl viele junge Menschen heute machen, erst einmal bei Wikipedia und allgemein im Netz gestöbert. Immer eine gute Vorgehensweise um herauszufinden, ob ein Thema genügend Stoff hergibt. Und als ich feststellen musste, dass es wirklich interessant ist, habe ich mir von Michael Harner das Buch Der Weg des Schamanen: Das praktische Grundlagenwerk zum Schamanismus besorgt, einfach weil es als das Standardwerk angepriesen wurde, wenn man sich mit diesem Thema auseinandersetzen möchte, vor allem auch weil es eben den core-shamanism, also die grundlegendsten Grundlagen des Schamanismus behandelt und deswegen auch ein idealer Einstieg für einen Menschen darstellt, der mit dem Thema sonst keine Berührungen hat.

Ich will aber auch gleich vorweg schicken, dass ich keinesfalls ein Experte in diesem Thema bin, da ich zu keiner Zeit die Möglichkeit hatte, zu einem Stamm von Menschen zu reisen, der den Schamanismus praktiziert, im Gegensatz zu Michael Harner, der lange Zeit mit solchen Menschen verbracht hat und gerade wegen diesen Menschen erst einmal auf die Idee gekommen ist, so beschreibt er es auch in dem Buch, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Eigentlich ging es ihm aber eher darum, die religiösen Vorstellungen dieser Menschen besser verstehen zu wollen.

Aus diesem Grund kann man allgemein schon sagen, dass der Schamanismus zum Teil eine Religion ist in dem Sinne zumindest, dass man einen gewissen Glauben besitzt. Nur beschränkt sich eben dieser Glaube nicht auf einen Punkt, den man dann Gott oder Allah nennt. Vielmehr sieht ein Schamane in jedem Lebewesen, egal ob Tier oder Pflanze, ein Stück Göttlichkeit, um es in unseren westlichen Worten auszudrücken.

Dieser Umstand beispielsweise hat mich sehr an den Buddhismus erinnert und während meiner Internetrecherche habe ich auch immer wieder in verschiedenen Foren gelesen, dass es teilweise große Überschneidungen zwischen dem Buddhismus und dem Schamanismus gibt.

Und eine weitere wichtige Überschneidung ist die Art der praktischen Umsetzung. Während ein Christ also beispielsweise bestimmte Rituale vollzieht, er betet, geht zur Kirche, unternimmt der Schamane meist sogenannte schamanische Reisen, die sich am ehesten mit der Meditation im Buddhismus vergleichen lassen. Jetzt denken viele Menschen wohl, dass sich diese Leute dann zu dröhnen mit irgendwelchen Drogen. Ja, solche Praktiken gibt es durchaus. Harner beschreibt es auch in seinem Buch und bei seinem ersten Erlebnis, bei dem er tatsächlich etwas getrunken hat, dass drogenähnliche Wirkungen auf ihn hatte. Aber er beschreibt eben auch, dass eine Vielzahl von schamanischen Praktiken gibt, die keinerlei Drogen bedürfen.

Wenn man keine Drogen nehmen will, kann man sich auch mit Musik in einen Zustand versetzen, der einem die schamanische Reise ermöglicht. Im Grunde handelt es sich dabei um einfache Trommelmusik, manchmal kombiniert mit einer Rassel. Im Buch wird immer wieder darauf verwiesen, dass man sich einen Partner suchen solle, der eine Trommel schlagen kann, aber mittlerweile gibt es auch viele digitale Möglichkeiten, so etwas umzusetzen. Tatsächlich gibt es sogar für iOS – bei Android finden sich sicher weitaus mehr Angebote – Apps, die das schamanische Trommeln anbieten.

Aber bevor man sich jetzt solche Apps herunterlädt oder bei Streaming-Diensten nach Alben mit solcher Musik sucht – ja, die gibt es tatsächlich auch -, sollte man erst einmal verstehen, wie diese Reise genau funktioniert, denn mit dem Hören der Musik ist es nicht getan.

Zuerst einmal muss man seinen Kopf und seine Gedanken von allem befreien. Man darf an nichts denken, keine Sorgen dürfen die Gedanken irgendwie vernebeln. Allein das zu bewerkstelligen, stellt für manche Menschen schon eine gewisse Hürde dar, denn wann man im Leben wird man zu solch einem Vorgehen aufgefordert? Ich selbst kenne diese Aufforderung auch aus der buddhistischen Meditationspraxis und mir ist das niemals schwer gefallen, weil ich generell einen freien Kopf habe. Aber um dem geneigten Leser und der geneigten Leserin vielleicht zu helfen, kann man diesen Schritt im Kopf, in den Gedanken bei geschlossenen Augen visualisieren.

Also stellen Sie sich einfach all ihre Sorgen wie in einer Reihe vor, als würden sie an einer Kasse im Supermarkt stehen. Und dann fertigen Sie jede Sorge ab. Schieben Sie die Sorgen einfach weg, aus Ihrem Blickfeld heraus, das reicht schon vollkommen. Erheben Sie keinesfalls den Anspruch, all diese Sorgen wirklich zu lösen, denn dann werden Sie vermutlich aus dem Grübeln nicht mehr herauskommen. Selbst kleine, alltägliche Sorgen wie ein anstehender Zahnarzttermin – ich weiß, für manche bedeutet das auch eine große, beängstigende Sorge – oder den Umstand, dass Sie noch einkaufen gehen müssen, alles das müssen Sie von sich schieben.

Ich weiß, dass das leichter geschrieben ist, als man es vielleicht umsetzen kann. Aber mit ein wenig Übung wird es funktionieren und vor allem werden Sie schon dann merken, dass Sie deutlich entspannter sind. Denn das, was uns wirklich oft Verspannungen zufügt, sind genau solche Sorgen, die sich dann als körperliches Symptom verfestigen.

Haben Sie diesen Schritt geschafft, beginnt die eigentliche Visualisierung.

Im Buch wird beschrieben, dass man sich ein Loch, einen Höhleneingang oder irgendetwas vorstellen soll, dass ins Innere der Erde führt. Allerdings betont Harner, dass es sich um etwas aus Ihrer Erinnerung handeln müsse. Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, dass es durchaus auch mit Dingen funktioniert, die Sie nicht selbst gesehen haben. Vermutlich können Sie sich auch eine Höhle aus einem Film vorstellen. Wichtig ist nur, und jetzt wird es etwas schwammig, aber Harner schreibt es auch selbst so, dass Sie ein gutes Gefühl haben müssen, wenn Sie es sich vorstellen. Also Sie dürfen sich nichts vorstellen, was Sie in irgendeiner Form ängstigt oder verstört.

Sie sollten sich diese Höhle oder das Loch wirklich bildlich vorstellen können, als würden Sie es in Ihren Gedanken begehen wollen.

Jetzt sollten Sie die Trommelmusik zum Einsatz bringen, denn sie wird Sie in diesen veränderten Bewusstseinszustand versetzen. Seien Sie sich aber im Klaren darüber, dass dieser Zustand nicht sofort eintritt mit dem ersten Trommelschlag. Sie müssen schon etwas Geduld beweisen, die Musik auf sich wirken lassen und gleichzeitig an diesem Ort bleiben in Ihren Gedanken. Je entspannter Sie dabei sind, desto schneller wird das klappen.

Wenn alles gut läuft – ich sollte vielleicht erwähnen, dass solche Sachen nicht bei allen Menschen funktionieren -, wird sich etwas in Ihrem Inneren verändern und Sie werden fast schon den Drang verspüren, in dieses Loch oder diese Höhle hineinzugehen.

Jetzt kommt wieder einer dieser verbindenden Punkte, die man bei allen Schamanen auf der Welt findet: Es wird kein „logischer“ Tunnel vor Ihnen liegen. In der Regel werden Sie einen Tunnel aus konzentrischen Kreisen sehen. Manche Menschen mit viel Fantasie kann das verschrecken, weil dieses Bild relativ häufig dem Schlund einer riesigen Bestie gleicht, aber Sie sollten keine Angst haben, denn Ihnen wird nichts geschehen.

Im Gegensatz beispielsweise zur Hypnose, die auf demselben Prinzip beruht, hat man bei einer solchen Reise immer die volle Kontrolle über sich selbst. Das heißt, wenn Sie sich unwohl fühlen oder unsicher sind, können Sie jederzeit umkehren. Man kann vielleicht auch sagen, dass diese Reise wie ein Traum ist, den Sie selbst kontrollieren können, der Ihnen aber zugleich absolut real vorkommt.

Was nach dem Tunnel passiert, variiert. In jedem Fall müssen Sie diesen Tunnel durchschreiten, manche Menschen haben auch das Gefühl, dass sie durch den Tunnel fliegen, weil sie sich ungewöhnlich schnell bewegen. Bei der ersten Reise etwas zu fühlen, zeugt übrigens davon, dass Sie ein großer Schamane werden können. In der Regel sagt man, sieht man zuerst, dann hört man und zum Schluss fühlt man.

Ich kann kurz schildern, was bei meiner ersten Reise passiert ist.

Vor einiger Zeit war ich mal in den Feengrotten in Thüringen. Dort gab es eine Besichtigung des Bergwerkes und einen dunklen Stollen, ich glaube, er wurde Barbara-Stollen genannt, der mich irgendwie fasziniert hat. Genau diesen Stollen habe ich mir vorgestellt, während meiner ersten Reise. Schon damals habe ich mich gefragt, was sich dahinter wohl verbergen könnte. In meinem Fall war der Tunnel eher eine Röhre aus Kreisen. Wer schonmal die Speiseröhre eines Tieres gesehen hat, so ähnlich sah der Tunnel für mich aus. Aus welchem Material er genau bestand, kann ich nicht mal sagen, zumindest sah es für mich nicht nach Stein, eher nach Kristallen aus.

Am Ende dieses Tunnels kam ich schließlich auf eine weite, grüne Ebene, die mir grenzenlos erschien. Über mir war ein perfekter, blauer Himmel, keinerlei Wolken, aber auch keine Sonne waren zu sehen. Ich bin dann ein bisschen über diese Ebene gelaufen, allerdings konnte ich sie nicht wirklich erkunden, weil die Musik dann allmählich zum Schluss kam.

Prinzipiell gibt es zwei Wege zurückzukommen: Entweder geht man freiwillig oder die Musik endet und meist kehrt man dann, so war es bei mir, vollkommen automatisch zurück. Für mich war es, als würde man die Reise einfach zurückspulen.

Natürlich erschöpft sich das Thema mit dieser Reise nicht, aber damit der Artikel nicht zu lang wird, denke ich, wird es gut sein, ihn aufzuteilen. Zumindest kann man, wenn man diesen ersten Teil gelesen hat, theoretisch gesehen, die ersten Erfahrungen machen. Aber ich muss noch vor einer Sache warnen:

Die Reise an sich ist nicht gefährlich, ja, aber es gibt eine Sache, die man beachten muss: Halten Sie sich immer während Ihrer Reisen von Insekten, Fischen oder Schlagen fern, die Ihre Zähne zeigen! Tiere sind generell nie gefährlich in dieser anderen Welt, außer dann wenn sie ihre Zähne offen präsentieren! 

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit und viel Spaß bei der ersten, eigenen Reise!

Die (fremde) Welt des Schamanismus – Teil 1

Die wirkliche Gefahr einer Wirtschaftskrise

Wenn man sich den groben Verlauf der Wirtschaftsgeschichte ansieht, hier sei vor allem die Zeit erwähnt, in der es kapitalistische Wirtschaftssysteme gab, dann kann man eine Sache wunderbar beobachten, die aber zugleich die eigentlich größte Besorgnis hervorrufen müsste. Doch zuerst die gute Nachricht: Interessanterweise ist ein kapitalistisches System zu keiner Zeit wirklich untergegangen. Egal, wie schwierig die wirtschaftliche Situation auch war, am Ende haben sich kapitalistische Systeme immer durchsetzen können.

Warum ich von ‚kapitalistischen Systemen‘ spreche, sollte ich vielleicht noch kurz erklären. Entgegen der öffentlichen Meinung gibt es DEN Kapitalismus per se nicht. In den Schulen erzählt man zwar immer, dass Kapitalismus im Grunde der Handel mit monetären Mitteln sei und nicht mehr mit Gütern. Andernorts sagt man vielleicht, dass Kapitalismus im Grunde die Einführung der Arbeitsteilung sei.

Nun muss man aber wissen, dass schon die antiken Römer die Arbeitsteilung kannten. Und auch die antiken Chinesen kannten monetäre Wirtschaftssysteme. Trotzdem hatten beide Reiche, zumindest ist das die allgemeine Meinung, keine kapitalistischen Systeme.

Auch muss man wissen, dass Kapitalismus nicht dasselbe ist wie Marktwirtschaft, denn auch Märkte gab es lange bevor man von Kapitalismus sprach. Im antiken Griechenland beispielsweise handelten Händler bereits auf Märkten mit den heute vertrauten Mechanismen des Marktes – Angebot und Nachfrage. Damit einhergehend wird auch ein weiteres beliebtes Beispiel entkräftet: Kapitalismus sei dann erreicht, wenn einzelne Menschen über den Eigenbedarf hinaus Güter produzieren. Wenn man es ganz genau nimmt, ist dieses Argument vollkommen paradox, denn wenn die Menschen schon immer Handel betrieben haben, dann mussten sie automatisch mehr produzieren, denn kein Mensch käme auf die Idee, mit Gütern zu handeln, die er selber noch dringend braucht.

Aus meiner persönlichen Sicht, und diese kann man sicher auch kritisieren, zeichnet sich der Kapitalismus vor allem dadurch aus, dass es private Anleger gibt. Vor dem Kapitalismus waren es immer Handwerker oder Bauern, die ihre eigenen Geschäfte betrieben haben – im Grunde waren diese Menschen selbstständige Unternehmer. Im Kapitalismus aber gab es „plötzlich“ reiche Menschen, die in diese Bauern und Handwerker investieren konnten. Dadurch machten diese Anleger oder Investoren Geld, ohne selbst etwas produzieren zu müssen – sie ließen die Leute einfach für sich arbeiten. Gleichzeitig aber, daher rührt auch der Begriff des Investors, setzten sie ihr Geld für die Steigerung der Produktionseffizienz ein. Natürlich haben sich Bauern und Handwerker auch vorher Werkzeuge gekauft, aber durch die hohen Summen, die Investoren in das Geschäft einbringen konnten, wurde die Effizienz der Betriebe sprunghaft erhöht. Damit einher geht natürlich auch die Entwicklung weg von der Selbstständigkeit hin zu einer Lohnarbeit, wie wir sie heute kennen. Das heißt, der einzelne Arbeiter erwirtschaftet nicht mehr Güter für seinen Eigenbedarf oder für den Verkauf, er stellt seine Arbeitskraft einem Investoren zur Verfügung und dieser entlohnt ihn für den Einsatz.

Bei all den Vorteilen die dieses Vorgehen auch bot, musste man immer bedenken, dass es in der Geschichte immer wieder zu tiefgreifenden Krisen kam.

Diese Krisen funktionierten oft nach einem ähnlichen Prinzip: Es wurde ein neuer Industriezweig erschlossen oder zumindest extrem stark gefördert, gleichzeitig stieg aber nicht immer die Nachfrage nach den Produkten, die dieser Industriezweig anbot, zwangsläufig musste dann der Absatz der Güter einbrechen und die Investoren machten enorme Verluste, die wiederum dazu führen konnten, dass der extrem ausgebaute Industriezweig in sich zusammenbrach.

Gerade in unserer modernen Zeit, spätestens seit der Einführung der modernen Börsen, wie wir sie heute kennen, baute sich eine Parallelwirtschaft auf. Plötzlich gab es eine Realwirtschaft, die reale Güter produzierte und daneben baute sich eine Finanzwirtschaft auf, die eigentlich keine realen Güter produzierte, dafür aber enorme Summen von Geld in das realwirtschaftliche System pumpen sollte.

Man könnte jetzt meinen, dass das eigentlich nicht schlimm sein sollte. Mit dem zusätzlichen Geld könnte man die Effizienz der Produktion ja noch weiter steigern. Allerdings geschieht eben sehr oft genau dann die Krise, weil man zwar mehr produziert, aber es gibt keine Käufer mehr für die mehr produzierten Güter.

Aber all diese Sachen dienen eigentlich nur einer kurzen Erklärung des Wirtschaftssystems, denn worauf ich eigentlich hinaus möchte, ist die Folge, die über den Verlust des Arbeitsplatzes und den Verlust von Geld hinausgeht.

Es gibt mittlerweile dank der Soziologie eine Vielzahl von Studien, die sehr gut belegen können, was eigentlich passiert, wenn eine ganze Gesellschaft oder Nation auf eine Massenarbeitslosigkeit hin driftet. Dann haben wir meist einen Anstieg von Kriminalität zu verzeichnen, außerdem entwickeln sich dann radikale Tendenzen und genau diese Tendenzen sind es, auf die ich hier besonders aufmerksam machen möchte.

Das Paradebeispiel sei hier Deutschland vor dem Zweiten Weltkrieg.

Die Weimarer Republik hatte während ihrer Zeit mit einigen Problemen zu kämpfen. Das wohl wichtigste Problem war aber die Wirtschaft, vor allem die Arbeitslosigkeit. Statistiken aus der Zeit zeigen, dass es im Jahr 1932 rund 5 Millionen Arbeitslose gab, was für damalige Verhältnisse sehr viel war. Man muss dazu sagen, zwei Jahre davor waren es 2 Millionen weniger Arbeitslose.

Es war also kein Wunder, dass die NSDAP unter Hitler wunderbar Politik damit machen konnte, dass die Arbeitslosigkeit abgeschafft werde. Es mag zynisch erscheinen, aber in diesem Punkt hatte Hitler nicht gelogen. Als er an die Macht kam, wurden riesige Beträge in die Rüstung investiert und diese wiederum schafften neue Arbeitsplätze. Den Rest tat der Krieg dann an sich, denn Soldaten zählen ja nicht als Arbeitslose.

Es ist kein Zufall, dass es zurzeit in Europa einen rasanten Anstieg von nationalen und konservativen oder noch viel radikaleren Bewegungen gibt. Man mag glauben, dass dies mit der Flüchtlingskrise zusammenhänge, aber ich denke, dass die Flüchtlinge letztlich nur der Funke waren, denn das Fass mit dem Schießpulver brauchte und jetzt brennt die Lunte, und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sich ähnlich schauderhafte Ereignisse zutragen könnten wie vor rund siebzig Jahren.

Was ich also sagen will: Die Gefahr einer Wirtschaftskrise ist nicht der Zusammenbruch des Wirtschaftssystem, die eigentliche Gefahr besteht im Zusammenbruch oder allmählichen Verschwinden des vorherrschenden politischen Systems. In der Weimarer Republik konnte man es sehr gut beobachten, wie die Demokratie allmählich mit einem autokratischen System ausgetauscht wurde und der wirklich groteske Punkt ist, dass die Menschen nichts dagegen taten.

Ich will aber diesen Menschen keinen Vorwurf machen, denn es ist verständlich. Wenn man mitansehen muss, wie die eigene wirtschaftliche Existenz immer weiter zerbröckelt, dann ist man irgendwann bereit, wenn die Auflösungserscheinungen groß genug sind und es im Grunde nur noch ums blanke Überleben geht, einen so krassen Wechsel von einem demokratischen hin zu einem autokratischen System zu machen.

Wozu Menschen fähig sind, die sich in wirtschaftlicher Not befinden, haben wir doch erst kürzlich in extremer Weise sehen können. Der Antrieb der Flüchtlinge, ein besseres Leben zu haben, war und ist nach wie vor so groß, dass sie zu Fuß durch Europa laufen oder sich in ein Boot setzen und versuchen, das Mittelmeer zu überqueren. Da ist die Wahl eines Mannes, der ein besseres Leben verspricht, noch die wesentlich einfachere Übung.

Ich will diesen Text nicht als einen plumpen Angriff auf alle aufkeimenden nationalen oder konservativen Bewegungen in Europa verstanden wissen. Sehr wohl kann man ihn allerdings als einen Angriff auf alle darüber hinausgehenden radikalen Bewegungen auffassen. Ich hatte es ja schon mehr als einmal angedeutet, dass ich etwa die deutsche AfD nicht als eine große Gefahr betrachte. Nein, ich möchte mit diesem Text warnen und darauf aufmerksam machen, wozu wirtschaftliche Krisen und wirtschaftliche Not einzelner Menschen letztlich führen kann, und für wie dumm man uns verkauft, wenn man meint, man müsse die Krise abwenden. Sicher muss man das tun, aber es ist fast wichtiger, darauf zu achten, dass sich keine radikalen Tendenzen herausbilden und bei dieser Aufgabe haben die Regierungen Europas, wie auch bei der Lösung der seit mehreren Jahren anhaltenden Krise, komplett versagt.

Ich danke für die Aufmerksamkeit!

Die wirkliche Gefahr einer Wirtschaftskrise

Wie sinnvoll ist Geschichte?

Wenn man ein bestimmtes Fach oder eine bestimmte Richtung studiert, dann muss man sich zwangsläufig irgendwann die Frage stellen, wie sinnvoll es eigentlich ist, genau das zu studieren? Dabei muss man sich dann wohl auch fragen, wie sinnvoll es aus wirtschaftlicher Sicht ist? Kann ich damit später einen guten Beruf finden?

Nun ja, gerade die letzteren Fragen habe ich mir kaum gestellt. Ich bin der Überzeugung, dass man genau das studieren und lernen sollte, was einem Spaß macht. Ich weiß, dass es absolut unserem Zeitgeist entspricht, sich immer zu fragen, ob man damit oder hiermit einen Job findet, aber man sollte seine eigenen Interessen und Leidenschaften nicht einem Wirtschaftssystem unterordnen, denn genau das tut man in diesem Moment.

Sicher wäre es leichter, einfach BWL oder Jura zu studieren, weil gewisse Studienfächer einen einfach auf einen bestimmten, sehr konkreten Beruf hin ausbilden. Andere Studienfächer wie eben Geschichte, Philosophie und Soziologie sind dabei sehr viel weiträumiger und offener.

Und genau deswegen, glaube ich auch, gibt es diese Vorurteile, laut denen bestimmte Fachrichtungen wirtschaftlich wenig Sinn machen. Aber gerade im Fall von Geschichte muss man sich auch mal die Frage stellen: Wer hat denn alles Geschichte studiert? Ich meine damit nicht, welche berühmten Personen, das getan haben, sondern welche Berufsgruppen? Kuratoren und andere Museumsmitarbeiter etwa, Menschen in der journalistischen Branche, beim Fernsehen, bei Verlagen, in Archiven, in Bibliotheken, in politischen Ämtern. Die Bandbreite, die sich einem beruflich erschließen kann, wenn man Geschichte studiert hat, ist eigentlich viel größer, als man vielleicht zuerst glauben mag.

Dabei ist gerade die Geschichte eines der Dinge, die den Menschen schon immer beschäftigt und manchmal fasziniert hat. Schon seit Menschen die ersten Hochkulturen entwickelt haben, haben sie zugleich auch Aufzeichnungen über ihr eigenes Leben angelegt. Vielleicht nicht unbedingt mit dem Hintergedanken, dass Menschen in vielen tausenden Jahren später diese Schriften finden und untersuchen. Aber in jedem Falle hat sie etwas dazu getrieben, der Nachwelt etwas zu hinterlassen.

Damit kommen wir fast fließend zum logischen Sinn, sich mit Geschichte zu beschäftigen. Fast jeder Mensch wird die alte Weisheit kennen: Um die Zukunft zu gestalten, muss man erst einmal die Vergangenheit kennen. Diese Weisheit ist so alt und trivial, dass man sie sehr oft vergisst oder belächelt, aber sie hat zu keiner Zeit an Wahrhaftigkeit verloren.

Man kann Geschichte deswegen aus vielen verschiedenen Perspektiven betrachten. Man kann sie romantisieren und sich in die Zeit eines Oscar Wilde zurückwünschen, aber man kann sie auch als eine Warnung verstehen, wenn wir etwa an den 1. und 2. Weltkrieg denken oder an das Deutschland unter Hitler, oder das Italien unter Mussolini. Man kann Geschichte aber auch rein objektiv betrachten, ohne damit irgendwelche Emotionen in Verbindung zu bringen – es ist die gewünschte Betrachtungsweise eines Historikers, die man aber nur sehr selten erreicht.

Viele Menschen wären auch erstaunt, wenn sie wüssten, wie viel Geschichte auch in der Popkultur steckt. Wenn Sie etwa ‚Game of Thrones‘ kennen, dann kennen Sie sicher auch das Volk der Dothraki. Diese Kultur, die dort gezeigt wird, ist sehr stark an die Nomadenstämme der Fernen Ostens, also an die Mongolen, aber auch an die Hunnen angelehnt. Wenn man sich nur ein bisschen mit der Geschichte auskennt, dann wird man viele Anspielungen oder Anlehnungen erkennen können.

Allerdings kann es manchmal auch unbefriedigend sein, sich mit Geschichte auszukennen. Man bemerkt dann sehr viel öfter, wie wenig die Menschen aus der Geschichte gelernt haben. Allein schon der Umstand, dass wir uns heute wieder näher denn je an einem globalen Konflikt zwischen Russland und den Vereinigten Staaten befinden, zeigt einfach die unglaubliche Ignoranz und Arroganz vieler Menschen. Allgemein müsste man annehmen, dass die Menschheit nach tausenden Jahren des Krieges und zweier verheerender Weltkriege allmählich gelernt haben müsste, dass ein Krieg niemals eine Option sein kann. Nichtsdestotrotz ist die Kriegsführung unserer heutigen Zeit an Effizienz kaum noch zu überbieten.

Jüngst hörte ich, dass man darüber nachdenkt, autonome Kampfdrohnen in den Kampf zu schicken. Das heißt, wenn die Drohnen schon die Ziele auskundschaften, wieso sollten sie die so erkundeten Ziele nicht auch gleich selbstständig angreifen können? Der Zynismus, der dahinter steckt, dass man jetzt nicht einmal mehr Menschen braucht, um andere Menschen zu töten, widert mich zutiefst an.

Es ist nicht zuletzt meiner intensiven Beschäftigung mit dem Krieg geschuldet, dass ich davon überzeugt bin, die Menschheit müsse endlich pazifistisch werden. Man muss, um das zu verstehen, nicht einmal die Geschichte bemühen. Kennen Sie denn irgendeine andere Spezies, die sich mit so einer Leichtigkeit dazu aufmachen kann, die eigenen Artgenossen auszulöschen? Sicherlich kämpfen Tiere gegeneinander, aber meistens nicht bis zum Tod, außer sie jagen Beute, und vor allem nicht aus sadistischen Gründen. Tiere kämpfen vielleicht um Reviere, aber sie tun dies nicht aus Spaß. Sie müssen kämpfen, um überleben zu können, und weil sie schlicht keine anderen Mittel haben. Die Menschen hingegen können miteinander kommunizieren, Kompromisse aushandeln, sich zügeln und dennoch tun sie es selten.

Aber ich möchte noch ein Wort zum Geschichtsunterricht verlieren: Ich habe mich als Schüler immer über zwei Dinge beschwert: Einerseits setzen wir unseren Blick immer nur auf Europa und Nordamerika. In der Schule hat man stets die Geschichte des Westens, was meiner Ansicht nach in einer globalen Welt viel zu einseitig ist. Andererseits besteht der Geschichtsunterricht für viele Schüler im bloßen Auswendiglernen irgendwelcher Fakten. Wenn man aber an eine Universität kommt, merkt man recht schnell, dass die Kenntnis der Daten fast eine Nebensache wird. Viel wichtiger ist es, die Zusammenhänge zu erkennen. Kriege fallen ja nicht einfach vom Himmel oder werden vollkommen grundlos geführt. Einem Krieg geht immer eine Vorgeschichte voraus und auch Reiche werden nicht einfach so gegründet. Wenn man Geschichte genau so betreiben und verstehen würde, dass es sich dabei um eine kausale Kette handelt, und wenn man dann noch den Spielraum zum Hinterfragen gibt, dann erfüllt der Geschichtsunterricht seinen eigentlichen Zweck: das logische Denken und das Hinterfragen, das Recherchieren, das Hinter-den-Vorhang-Blicken zu schulen.

Es ist sicher ganz nett zu wissen, wann der 2. Weltkrieg begonnen hat und wie er verlaufen ist, aber das Problem unserer heutigen Zeit ist doch, dass man solche Fakten ganz leicht im Internet recherchieren kann. Was man aber meistens nicht findet oder zumindest nur sehr schwer findet, ist eine Aufarbeitung aller Ereignisse. Es ist sicher toll zu wissen, dass der 2. Weltkrieg am 1. September 1939 begonnen hat, aber die viel wichtigere Frage ist doch, wieso hat er begonnen? Was hat die Deutschen unter Hitler dazu getrieben, sich in einen Krieg zu stürzen und welche Rolle – und das wissen schon viele Schüler gar nicht mehr – hatte Danzig beim Krieg gegen Polen? Ebenso wichtig wäre doch auch zu klären, wieso die Alliierten nicht schon viel früher eingegriffen haben? Wieso haben sie den Anschluss Österreichs an Deutschland oder die Wiederbesetzung und Remilitarisierung des Rheinlands denn zugelassen?

Solche Fragen werden und worden zu meiner Zeit viel zu wenig gestellt. Und dann kommt hinzu, dass viele Schüler eben vor allem deswegen Geschichte nicht mögen, weil es sich für sie wie ein reines Lernfach anfühlt. Aber eigentlich ist Geschichte eher wie ein Roman, eine Story wird erzählt, es gibt Charaktere, die handeln und ja, es gibt auch Jahreszahlen, aber in einem Roman hat man die manchmal auch, denn irgendwie muss man die Geschichte ja auch zeitlich einordnen.

Vor allem aber ist Geschichte oftmals eine anthropologische Betrachtung menschlichen Handelns, und manchmal, wenn man sich mit expliziten Personen auseinandersetzt, dann ist es fast wie Psychologie, denn man will herausfinden, wie diese Person gedacht haben mag und wieso sie so und nicht so gehandelt hat. Das sind die Stellen, an denen Geschichte lebendig werden kann und nicht nur aus öden Fakten besteht. Denn genau dann begreift man plötzlich – und es mag sich merkwürdig anhören, aber viele Schüler und auch Lehrer vergessen das -, es geht um Menschen, die zwar in anderen Zeiten und unter anderen Umständen gelebt haben, aber dennoch sind es einfache Menschen gewesen. Auch wenn sich Napoleon zum Kaiser der Franzosen aufgeschwungen hatte, so war er dennoch ein Mensch mit Fehlern und Schwächen. Und ja, auch der uns als absolutes Böse geltende Österreicher Adolf Hitler war ein Mensch.

Aber dazu vielleicht später einmal mehr …

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit!

Wie sinnvoll ist Geschichte?

Nationalismus und Patriotismus

In den letzten Tagen konnte man aus bestimmten politischen Kreisen immer wieder die Forderung vernehmen, dass man doch, gerade jetzt zur Fußball-Europameisterschaft, auf deutsche Fahnen und andere ’nationale‘ Dekorationen verzichten solle, weil sie eine Form des Nationalismus schürten. Nun muss man sich bei solch einer Behauptung natürlich einerseits fragen, welche Form von Nationalismus ist denn hier gemeint, und ist Nationalismus überhaupt etwas Schlechtes?

Gerade in Deutschland gibt es bezüglich der beiden Begriffe ‚Nationalismus‘ und ‚Patriotismus‘ immer wieder Streit. Viele Menschen können diese beiden Begriffe schlicht nicht voneinander trennen, assoziieren allzu gern mit beiden Wörtern eine Rückkehr zu einem Nationalstaat im Hitler’schen Sinne.

Sicher mag es gewisse Zielgruppen geben, die sich genau dies wünschen würden, aber der größte Teil der Menschen, und vor allem der allgemeine Fußball-Fan, hat sicher kein Interesse an einer Rückkehr ins Dritte Reich, nur weil er seine Sympathie mit der deutschen Nationalmannschaft bekunden möchte. Aber die oben erwähnten Gruppierungen unterstellen eben genau diesen Fall.

Es sind jene Gruppierungen und jene Menschen, die scheinbar den Unterschied der oben genannten Begriffe nicht verstanden haben oder aus ideologischen Gründen vielleicht auch nicht verstehen wollen. Es sind vor allem jene Personen, die allzu gern behaupten, dass sie kein Schwarz-Weiß-Denken besäßen oder fördern wollten, doch mit solchen Forderungen bewirken sie genau dies. Denn der Glaube, nur weil jemand eine Deutschlandfahne an seinem Auto habe, ist er gleich ein Nationalist, ist wahrscheinlich das Beispiel für Schwarz-Weiß-Denken in Perfektion.

Doch vielleicht ist es angeraten, dass ich zuallererst den Unterschied zwischen ‚Nationalismus‘ und ‚Patriotismus‘ erörtere: Unter Nationalismus und Patriotismus versteht man in erster Linie die Liebe zu einem Land, meistens dem Heimatland. Soweit mögen sich die beiden Begriffe gleichen, doch wenn es darum geht, wie der ‚echte‘ Nationalist oder Patriot auf andere Länder blickt, gibt es eben den entscheidenden und oftmals unterschlagenen Unterschied: Ein Nationalist neigt dazu, sein verehrtes Land zu überhöhen und deswegen auf andere Länder hinabzublicken. Ein Patriot macht genau dies nicht. Er liebt sein Land wie der Nationalist, aber er käme nicht auf die Idee, deswegen ein anderes Land als schlechter oder minderwertiger zu betrachten.

Man mag den linken und grünen Gruppen Deutschlands möglicherweise in einem Punkt beipflichten müssen: Schaut man sich den Ersten und den Zweiten Weltkrieg genauer an, dann muss man konstatieren, dass beide Kriege tatsächlich auch aus nationalistischen Gründen geführt worden sind. Aus diesem Grund ist es auch nicht verwerflich, den Nationalismus rundweg abzulehnen. Aber man muss eben dennoch diese klare Trennung der beiden Begriffe vornehmen.

Man muss auch ganz klar einmal die Verhältnismäßigkeit betrachten.

In Deutschland werden von den meisten Leuten vor allem zu sportlichen Ereignissen die Fahnen herausgeholt. Zur Weltmeisterschaft oder Europameisterschaft im Fußball sieht man wohl die meisten Dekorationen in den deutschen Landesfarben. Außerhalb dieser Zeiten sieht man eigentlich nur an öffentlichen Gebäuden und vielleicht an vereinzelten Häusern solche Flaggen hängen. Vergleicht man diesen Zustand einmal mit den Vereinigten Staaten, dann muss man ganz klar feststellen, dass es dort gewaltige Unterschiede gibt. Denn in den USA hängt an nahezu jedem Haus eine amerikanische Flagge, in den meisten Klassenzimmern hängt eine Landesflagge und in vielen Schulen ist es üblich, dass die Schüler jeden Morgen die Nationalhymne singen oder einen Eid auf die Flagge ablegen müssen. In Deutschland kann man von Glück reden, wenn die Nationalhymne überhaupt noch im Musikunterricht kurz angeschnitten und vielleicht sogar gesungen wird.

Man mag einwerfen können, dass es bei der deutschen Geschichte kein Wunder sei, dass wir so zurückhaltend mit dem Stolz zu unserem Land umgehen, aber auch hier muss man sich erneut die Verhältnismäßigkeit vor Augen führen.

Bleiben wir etwa bei den USA. Sicher haben die Deutschen eine große Schuld am Zweiten Weltkrieg und es gab zahlreiche Tote. Aber denkt eigentlich auch mal jemand an die Säuberungen der amerikanischen Kolonisten und an die damit einhergehenden Toten auf Seiten der Ureinwohner? Die Kolonisten haben eine ethnische Säuberung auf dem größten Teil eines Kontinents durchgeführt, die zwar deutlich länger dauerte als die Aktionen Hitlers, die aber nicht weniger verlustreich ausging. In den Vereinigten Staaten käme aber kaum ein Mensch auf die Idee, aus genau diesem Grund die Flagge abzulehnen.

Ein ähnliches Beispiel kann man auch beim ehemaligen British Empire aufstellen.

Sicher mochten die Briten im Zuge ihrer enormen Expansion vielen Völkern gewisse Technologien gebracht haben, aber es waren eben auch dieselben Briten, die den Sklavenhandel enorm förderten und es waren dieselben Briten, die für manche Völker eine wahre Epidemie darstellten, denn die damaligen Briten neigten sehr stark dazu, die fremden Kulturen als minderwertig abzutun und die besetzten Gebiete kulturell umzuerziehen. Und dennoch kommt heute kaum ein Brite auf die Idee, deswegen sein eigenes Land oder seine eigene Geschichte abzulehnen.

Sowohl die Briten als auch die Amerikaner haben nämlich eine Sache getan, die wir bis heute nicht, in weiten Teilen der Bevölkerung, geschafft haben: Sie haben verstanden und akzeptiert, dass Völker oder Nationen nicht immer zum Wohle aller anderen Menschen handeln können – die Vereinigten Staaten tun dies, aus meiner subjektiven Sicht, bis heute nicht. Aber sie akzeptieren eben ihre Geschichte und ihre Fehler.

Genau das sollten die Deutschen auch endlich tun!

Denn die deutsche Geschichte bestand nicht nur aus der Spanne zwischen 1933 bis 1945. Es ist ja nicht so, dass die deutsche Philosophie und Musik einen weltweiten Ruhm hat. Gerade für Menschen aus dem asiatischen Raum – ich sehe dies als Philosophiestudent immer wieder – hat die deutsche Philosophie eine gewaltige Anziehungskraft. Und keiner dieser genannten Menschen käme auf die Idee, Deutschland nur als das Land zu sehen, das den Zweiten Weltkrieg geführt hat und das mehrere Millionen Menschen vernichtet hat.

Und zum Abschluss möchte ich noch einen Blick in ein Land wagen, das ein ähnliches Schicksal nach dem Weltkrieg erlitten hat: Japan.

Auch das ehemalige Japanische Kaiserreich hat Massenmorde verübt und sehr fragwürdige Experimente an chinesischen Kriegsgefangenen durchgeführt und dennoch hassen sich die Japaner nicht selbst, weil sie Japaner sind, so wie es bei manchen Deutschen den Anschein hat. Nicht einmal den damaligen Kaiser Hirohito tabuisieren sie derart stark, wie wir es mit Hitler tun, obwohl es nicht abzustreiten ist, dass der Kaiser nicht vollkommen unbeteiligt war an den Geschehnissen, auch wenn es vor allem Kaisertreue und Konservative immer wieder behaupten.

Ich danke für die Aufmerksamkeit!

Nationalismus und Patriotismus