Nordische Mythologie – Teil 1

Ich habe lange überlegt, wie ich diesen Artikel überschreiben soll, denn es ist schwer, eine klare Trennung zwischen einer germanischen oder nordisch-skandinavischen Philosophie und Mythologie zu machen. Oftmals wird eine Trennung zwischen beiden Weltanschauungen suggeriert, allerdings besteht diese meistens eher in Details – vor allem die Namen der Gottheiten unterscheiden sich, aber die grundlegenden Gedanken sind nahezu identisch. 

Aber wie bin ich eigentlich zu diesem Thema gekommen? 

Ich hatte schon immer ein gewisses Interesse für mythologische Themen. Natürlich ist es wesentlich leichter, etwas über die griechische oder römische Mythologie zu erfahren, einfach weil dort wesentlich mehr überlieferte Quellen existieren, die man vor allem heute auch noch verstehen kann. 

Schauen wir etwa nach Ägypten, so haben wir durchaus schriftliche Quellen, die man auch durchaus versteht, bei denen man sich aber nicht sicher sein kann, ob sie immer vollständig vorliegen. In manchen Fällen weiß man sogar sehr sicher, dass bestimmte Texte schlichtweg verloren gegangen sind. 

Die lateinische Sprache hat sich im Gegensatz zu den Hieroglyphen aber bis heute erhalten und man kann sie auch noch in Schulen lernen. Ähnliches kann man auch über das Altgriechisch sagen, das Theologen heute im Studium noch lernen müssen. Dementsprechend sicher kann man sich bei den Quellen der jeweiligen Mythologien sein. 

Viel schwieriger sieht es aber bei nordischen Mythen aus, denn die Germanen und andere sogenannte Barbaren haben uns kaum Schriften hinterlassen. Es gibt zwar einige Runensteine beispielsweise, aber die sind in ihrem Umfang nicht mit den Überlieferungen aus dem Mittelmeerraum zu vergleichen. 

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Runenstein Karlevi (http://grosssteingraeber.de/media/Fotos/Schweden/Kalmar/Oeland/P1110580karlevi.jpg)

Meine allererste Berührung mit der nordischen Mythologie bestand mit dem Lesen eines Artikels zu Yggdrasil. Ich denke, viele andere Menschen werden andere Berührungspunkte haben, sei es durch die Comicfigur Thor oder vielleicht auch durch Tolkiens Werke, die sehr stark von den nordischen Erzählungen geprägt worden sind. 

Yggdrasil wird gern als Weltenbaum oder fälschlicherweise als Weltenesche übersetzt. Falsch ist diese Übersetzung deswegen, weil das Wort wortwörtlich auf eine Eibe und nicht auf eine Esche verweist. Das spielt für den mythologischen Kontext eine Rolle. Er ist im Grunde eine Metapher oder die Vorstellung der nordischen Weltanschauung. Damit ist aber nicht die Welt in Form der Erde gemeint, diese Vorstellung geht wesentlich weiter. 

Es gibt bezüglich seiner Gestaltung zwei Vorstellung: Die am weitest verbreitete und eigentlich auch am ehesten anerkannte Vorstellung spricht von neun unterschiedlichen Welten, die sich in Yggdrasil wiederfinden und bei denen die Welteneibe eine Art Verbindung darstellt. Bildlich kann man es sich ungefähr so vorstellen, dass jede Welt auf einem Ast oder im Wurzelwerk liegt und die Äste zusammen mit dem Stamm stellen eine Verbindung her. 

Eine andere Vorstellung, die vor allem durch das Aufkommen der Quantenphysik entstanden ist, beschreibt Yggdrasil als eine Verbindung unendlich vieler Welten. Diese Interpretation geht davon aus, dass die neun namentlich bekannten Welten letztlich nur Beispiele für eine viel größere Zahl waren. Somit hat man in dem mythologischen Weltenbaum eine Art Metapher für das gefunden, was die Quantenphysik mit ihrer Mehrdimensionalität ebenfalls zum Ausdruck bringt. 

 

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Yggdrasil und seine Welten (https://www.pinterest.de/pin/404549979005016086/)

Zur Entstehungsgeschichte der Welt, auf der wir Menschen leben, gibt es zwei Versionen. Eine finden wir in der älteren Lieder-Edda und eine andere Version findet sich in der jüngeren Prosa-Edda.

Glaubt man den Nordmännern, so gab es am Anfang die sogenannte Ginnungagap, die meistens als Spalt oder Riss übersetzt wird. Dieser Riss diente als Grenze zwischen dem feurigen Muspellsheim und dem eisigen Niflheim. Durch das Feuer Muspellsheim kam es vor, dass ganze Gletscher schmolzen und das Schmelzwasser im Ginnungagap verschwand.

Im Punkt des Entstehens eines ersten Lebewesens unterscheiden sich nun beide Versionen voneinander. In der Lieder-Edda taucht plötzlich der Riese Ymir auf. Es gibt schlichtweg keine Erklärung, woher er stammt. In der Prosa-Edda aber wird erklärt, dass das Schmelzwasser aus Niflheim in die Ginnungagap floss und so, aus dem Kampf zwischen dem heißen Feuer und dem eher kalten Wasser, entstand Ymir.

In beiden Versionen wiederum wird dieser als der Urriese bezeichnet. Er wird als zweigeschlechtliches Wesen beschrieben, kann also ohne einen Partner andere Lebewesen hervorbringen. In beiden Versionen erschafft Ymir auch einen Sohn und eine Tochter, sowie einen weiteren sechsköpfigen Jungen. Lediglich die Prosa-Edda schreibt noch etwas zu dem sechsköpfigen Jungen. So sollen sich aus ihm die Urzeitriesen entwickelt haben. Beide Versionen wissen allerdings nicht weiter darüber zu berichten, was aus dem anderen Jungen und dem Mädchen wurde.

In der Prosa-Edda gibt es noch eine Urkuh mit dem Namen Audhumbla. Sie hatte zwei Funktionen: Einerseits ernährte sie Ymir und andererseits leckte sie aus einem Stein einen Mann namens Buri frei. Dies geschah innerhalb dreier Tage, wobei am ersten Tag lediglich die Haare, am zweiten Tag der Kopf und erst am dritten Tag der ganze Körper zu sehen war.

Dieser Buri wiederum zeugte einen Sohn mit dem Namen Burr und dieser wiederum zeugte mit der Riesin Bestla die drei Götter Odin, Vili und Ve.

Möglicherweise wurde der Abschnitt Audhumblas der Prosa-Edda allein deswegen hinzugefügt, weil sich aus der Lieder-Edda eine Lücke ergibt zwischen dem Riesen Ymir und der Entstehung der Götter.

Was mich zu einem Problem führt, dass ich noch erwähnen sollte.

Wie ich bereits geschrieben hatte, ist die Quellenlage bezüglich der Mythologie etwas dürftig. Zwar gibt es die beiden oben genannten Niederschriften, bei denen man aber nicht vergessen darf, dass sie einerseits einige Zeit nach den eigentlichen Lebzeiten derer entstanden sind, die an diese Dinge glaubten und damit darf man auch nicht vergessen, dass die Verfasser dieser Werke möglicherweise ihre eigenen Wertvorstellungen mit in die Texte einbrachten.

Im Falle der Prosa-Edda, die von einem Isländer namens Snorri Sturluson verfasst wurde, vermutet man etwa, dass durchaus auch christliche Einflüsse in dem Werk vorkommen könnten.

So berichtet Sturluson davon, dass die aus Ymirs sechsköpfigem Jungen hervorgegangenen Urzeitriesen nach der Entstehung des Meeres aus dem Blut des Riesen ertrunken seien. Umstritten ist diese Theorie vor allem deswegen, weil sie zu sehr an die christliche Sintflut erinnert und es in der Lieder-Edda keinerlei Hinweis auf ein derartiges Ereignis gibt. Auch später wird nie wieder in irgendeiner Form ein Bezug zu einer Sintflut gemacht.

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Urkuh nährt Ymir und leckt Buri frei (https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=639093)

In jedem Falle jedoch töteten Odin, Vili und Ve den schlafenden Riesen und aus seinem Körper bauten sie die Welt. Die Erde wurde aus seinem Fleisch geformt, das Meer aus seinem Blut, Felsen und Gebirge waren einst Ymirs Knochen, die Bäume waren sein Haar, die Augenbrauen wurden zu Midgard, der Himmel wurde aus Ymirs Schädel geschaffen und die Wolken aus seinem Gehirn.

Diese Vorstellung mag für einen Europäer des 21. Jahrhunderts zunächst sehr martialisch wirken, allerdings gibt es auch in anderen Kulturen ähnliche Vorstellungen. In Indien etwa gibt es die Vorstellung eines Urmenschen Purusha aus dem die Welt hervorging.

Abhängig von den herangezogenen Quellen wird beispielsweise in der Ginnungagap auch eine Art Urvagina gesehen, aus der alles heraus geboren wurde. Dies passt zu der allgemeinen Vorstellung dieser Völker, dass das Weibliche schon immer das Leben hervorgebracht hat, also betrachtete man diesen Spalt oder Riss möglicherweise auch als etwas rein Weibliches. Wenn man diese Idee weiterspinnt, und manche Autoren tun das, kann man in dem geschmolzenen Eis Niflheims gewissermaßen auch eine Art Ursperma sehen, das letztlich Ginnungagap befruchtet hat.

Ob es die betreffenden Völker tatsächlich so gesehen haben, ist allerdings bis heute fraglich.

Fortsetzung folgt …

 

 

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Nordische Mythologie – Teil 1

Ein Pazifist beschäftigt sich mit Kriegsführung

Die Leute, die mich schon länger kennen und vielleicht auch meine Videos gesehen haben, werden wissen, dass ich mich selbst eher als einen Pazifisten bezeichnen würde. Sehr wohl ist mir aber bewusst, dass der Pazifismus genauso wie der Kommunismus eine Ideologie ist und manchmal muss man den Pfad einer Ideologie verlassen und sich dem Pragmatismus zuwenden. Vor allem wenn das Gegenüber, welches man mit diplomatischen Mitteln versucht, zu beruhigen, darauf nicht eingehen will und es stattdessen nach einer handfesten Auseinandersetzung sucht.

Im Zuge dieser Überlegung hielt ich es für spannend, mich mit Kriegsführung auseinanderzusetzen. Damit ist vor allem der theoretische Aspekt gemeint – strategische Überlegungen, taktisches Vorgehen, mentale und moralische Probleme und Möglichkeiten.

Ich muss dazu sagen, dass ich diesbezüglich kein unbeschriebenes Blatt bin. In meiner Jugend habe ich mich recht viel mit Schlachten der Geschichte beschäftigt und auch mit technischen Möglichkeiten und Mitteln des Militärs. Allerdings musste ich feststellen, dass mein Wissen völlig überholt war.

Es mag merkwürdig sein, doch auch als eher pazifistischer und friedliebender Mensch, der ich schon immer war, hat mich Militärtechnik irgendwie fasziniert. Es war wohl eine ähnliche Faszination, wie sie Kinder beim Anblick einer Dampflok empfinden mögen.

Ich weiß auch, dass sich beispielsweise viele Manager mit Kriegsführung auseinandersetzen. Es gibt wahnsinnig viele Seminare, in denen Geschäftsmänner Sunzis „Kunst des Krieges“ lesen und die dort vorgebrachten Vorgehensweisen auf ihr alltägliches und geschäftliches Leben übertragen. Im Falle des alten chinesischen Meisters mag dies funktionieren, da seine Handlungsanweisungen recht allgemein gehalten sind und sie sich deswegen leicht auch auf andere Bereiche des Lebens übertragen lassen. Bei modernen und vor allem spezifischen Werken funktioniert das nur noch sehr bedingt.

Aber darum ging es mir auch nicht primär. Ich wollte wissen, wie man heutzutage Kriege führt.

Also recherchierte ich ein wenig im Internet und stieß recht schnell auf William S. Lind. Der Mann ist heute 70 Jahre alt und hat Geschichte studiert. Außerdem gilt er als eine recht umstrittene und vor allem konservative Persönlichkeit. Aber er gilt vor allem auch als ein sehr guter Militärtheoretiker und Mitbegründer des sogenannten Fourth Generation Warfare, also der Kriegsführung der vierten Generation.

Besagter Lind hat auch ein kleines Buch herausgebracht namens 4th Generation Warfare Handbook. Leider gibt es das nur in der englischen Sprache und es ist manchmal etwas anstrengend, die ganzen Abkürzungen, die er aus dem Militärjargon verwendet, herauszufinden. Gemeint sind Kürzel wie etwa KIA, was killed in action, also getötet im Gefecht bedeutet.

Hat man sich aber einmal an diesen Jargon gewöhnt, liest sich das Buch erstaunlich flüssig und selbst für einen Menschen, der kein Militärtheoretiker ist, sind die darin enthaltenen Ausführungen sehr verständlich, weil er neben seinen theoretischen Ausführungen auch immer fiktive, aber dennoch praktische Anwendungen hinzufügt, beispielsweise als er Operation Goliath der Operation David gegenüberstellt.

Vielleicht kurz zur Erklärung: Beide Operationen sind fiktive Missionen im Inshallahland, einem fiktiven, islamisch geprägten Staat, in den die USA einmarschieren. Goliath beschreibt das übliche, uns sehr vertraute Vorgehen, bei dem die US-Army mit schweren Geräten in eine Stadt einmarschiert, Türen eintritt, Leute verhört und bedroht und sich letztlich mit der geballten Feindseligkeit der Bevölkerung konfrontiert sieht. David hingegen beschreibt ein subtileres Vorgehen, bei dem die Soldaten eben nicht als übermächtige Goliaths auftreten – daher die beiden Namen der Operationen nach der biblischen Geschichte. Stattdessen versuchen sich die US-Soldaten zu integrieren, in Kontakt mit der Bevölkerung zu treten, in dem sie etwa in örtlichen Läden einkaufen gehen oder in Hotels oder Pensionen übernachten, statt sich eine riesige Basis aufzubauen.

Das mag sich jetzt sehr banal anhören, aber Lind führt aus, welch gravierenden Unterschied es bei diesen beiden Vorgehensweisen gibt. Im Falle von Goliath ziehen die Soldaten sehr schnell den Hass der Einheimischen auf sich, weil sie sich eben als übermächtige und alles zerstörende Entität darstellen. So machen sie es dem Feind – in diesem Falle etwa Terroristen, die sich gegen die Besatzung wehren wollen – sehr leicht ein Feindbild zu kreieren. Im Falle von David hingegen lernen die Einheimischen die Soldaten als normale Menschen kennen. Sie sehen sie nicht nur als Männer und Frauen in Uniformen, was es ihnen wesentlich schwerer macht, sie zu hassen und später auch zu bekämpfen.

Es ist eine der wichtigsten und zentralsten Vorbereitungen für einen Krieg, den Gegner zu entmenschlichen. Schaut man sich etwa die Propaganda vor dem Ersten und Zweiten Weltkrieg an, in dem der jeweilige Feind immer als etwas Böses und Unmenschliches dargestellt wird, versteht man auch, wieso es den jeweiligen Soldaten so vergleichsweise leicht fiel, sein Gegenüber zu erschießen.

In unserer heutigen Zeit, in der wir Kriege führen können wie Videospiele an irgendwelchen Joysticks, braucht es so gut wie keine Propaganda mehr. Ein Drohnenpilot sieht seinen Gegner nicht direkt, höchstens als Darstellung auf einem Bildschirm und er muss auch keine Waffe halten oder einen Abzug drücken. Er muss lediglich einen roten Knopf an einem Joystick betätigen und feuert dann eine Rakete oder Maschinengewehrsalve ab.

Diese Entwicklung hat Vor- aber eben auch Nachteile. Ein Vorteil ist die Abkehr vom sogenannten Totalen Krieg. Gemeint ist hier nicht die berühmte Rede Goebbels, es geht viel mehr um ein militärtheoretisches Konzept, das einen Krieg als ein allumfassendes Phänomen beschreibt.

Üblicherweise waren Kriege immer Konflikte zwischen bewaffneten Männern. Doch spätestens im Zweiten Weltkrieg richtete sich der Krieg auch gegen die Zivilbevölkerung. Genau dieses Übergreifen von militärischem Personal auf Zivilisten beschreibt der Totale Krieg.

Mit modernen Kriegsmitteln wie etwa den Drohnen ist es heute möglich, sehr gezielte Angriffe vorzunehmen, wodurch Menschenleben geschont werden können. Glücklicherweise hat dieses Umdenken auch spätestens nach dem Vietnamkrieg eingesetzt.

Der größte Nachteil ist aber gleichzeitig auch die Entmenschlichung des Krieges. Denn wie oben beschrieben wird der bewaffnete Konflikt heute zu einem Videospiel.

Es ist ein bewiesenes Phänomen der Psychologie, dass es Menschen deutlich schwerer fällt, ein anderes Lebewesen eigenhändig zu töten, als irgendeinen Knopf zu drücken. Dabei geht es nicht mal darum, dass es weniger anstrengend wäre, jemanden zu erschießen, als ihn zu erwürgen. Der Punkt ist, wenn man jemanden erwürgt, sieht man seinem Gegenüber in der Regel ins Gesicht und man sieht den Ausdruck der blanken Angst. Manche Leute sagen auch, man sieht das Weiße im Auge des Feindes.

Wir kennen dieses Phänomen aus dem Reich der Tiere. Entgegen der weitverbreiteten Meinung töten Tiere sich nicht immer. Wenn sie Fleischfresser sind, töten sie andere Tiere, aber eben auch nicht aus Spaß. Es ist eine Notwendigkeit. Bei Revierkämpfen beispielsweise sterben Tiere selten, weil alle Tierarten die Aufgabe das Gegners akzeptieren. Viele Tiere präsentieren dann etwa ihren ungeschützten Bauch und für den Kontrahenten ist dies das Zeichen der Kapitulation.

Stellt man sich die Situation eines Drohnenpiloten vor, der seine Gegner maximal als kleine, ameisenartige Punkte auf einer Karte sieht, ist es nur zu leicht verständlich, wieso es einem solchen Piloten leicht fallen muss, den potenziell tödlichen Knopf zu betätigen.

Doch was bedeutet eigentlich nun diese Kriegsführung der vierten Generation?

Lind führt in seinem Buch aus, dass sich der moderne Krieg spätestens seit dem Vietnamkrieg verändert habe. Vorher haben Staaten gegeneinander Krieg geführt, aber schaut man sich heutige Schlachtfelder an, muss man feststellen, dass heute Staaten gegen nicht-staatliche Organisationen kämpfen wie etwa Terroristen. Um diesen verändertem Umstand Rechnung zu tragen, muss die Kriegsführung angepasst werden.

Zynisch gesagt: Der Krieg wird gewissermaßen weniger destruktiv. Denn statt mit einer gewaltigen Armee irgendwo einzumarschieren und alles einzuäschern, soll man sich nun auf kleine, konzentrierte Operationen verlassen.

Wie oben bereits ausgeführt hat diese Vorgehensweise das Ziel, die einheimische Bevölkerung nicht zu verärgern. Denn das grundsätzliche Problem im Kampf gegen Guerilla-Organisationen besteht darin, den eigentlichen Feind erst einmal zu erkennen.

Als Staaten gegen Staaten Krieg geführt haben, konnte man die Soldaten gut an ihren Uniformen erkennen. Im modernen Krieg kann jeder unscheinbare Zivilist einen Bombengürtel tragen und damit zu einer Gefahr werden.

Lind hat sehr gut erkannt, dass es vor allem der Hass der Zivilbevölkerung ist, der durch eventuell entstehende Schäden einmarschierender Truppen entsteht, der wiederum normale Zivilisten soweit radikalisieren kann, dass sie zu Selbstmordattentätern werden oder sich eben der jeweiligen Guerilla-Organisation anschließen.

Und genau dies mag der Grund sein, wieso es durchaus Sinn macht, sich als Pazifist mit dem Krieg zu beschäftigen. Denn was man vermeiden möchte, das muss man auch kennen und man kann etwas nur kennenlernen, wenn man sich damit beschäftigt.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit!

Ein Pazifist beschäftigt sich mit Kriegsführung

Die (fremde) Welt des Schamanismus – Teil 1

Ich hatte ja in meinem letzten Artikel bereits angekündigt, dass ich mich mit Themen beschäftige, die den meisten Menschen wohl recht exotisch erscheinen. Und ich glaube auch, dass dieses Thema exotisch ist. Angesichts unserer, also der europäischen, Geschichte ist das auch nicht weiter verwunderlich, denn der Schamanismus ist das, was die Kirche lange Zeit als Ketzerei oder Heidentum gebrandmarkt hatte. Mit der Folge, dass alle Menschen, die derartige Praktiken vollzogen oder daran glaubten, getötet oder zwangsweise konvertiert wurden.

Umso interessanter erscheint es mir aber, sich jetzt wieder mit diesen Dingen zu beschäftigen. Denn den Schamanismus findet man überall auf der Welt. Viele Menschen mögen die klischeehafte Vorstellung haben, dass es solche Glaubensrichtungen – ich würde es eher als eine Philosophie bezeichnen – nur in Mittel- und Südamerika gibt. Die Wahrheit ist aber, dass es den Schamanismus überall in Europa gab, heute findet man ihn vor allem in Osteuropa und bei den Samen im Norden Skandinaviens. Aber es gibt auch durchaus schamanische Tendenzen in Nordamerika, und hier seien nicht nur die Ureinwohner gemeint, oder beispielsweise, auch zu meiner eigenen Überraschung, in Japan und Südostasien.

Was wirklich faszinierend an diesem Phänomen ist, ist die Tatsache, dass der Schamanismus in seinen Grundzügen überall nach den gleichen „Regeln“ zu funktionieren scheint. Und ich meine, es ist schon irgendwie komisch, dass Schamanen in Australien sich nicht sonderlich groß von Kollegen in Europa oder Nordamerika unterscheiden. Immerhin liegen hier mehrere Meere und Kontinente zwischen ihnen.

Natürlich sind die feinen Details und die einzelnen Bezeichnungen der jeweiligen Kulturen anders. In Australien beispielsweise wird ein Fels angebetet, den Ayers Rock oder Uluru, was in den Gebieten Nordamerikas, in denen die Steppe vorherrscht, natürlich eher weniger gut funktioniert. Aber die groben Züge, wie etwa der Respekt vor allen Lebewesen und der Glaube, dass Geister eine wichtige Rolle im Leben der Menschen spielen, haben alle schamanischen Richtungen gemeinsam.

Doch zuerst will ich kurz erklären, wie ich eigentlich zu dem Thema gekommen bin, weil es eine eher kuriose Geschichte ist, die ich mir selbst nicht wirklich erklären kann. Tatsächlich habe ich einen Fantasy-Roman gelesen, in dem Schamanen eine wichtige Rolle spielten. Da wurden auch viele Dinge benutzt und erwähnt, die es im „echten“ Schamanismus tatsächlich gibt, also die Anrufung von Geistern oder die Lehre von den Elementen, aber ich habe mich irgendwie dennoch gefragt, wie viel Wahrheit in diesen Beschreibungen denn wirklich steckt. Ich kann nicht mal erklären, wieso ich dieses Interesse entwickelt habe, denn vorher habe ich mich für Dinge, die in irgendeiner Form mit dem Glauben an übernatürliche oder geisterhafte Erscheinungen in Verbindung stehen, selten bis gar nicht ernsthaft interessiert.

Ich habe zwar ein gewisses Faible für okkulte Dinge, aber nicht unbedingt, weil ich wirklich daran glaube. Es ist viel eher, weil mich das vermeintlich Böse, das hinter diesen Dingen oftmals vermutet wird, fasziniert und weil ich der Ansicht bin, dass es das Böse nicht gibt.

Wahrscheinlich bin ich schlichtweg zu sehr Atheist, um daran glauben zu können, dass es so etwas wie Geister geben kann. Sehr wohl respektiere ich aber Kulturen, in denen es eine Ahnenverehrung gibt, wie wir sie beispielsweise bei den Asiaten antreffen können. Doch für mich war das Konzept, dass mein Groß- oder Urgroßvater mich beobachten und irgendwie meine Wege beeinflussen könnte, sehr suspekt.

Allerdings muss ich auch gestehen, dass sich dieses Verhältnis nach der Beschäftigung mit dem Schamanismus nur ein wenig verändert hat, ich sehe die Sache jetzt etwas entspannter, aber ich kann einfach nicht daran glauben, dass meine Ahnen mich irgendwie beobachten.

Jedenfalls habe ich, wie es wohl viele junge Menschen heute machen, erst einmal bei Wikipedia und allgemein im Netz gestöbert. Immer eine gute Vorgehensweise um herauszufinden, ob ein Thema genügend Stoff hergibt. Und als ich feststellen musste, dass es wirklich interessant ist, habe ich mir von Michael Harner das Buch Der Weg des Schamanen: Das praktische Grundlagenwerk zum Schamanismus besorgt, einfach weil es als das Standardwerk angepriesen wurde, wenn man sich mit diesem Thema auseinandersetzen möchte, vor allem auch weil es eben den core-shamanism, also die grundlegendsten Grundlagen des Schamanismus behandelt und deswegen auch ein idealer Einstieg für einen Menschen darstellt, der mit dem Thema sonst keine Berührungen hat.

Ich will aber auch gleich vorweg schicken, dass ich keinesfalls ein Experte in diesem Thema bin, da ich zu keiner Zeit die Möglichkeit hatte, zu einem Stamm von Menschen zu reisen, der den Schamanismus praktiziert, im Gegensatz zu Michael Harner, der lange Zeit mit solchen Menschen verbracht hat und gerade wegen diesen Menschen erst einmal auf die Idee gekommen ist, so beschreibt er es auch in dem Buch, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Eigentlich ging es ihm aber eher darum, die religiösen Vorstellungen dieser Menschen besser verstehen zu wollen.

Aus diesem Grund kann man allgemein schon sagen, dass der Schamanismus zum Teil eine Religion ist in dem Sinne zumindest, dass man einen gewissen Glauben besitzt. Nur beschränkt sich eben dieser Glaube nicht auf einen Punkt, den man dann Gott oder Allah nennt. Vielmehr sieht ein Schamane in jedem Lebewesen, egal ob Tier oder Pflanze, ein Stück Göttlichkeit, um es in unseren westlichen Worten auszudrücken.

Dieser Umstand beispielsweise hat mich sehr an den Buddhismus erinnert und während meiner Internetrecherche habe ich auch immer wieder in verschiedenen Foren gelesen, dass es teilweise große Überschneidungen zwischen dem Buddhismus und dem Schamanismus gibt.

Und eine weitere wichtige Überschneidung ist die Art der praktischen Umsetzung. Während ein Christ also beispielsweise bestimmte Rituale vollzieht, er betet, geht zur Kirche, unternimmt der Schamane meist sogenannte schamanische Reisen, die sich am ehesten mit der Meditation im Buddhismus vergleichen lassen. Jetzt denken viele Menschen wohl, dass sich diese Leute dann zu dröhnen mit irgendwelchen Drogen. Ja, solche Praktiken gibt es durchaus. Harner beschreibt es auch in seinem Buch und bei seinem ersten Erlebnis, bei dem er tatsächlich etwas getrunken hat, dass drogenähnliche Wirkungen auf ihn hatte. Aber er beschreibt eben auch, dass eine Vielzahl von schamanischen Praktiken gibt, die keinerlei Drogen bedürfen.

Wenn man keine Drogen nehmen will, kann man sich auch mit Musik in einen Zustand versetzen, der einem die schamanische Reise ermöglicht. Im Grunde handelt es sich dabei um einfache Trommelmusik, manchmal kombiniert mit einer Rassel. Im Buch wird immer wieder darauf verwiesen, dass man sich einen Partner suchen solle, der eine Trommel schlagen kann, aber mittlerweile gibt es auch viele digitale Möglichkeiten, so etwas umzusetzen. Tatsächlich gibt es sogar für iOS – bei Android finden sich sicher weitaus mehr Angebote – Apps, die das schamanische Trommeln anbieten.

Aber bevor man sich jetzt solche Apps herunterlädt oder bei Streaming-Diensten nach Alben mit solcher Musik sucht – ja, die gibt es tatsächlich auch -, sollte man erst einmal verstehen, wie diese Reise genau funktioniert, denn mit dem Hören der Musik ist es nicht getan.

Zuerst einmal muss man seinen Kopf und seine Gedanken von allem befreien. Man darf an nichts denken, keine Sorgen dürfen die Gedanken irgendwie vernebeln. Allein das zu bewerkstelligen, stellt für manche Menschen schon eine gewisse Hürde dar, denn wann man im Leben wird man zu solch einem Vorgehen aufgefordert? Ich selbst kenne diese Aufforderung auch aus der buddhistischen Meditationspraxis und mir ist das niemals schwer gefallen, weil ich generell einen freien Kopf habe. Aber um dem geneigten Leser und der geneigten Leserin vielleicht zu helfen, kann man diesen Schritt im Kopf, in den Gedanken bei geschlossenen Augen visualisieren.

Also stellen Sie sich einfach all ihre Sorgen wie in einer Reihe vor, als würden sie an einer Kasse im Supermarkt stehen. Und dann fertigen Sie jede Sorge ab. Schieben Sie die Sorgen einfach weg, aus Ihrem Blickfeld heraus, das reicht schon vollkommen. Erheben Sie keinesfalls den Anspruch, all diese Sorgen wirklich zu lösen, denn dann werden Sie vermutlich aus dem Grübeln nicht mehr herauskommen. Selbst kleine, alltägliche Sorgen wie ein anstehender Zahnarzttermin – ich weiß, für manche bedeutet das auch eine große, beängstigende Sorge – oder den Umstand, dass Sie noch einkaufen gehen müssen, alles das müssen Sie von sich schieben.

Ich weiß, dass das leichter geschrieben ist, als man es vielleicht umsetzen kann. Aber mit ein wenig Übung wird es funktionieren und vor allem werden Sie schon dann merken, dass Sie deutlich entspannter sind. Denn das, was uns wirklich oft Verspannungen zufügt, sind genau solche Sorgen, die sich dann als körperliches Symptom verfestigen.

Haben Sie diesen Schritt geschafft, beginnt die eigentliche Visualisierung.

Im Buch wird beschrieben, dass man sich ein Loch, einen Höhleneingang oder irgendetwas vorstellen soll, dass ins Innere der Erde führt. Allerdings betont Harner, dass es sich um etwas aus Ihrer Erinnerung handeln müsse. Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, dass es durchaus auch mit Dingen funktioniert, die Sie nicht selbst gesehen haben. Vermutlich können Sie sich auch eine Höhle aus einem Film vorstellen. Wichtig ist nur, und jetzt wird es etwas schwammig, aber Harner schreibt es auch selbst so, dass Sie ein gutes Gefühl haben müssen, wenn Sie es sich vorstellen. Also Sie dürfen sich nichts vorstellen, was Sie in irgendeiner Form ängstigt oder verstört.

Sie sollten sich diese Höhle oder das Loch wirklich bildlich vorstellen können, als würden Sie es in Ihren Gedanken begehen wollen.

Jetzt sollten Sie die Trommelmusik zum Einsatz bringen, denn sie wird Sie in diesen veränderten Bewusstseinszustand versetzen. Seien Sie sich aber im Klaren darüber, dass dieser Zustand nicht sofort eintritt mit dem ersten Trommelschlag. Sie müssen schon etwas Geduld beweisen, die Musik auf sich wirken lassen und gleichzeitig an diesem Ort bleiben in Ihren Gedanken. Je entspannter Sie dabei sind, desto schneller wird das klappen.

Wenn alles gut läuft – ich sollte vielleicht erwähnen, dass solche Sachen nicht bei allen Menschen funktionieren -, wird sich etwas in Ihrem Inneren verändern und Sie werden fast schon den Drang verspüren, in dieses Loch oder diese Höhle hineinzugehen.

Jetzt kommt wieder einer dieser verbindenden Punkte, die man bei allen Schamanen auf der Welt findet: Es wird kein „logischer“ Tunnel vor Ihnen liegen. In der Regel werden Sie einen Tunnel aus konzentrischen Kreisen sehen. Manche Menschen mit viel Fantasie kann das verschrecken, weil dieses Bild relativ häufig dem Schlund einer riesigen Bestie gleicht, aber Sie sollten keine Angst haben, denn Ihnen wird nichts geschehen.

Im Gegensatz beispielsweise zur Hypnose, die auf demselben Prinzip beruht, hat man bei einer solchen Reise immer die volle Kontrolle über sich selbst. Das heißt, wenn Sie sich unwohl fühlen oder unsicher sind, können Sie jederzeit umkehren. Man kann vielleicht auch sagen, dass diese Reise wie ein Traum ist, den Sie selbst kontrollieren können, der Ihnen aber zugleich absolut real vorkommt.

Was nach dem Tunnel passiert, variiert. In jedem Fall müssen Sie diesen Tunnel durchschreiten, manche Menschen haben auch das Gefühl, dass sie durch den Tunnel fliegen, weil sie sich ungewöhnlich schnell bewegen. Bei der ersten Reise etwas zu fühlen, zeugt übrigens davon, dass Sie ein großer Schamane werden können. In der Regel sagt man, sieht man zuerst, dann hört man und zum Schluss fühlt man.

Ich kann kurz schildern, was bei meiner ersten Reise passiert ist.

Vor einiger Zeit war ich mal in den Feengrotten in Thüringen. Dort gab es eine Besichtigung des Bergwerkes und einen dunklen Stollen, ich glaube, er wurde Barbara-Stollen genannt, der mich irgendwie fasziniert hat. Genau diesen Stollen habe ich mir vorgestellt, während meiner ersten Reise. Schon damals habe ich mich gefragt, was sich dahinter wohl verbergen könnte. In meinem Fall war der Tunnel eher eine Röhre aus Kreisen. Wer schonmal die Speiseröhre eines Tieres gesehen hat, so ähnlich sah der Tunnel für mich aus. Aus welchem Material er genau bestand, kann ich nicht mal sagen, zumindest sah es für mich nicht nach Stein, eher nach Kristallen aus.

Am Ende dieses Tunnels kam ich schließlich auf eine weite, grüne Ebene, die mir grenzenlos erschien. Über mir war ein perfekter, blauer Himmel, keinerlei Wolken, aber auch keine Sonne waren zu sehen. Ich bin dann ein bisschen über diese Ebene gelaufen, allerdings konnte ich sie nicht wirklich erkunden, weil die Musik dann allmählich zum Schluss kam.

Prinzipiell gibt es zwei Wege zurückzukommen: Entweder geht man freiwillig oder die Musik endet und meist kehrt man dann, so war es bei mir, vollkommen automatisch zurück. Für mich war es, als würde man die Reise einfach zurückspulen.

Natürlich erschöpft sich das Thema mit dieser Reise nicht, aber damit der Artikel nicht zu lang wird, denke ich, wird es gut sein, ihn aufzuteilen. Zumindest kann man, wenn man diesen ersten Teil gelesen hat, theoretisch gesehen, die ersten Erfahrungen machen. Aber ich muss noch vor einer Sache warnen:

Die Reise an sich ist nicht gefährlich, ja, aber es gibt eine Sache, die man beachten muss: Halten Sie sich immer während Ihrer Reisen von Insekten, Fischen oder Schlagen fern, die Ihre Zähne zeigen! Tiere sind generell nie gefährlich in dieser anderen Welt, außer dann wenn sie ihre Zähne offen präsentieren! 

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit und viel Spaß bei der ersten, eigenen Reise!

Die (fremde) Welt des Schamanismus – Teil 1