Nordische Philosophie (und Mythologie) – Teil 3

Wie es in der Überschrift bereits angedeutet ist, soll es in diesem dritten Teil vor allem um die Philosophie der Nordmänner gehen, nachdem es in den vergangenen beiden Texten hauptsächlich um die Mythologie ging. Aber keine Sorge, dies wird keine trockene Abhandlung über philosophische Grundsätze. Ein solches Vorgehen würde auch nicht sonderlich zu den Menschen passen, die an die nordischen Götter geglaubt haben.

Zunächst einmal möchte ich auf das typische Denken dieser Menschen eingehen. Es mag zunächst banal erscheinen, denn inwiefern sollen diese Menschen denn anders gedacht haben als wir?

Wie ich bereits im zweiten Teil angedeutet habe, sahen die Menschen des Nordens beispielsweise zwischen Leben und Tod keine strikte Trennung. In ihrer Vorstellung entsprachen die Geburt und das Sterben einem Kreislauf. Genau dies mag ein kleiner aber sehr gewichtiger Unterschied sein, denn die Nordmannen waren umgeben von Zyklen und deswegen finden sich diese Kreisläufe auch immer wieder in ihrem Denken.

Dabei müssen es nicht einmal so abstrakte Zyklen sein wie die Wiedergeburt. Selbst so einfache Dinge wie die Jahreszeiten stellen bereits einen Zyklus dar. Wir hantieren zwar mit vier Begriffen, aber es ist dennoch nicht möglich einen speziellen, festgelegten Zeitpunkt auszumachen, ab wann man immer vom Sommer sprechen kann. Vielmehr gehen die Jahreszeiten fließend ineinander über.

Noch viel eindrücklicher sind die Mondphasen. Dazu muss man wissen, dass der Mond für die Nordmannen der vielleicht wichtigste Himmelskörper war, denn viele Feste richten sich nach dem Mondzyklus aus.

Im Unterschied zum modernen Menschen besaßen die Menschen des Nordens kaum Dualismen. Ich hatte das ebenfalls im zweiten Teil angesprochen und will es hier noch einmal etwas ausführlicher darstellen.

Unsere moderne Welt ist voller Gegensätze: Gut und Böse, Arm und Reich, Schön und Hässlich, Dick und Dünn, Weiß und Schwarz, Groß und Klein. Wir scheinen uns ständig zwischen zwei extremen Polen zu bewegen und diese Art des Denkens hat auch unsere moderne Welt beeinflusst. Es ist kein Zufall, dass der christliche Glaube Himmel und Hölle kennt, die die Entsprechungen der Dualismen von Gut und Böse sind. Es ist auch kein Zufall, dass die Maschine, auf der ich gerade diesen Text eintippe, auch nur die beiden Dualismen aus 0 und 1 kennt. Und es ist ebenfalls kein Zufall, dass wir viele Fragen immer pauschal mit einem Ja oder einem Nein beantworten wollen.

Wie gesagt scheint dieser Unterschied eher klein zu sein, aber in meinen Augen ist er entscheidend.

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Der wohl wichtigste Zyklus, den ich bereits angedeutet hatte, ist der des Lebens. Ähnlich wie wir es in vielen asiatischen Glaubensvorstellungen sehen können, begriffen die Nordmänner den Tod eines Lebewesens nicht als dessen endgültiges Ende.

Wie bereits im zweiten Teil beschrieben gab es für Tote grundsätzlich zwei Wege: Starb man in der Schlacht, so kam man nach Walhalla. Starb man außerhalb des Kampfes so kam man nach Helheim. Viele Menschen mögen jetzt wieder dualistisch denken und glauben, dass es in Walhalla besser sei als in Helheim, aber laut den Sagen stimmt dies nicht. In beiden Totenwelten wurden die Toten recht gut umsorgt.

Von Walhalla wissen die meisten Menschen, dass es sich dabei um eine große Halle handeln soll, in der es immerzu Speis und Trank gibt und die eingekehrten Krieger, die dann auch als Einherjer, was so viel wie ehrenvoll Gefallener bedeutet, bezeichnet werden, feiern dort letztlich ein großes Fest. Das Feiern eines Sieges war zu der damaligen Zeit ein durchaus übliches Ritual, weswegen es nicht verwunderlich ist, dass man selbst den Gefallenen einer siegreichen Schlacht diese Belohnung nicht verwehren möchte.

Bezüglich Helheims gibt es unterschiedliche Vorstellungen. In jedem Fall wird das Reich der Toten als ein kalter und eigentlich wenig einladender Ort beschrieben. Leider kann man nicht mehr mit großer Sicherheit nachvollziehen, ob diese Beschreibung in Verbindung mit dem christlichen Bild der Hölle steht. Zeitweise, vor allem zurzeit der Christianisierung des Nordens, war Helheim tatsächlich mit der christlichen Hölle gleichgesetzt. Aus dieser Zeit stammt auch die Überzeugung, die heute noch immer von einigen Menschen vertreten wird, dass die Unterwelt kein Ort der Wiederkehr sei.

Einigen Quellen zu Folge, aber auch diese seien mit Vorsicht zu genießen, denn auch hier kann man nicht sagen, wie weit der christliche Einfluss reicht, soll es in Helheim auch einen Bereich für Mörder und andere Schwerverbrecher gegeben haben, an dem sie dann bestraft werden.

Hält man sich allerdings an die überlieferten Sagen und Legenden, und bedenkt man, dass es zwischen den Nordmännern und den Menschen, die im heutigen Raum Indiens leben, gewisse Überschneidungen gibt – etwa der Glaube von einem Urwesen, aus dem die Welt geschaffen wird oder allein der Umstand, dass sie dem indoeuropäischen Sprachraum angehörten -, kann man durchaus davon ausgehen, dass sie an eine Form der Wiedergeburt geglaubt haben müssen.

Folgt man den Sagen, erkennt man eine gewisse Ähnlichkeit zum Glauben an eine Seelenwanderung wie sie auch in der Vorstellung der antiken Griechen existierte. Wenn ein Mensch stirbt, löst sich seine Seele gewissermaßen vom Körper und er wird zu einer Art reinen Energie. In der griechischen Vorstellung kam diese Seele in den Hades und wurde dort im Fluss der Unterwelt gereinigt, sodass sie alle Erinnerungen und Verbindungen an ihr vorheriges Leben wieder vergas.

In der nordischen Vorstellung geschah dies in Niflheim. Hier wurde die Seele aber nicht nur gereinigt, es kam auch zu einer Art Urteilsprozess. Dieser ging allerdings nicht von einem richtenden Gott aus, vielmehr nahm die Seele eine objektive, vogelperspektivenartige Stellung ein. Dies war ebenso wichtig wie die Reinigung, damit die Seele neu und völlig unbelastet wiederkehren konnte.

Anhand dieser Vorstellung sieht man auch wieder wunderbar den Mangel an dualistischem Denken, denn dieser Urteilsprozess diente eben nicht dazu, den Verstorbenen entweder in die Kategorie des Guten oder des Bösen zu stecken. Gedacht war dieser Prozess vermutlich eher als eine Art Weiterentwicklungsprozess, eine stille Reflexion über das eigene Sein. Wenn dieser Ablösungsprozess vom alten Leben abgeschlossen war, kehrte die Seele schließlich in Helheim ein, wo sie von Hel bewirtet wurde und auf ihre Wiedergeburt wartete.

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Walhalla (https://de.wikipedia.org/wiki/Walhall#/media/File:Walhall_by_Emil_Doepler.jpg)

Passend zum Zyklus des Lebens besaßen die Nordmänner, auch wieder ähnlich zu den Griechen, Schicksalgöttinnen. In der griechischen Mythologie nannten sich diese Moiren und es waren drei Frauen. In der nordischen Mythologie nennen sie sich Nornen und sind ebenfalls drei Frauen.

Der Sage nach spinnen sie den Faden eines jeden Lebens. Sie leben an einer der drei Quellen, die sich an der Wurzel von Yggdrasil befinden. Ihre Personen stehen jeweils für die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Urd, was so viel wie Schicksal bedeutet und gleichzeitig der Name der Quelle ist, an der die Nornen leben, stellt die Vergangenheit dar. Verdandi, das Werdende, stellt die Gegenwart dar und Skuld, die Schuld, stellt die Zukunft dar.

Neben der Vorstellung, dass die Nornen den Faden des Lebens spinnen, gibt es auch die Vorstellung, dass sie Runen dazu einsetzen, das Schicksal eines jeden Menschen zu bestimmen. Von der Vorstellung des Fadens stammt übrigens auch der Ausspruch, dass das Leben am seidenen Faden hängt.

Obwohl es jetzt so wirken mag, als wäre das Schicksal, oft als Wyrd oder Wurd bezeichnet, feststehend und unabänderlich, stimmt dies nicht. Denn die Nordmänner begriffen das, was wir heute als Schicksal bezeichnen, eher als eine Art Reaktion des Kosmos oder der höheren Mächte auf jede Aktion eines Lebewesens.

Die Nornen mochten zwar eine Art Zukunft sehen können, aber diese musste deswegen nicht unbedingt eintreffen. Dies unterscheidet die nordische Mythologie sehr stark von allen anderen und bekannten Mythologien Europas. Denn sowohl in der griechischen, römischen als auch ägyptischen Mythologie, wenn man diese noch zu Europa zählen will, wird das Schicksal oder die Zukunft als unveränderlich betrachtet.

Angesichts der Tatsache, die ich bereits im zweiten Teil angesprochen habe, dass die Götter in der Vorstellung der Nordmannen keine allmächtigen und allwissenden Wesen waren, verwundert diese Vorstellung des Schicksals allerdings kaum.

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Nornen spinnen das Schicksal (https://de.wikipedia.org/wiki/Nornen#/media/File:Nornorna_spinner_ödets_trådar_vid_Yggdrasil.jpg)

Ein Gegensatz hierzu, für den ich auch keine wirkliche Erklärung habe, ist die Vorstellung von Ragnarok oder Ragnarök, dem Ende der Welt. Gegensätzlich ist diese Vorstellung vor allem deswegen, weil sie ein festgeschriebener und unabänderlichen Ablauf darstellt, was passieren wird, wenn das Weltenende kommt.

Ragnarök bedeutet, entgegen der weit verbreiteten Meinung, nicht Götterdämmerung, sondern viel mehr Schicksal der Götter. Diese Fehlübersetzung mag auf den Komponisten Richard Wagner zurückgehen, der eines seiner Stücke, das eben Ragnarök behandeln soll, als Götterdämmerung betitelt hat.

Ich möchte jetzt nicht haargenau schildern, was genau passiert. Wer sich dafür interessiert, findet hier eine kurze Beschreibung der Ereignisse. Was meiner Ansicht nach noch wichtig zu sein scheint, ist der Umstand, dass das Ende der Welt eben nicht das vollständige Ende ist. Laut der Sage wird es drei Jahre Kampf und einen ebenso langen Winter geben und dann wird die Welt gewissermaßen wieder auferstehen.

Einige Leute sehen in Ragnarök ebenfalls einen Zyklus, denn möglicherweise, so deren Interpretation, passiert dies in regelmäßigen Abständen immer wieder. Der einzige Mangel an dieser Theorie scheint zu sein, dass sie keinerlei Erklärung dafür liefern, wie der ursprüngliche Zustand vor Ragnarök wiederhergestellt wird, denn das Weltenende ist zugleich auch das Ende für einige Götter.

Und damit habe ich alles niedergeschrieben, was ich zum breiten Thema der nordischen Mythologie zu berichten weiß. Natürlich waren meine Ausführungen nicht erschöpfend, gerade bezüglich der einzelnen Götter und deren Funktionen. Allerdings kann man diese drei Artikel als eine Art Einführung in das Thema betrachten.

Aus diesem Grund möchte ich am Ende noch ein paar weiterführende Literaturhinweise geben. Wer sich mehr über die Götter informieren möchte, dem empfehle ich Ásatrù: Die Rückkehr der Götter. Gerichtet ist dieses Werk eigentlich an all jene Menschen, die den Glauben an die nordischen Götter erforschen wollen, aber selbst wenn man nicht an sie glauben möchte, kenne ich kein Buch, das ausführlicher über die einzelnen Götter informiert als dieses Werk.

Wer sich mit der eigentlichen Sage auseinandersetzen möchte, dem sei eine der kommentierten Fassungen der Edda empfohlen wie etwa diese. Ich würde davon abraten, eine unkommentierte Fassung zu lesen, weil man dann möglicherweise nicht alles verstehen wird. Man darf nicht vergessen, dass diese ganzen Legenden an die 1.000 Jahre alt sind. Und jeder, der schonmal versucht hat, eine Bibel zu lesen, wird wissen, dass das gar nicht so leicht ist ohne das nötige Hintergrundwissen.

Wer sich mehr mit den Runen und dem Orakeln beschäftigen will, dem seien diese beiden Bücher empfohlen: Wer es wissenschaftlicher mag, wird sicher in Krauses Runen: Geschichte – Gebrauch – Bedeutung etwas finden und wer es etwas Esoterischer mag, dem sei Runen: Zauberzeichen der Germanen empfohlen.

Dann bedanke ich mich für die Aufmerksamkeit!

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Nordische Philosophie (und Mythologie) – Teil 3

Arabische Rhetorik

Für mich gliedert sich die Beschäftigung mit dem Nahen Osten in zwei Kapitel: Einerseits in den Artikel über den Islam, denn man sollte die Wichtigkeit dieser Religion in diesem geografischen Raum keinesfalls unterschätzen, auch wenn im Vorderen Orient nicht nur Muslime leben, so prägen sie das kulturelle Bild und Verständnis der Region doch nachhaltig. Andererseits gehört für mich aber auch die Auseinandersetzung mit den weltlicheren Angelegenheiten jener Region dazu. Keine Sorge, ich werde nicht auf die mühsamste und langweiligste Art und Weise die Geschichte des Vorderen Orient erzählen – solch ein Unterfangen können andere Menschen sicher besser vollbringen. Viel mehr möchte ich aber auf bestimmte historische Umstände eingehen, die bis heute einen entscheidenden Einfluss im Denken der Menschen dieser Region haben.

‚Menschen dieser Region‘. Ich habe bewusst eine bestimmte nationale Bezeichnung vermieden, denn eine Sache muss man hier ganz besonders beachten. Wir Menschen im Westen sind es gewohnt uns in verschiedene Nationen einzuteilen und uns eben als Franzosen, Briten oder Deutsche zu fühlen. Das hat schlichtweg damit zu tun, dass der europäische Raum eine Zeit des Nationalismus erlebt hat. Im Vorderen Orient, also den Gebieten Syriens, Libanons, Palästinas, Israels und anderer Staaten hat es diese Entwicklung in der europäisch-ausgeprägten Form nicht gegeben. Sehr wohl gibt es heutzutage gewisse politische Strömungen, die einen arabischen Nationalismus aufleben lassen wollen, im Gegensatz zu den heute existenten Staatsgrenzen aber orientieren sich diese Menschen eher selten an diesen künstlichen Grenzen. Viel mehr träumen diese Aktivisten von einem vereinten Arabien, in dem Menschen leben, die durch eine gemeinsame Kultur, Geschichte und vor allem Sprache geprägt sind.

Der Gegensatz zu diesen Nationalisten, und dieser Gegensatz stellt eben den Ist-Zustand in dieser Region dar, ist, die Abgrenzung der einzelnen Menschen durch ihre Religion. Die Menschen fühlen sich in diesen Breiten viel eher als Muslim oder Christ denn als Syrer oder Palästinenser.

Wenn man das versteht, dann versteht man auch, wieso es gerade in dieser Region häufiger zu Konflikten kommt, die auf religiösen Unterschieden beruhen. Man muss bedenken, dass auf diesem vergleichsweise kleinen geografischen Raum die drei großen Weltreligionen – Islam, Christentum und Judentum – in den unterschiedlichsten Ausprägungen zusammenleben.

Jetzt könnte man einwenden, dass in Europa auch vollkommen unterschiedliche Nationen zusammenleben und es dort keine Konflikte gibt. Ein guter Einwand, denn betrachtet man die Vergangenheit Europas gab es dort natürlich unzählige Kriege. Heutzutage aber werden die europäischen Staaten durch bestimmte Bündnisse wie der Europäischen Union und der NATO zusammengehalten. Ich bin der Ansicht und dafür kann man mich gern kritisieren, dass vor allem die beiden genannten Organisationen, bei aller berechtigter Kritik an ihnen, zurzeit dafür sorgen, dass die europäischen Staaten sich nicht wieder bekriegen. Die Annahme, dass die beiden vorangegangenen Weltkriege zu einem Umdenken und zu einem friedlicheren Miteinander geführt hätten, bezweifle ich sehr stark. Sicher gab es ein solches Umdenken bei der Generation, die die Kriege überlebt hatte, denn diesen Generationen verdanken wir schließlich solche Organisationen, aber ich bin mir sicher, dass beispielsweise meine Generation durchaus bereit für einen weiteren Krieg wäre, denn uns fehlen diese vernichtenden Erfahrungen.

Hinzu kommt bei der arabischen Situation auch, dass Religionen ihrem Wesen nach oftmals eine Sache der Leidenschaft sind. Die dortigen Menschen identifizieren sich sehr viel stärker mit ihrem Glauben, als ich mich beispielsweise mit meiner Nationalität als Deutscher identifizieren würde. Und wenn bei einer Angelegenheit Leidenschaft im Spiel ist, dann neigt man auch schneller dazu, Dinge zu tun, die man vielleicht besser nicht tun sollte. Dieser Umstand ist, meiner Meinung nach, auch der Grund, wieso Terroristen, egal welcher Gruppierung sie letztlich angehören – die Gruppierung muss sich nur einer religiös motivierten Sache verschreiben -, derart gefährlich und vor allem unzugänglich für logische Argumente sind.

Anders als bezahlte Soldaten, die letztlich nur für einen Sold kämpfen und vielleicht aus einer vagen Liebe zum Vaterland, kämpfen diese Menschen aus einem fanatischen Glauben an eine bestimmte Religion heraus. In den westlichen Nationen hatte man während Kriegszeiten immer das Problem, einen Grund zu finden, für den sich junge Männer im Kampf geopfert hätten. Diese Opferbereitschaft kann man aber nicht mit rationalen Überlegungen hervorrufen, viel mehr berief man sich auf höchst emotionalisierende Bilder, die den Feind oftmals als das absolut Böse darstellten. Man denke nur an George W. Bushs Vergleich zwischen Hussein und Hitler, der die amerikanische Nation auf einen Krieg einschwören sollte.

Solche Vergleiche werden aber nicht allein vom Westen benutzt.

Vielleicht hat sich die geneigte Leserin oder der geneigte Leser über die Überschrift verwundert – ‚Arabische Rhetorik‘. Nun, die aktuelle Situation, in der sich der Nahe Osten befindet, wird mit einem rhetorischen Kniff beschrieben, den die Araber nur zu gern verwenden. Um diesen Kniff zu verstehen, ist es notwendig einen kurzen Exkurs in die Geschichte des Vorderen Orients zu unternehmen.

Zwischen den Jahren 1096 und 1291 fand ein reger Kontakt zwischen dem christlichen Westen und dem mehrheitlich muslimisch geprägten Osten statt. Es war die Zeit der sogenannten Kreuzzüge. Diese Zeit ist für den Nahen Osten vor allem deswegen wichtig, weil sich eine fremde Macht in die politischen Belange eingemischt hat. Es war ja nicht so, dass Kreuzfahrer-Armeen einfach brandschatzend durch den Orient zogen, diese Kreuzfahrer gründeten auch Staaten.

Die Araber jener Zeit haben diese Gründungen und vor allem die Angriffe der Christen nicht als einen Heiligen Krieg betrachtet – zumindest nicht am Anfang. Zumal die arabischen Nationen dieser Zeit auch viel zu sehr mit internen Machtkämpfen beschäftigt waren – anders verhielt es sich in den europäischen Nationen auch nicht. Aber der Aufruf zu einem Kreuzzug, einer gemeinsamen, europäischen Militäraktion, sorgte dafür, dass die Macht- und auch Militärkämpfe innerhalb Europas ruhen konnten.

Die Araber verstanden die Kämpfe zuerst nicht als einen Kampf gegen den Islam, sehr wohl aber betrachteten sie die Gründung der Kreuzfahrer-Staaten als eine Schändung ihres geweihten Landes.

An diesen Kreuzzügen war eine ganze Reihe von heute berühmten Persönlichkeiten wie etwa Bernhard von Clairvaux, Richard Löwenherz und diverse Päpste beteiligt, aber eine Person auf Seiten der Muslime soll uns ganz besonders interessieren: Salah ad-Din oder auch Saladin.

Warum diese Person besonders wichtig ist? Einerseits ist sie eine umstrittene Person unter Historikern. Die Taten Saladins können und werden immer wieder auf zwei Arten ausgelegt: Saladin war ein machtgieriger Despot oder Saladin war ein milder, streng muslimischer Herrscher. Für die erste Interpretation spricht, dass Saladin Zeit seines Lebens ein großes Reich aufgebaut hat, dagegen spricht aber zugleich, dass er dieses Reich nicht allein durch militärische Eroberung errichtet hat. Er bediente sich einerseits natürlich einer Armee, aber andererseits verstand er es auch diplomatischen Druck auf seine Feinde auszuüben. Als er beispielsweise im 12. Jahrhundert Jerusalem ‚erobert‘ hatte – tatsächlich hat er mit den herrschenden Christen ein Abkommen geschlossen -, ging er sehr tolerant und gnädig mit den ehemaligen Herrschern der Heiligen Stadt um. Ganz im Gegensatz zu den Kreuzfahrern, die ungefähr achtzig Jahre zuvor die Stadt eroberten, dabei viele muslimische Tempel und Heiligtümer zerstörten oder zu christlichen Stätten umfunktionierten. Deswegen sagen viele Historiker auch, dass Saladin Jerusalem ‚befreite‘ und nicht ‚eroberte‘.

Wichtig ist Saladin vor allem aber deswegen, weil er bis heute eine starke Wirkung im Nahen Osten hat. Vor seiner Eroberung Jerusalems erlitt er eine schwere Krankheit. Während dieser Erkrankung nahm Saladin viel Körpergewicht ab und er war von allgemein schwacher körperlicher Verfassung. Zugleich, so berichten Quellen, fand er aber auch zu einem stärkeren Glauben und er schwor, einen ‚Heiligen Krieg gegen die Christenheit‘ zu führen. Damit wurde Saladin, und als dies gilt er noch heute, zum Mudschahed.

Nun kommen wir noch einmal zu einem schwierigen Thema. Wenn man im Westen mit dem Begriff des ‚Dschihad‘ arbeitet, dann denken viele Leute, dass Dschihad so viel wie ‚Heiliger Krieg‘ bedeutet. Tatsächlich bedeutet es aber eher ‚Anstrengung‘ und in einem weiteren Sinne auch ‚Kampf‘. Dieser Kampf oder diese Anstrengung sind immer in einem islamischen Kontext zu verstehen, wenn also ein Muslim einen Dschihad ausruft, dann ist dies in erster Linie eine Anstrengung oder ein Kampf im Sinne des Glaubens. Entgegen der weit verbreiteten Meinung verstehen Muslime aber unter einem Dschihad nicht sofort einen Krieg im Namen des Islam.

Soweit mir bekannt ist, hat Saladin niemals direkt von einem Dschihad gesprochen. Er betrachtete sich aber, wie oben beschrieben, als Mudschahed, was wiederum ‚heiliger Krieger‘ bedeutete. Irrtümlicherweise, so vermute ich, deutete man diese Bezeichnung sofort so, dass er einen ‚Heiligen Krieg‘ gegen die Christenheit im Vorderen Orient führen wollte. Aber all dies ist mehr Wortspielerei.

Für uns ist nur wichtig, dass Saladin ein wichtiges Symbol für den Kampf für den Islam und gegen das Christentum beziehungsweise eine Fremdbesatzung darstellt. Aus diesem Grund spielt Saladin in der heutigen arabischen Rhetorik und Gedankenwelt eine überaus große Rolle. Wenn sich Muslime gegen den Westen aussprechen und wenn sie das Eingreifen des Westens anprangern wollen, dann erklären sie dies oft aus einer Mentalität eines Kreuzzuges heraus, als wolle der moderne Westen den Vorderen Orient erneut zum Christentum bekehren.

Das Eingreifen der ehemaligen Kolonialmächte Frankreich, das beispielsweise Syrien ‚zerstückelte‘ – in seiner historischen Form gehörten Syrien, Palästina und der Libanon zusammen – und Großbritannien wurden schon aus genau dieser Perspektive heraus betrachtet. Auch die Erschaffung des Staates Israel, der rundweg als ein künstliches und von kolonialem Bestreben herrührendes Gebilde begriffen wird, wird aus einer solchen Perspektive gesehen.

Und wenn eine islamische Gruppierung sich gegen diese Entwicklungen stellt, dann beruft sie sich in ihrer Rhetorik oftmals auf den großen Saladin, der schon im Mittelalter die Christen erfolgreich zurückdrängen konnte. Und mit diesem Wissen kann man als Mensch des Westens vielleicht auch langsam erahnen, wieso es seitens der Menschen in diesem Gebiet ein gewisses Ressentiment gegenüber dem Westen gibt.

Was mich aber allzu oft an den Betrachtungen über den Nahen Osten stört, ist die mangelnde Bereitschaft zu einer Einsicht, dass der Westen im Vorderen Orient mit seinem Handeln grobe Fehler begangen hat. Man stelle sich nur einmal vor, die Araber hätten Teile Europas besetzt und hätten die dortigen Ländereien nach ihrem Gutdünken neu aufgeteilt und künstlich voneinander abgetrennt. Das wäre bloßes Unwissen und herablassende Arroganz gewesen und nicht anders kann man das Verhalten der beiden erwähnten Kolonialmächte umschreiben.

Man muss also ganz klar sagen, wenn wir eine Verbesserung der Beziehungen zwischen dem Westen allgemein und dem Nahen Osten erreichen wollen, dann muss der Westen den Vorderen Orient als einen gleichwertigen und respektablen Partner betrachten. Der Fehler liegt oftmals darin, dass die dortigen Menschen als fanatisch und nicht vernunftbegabt dargestellt werden. Dabei muss man einfach nur wissen, dass insbesondere die Religion in dieser Region einfach noch einen stärkeren Einfluss hat als in vielen westlichen Nationen. Für die Menschen im Westen ist die Religion eine private Angelegenheit. Für die Menschen im Nahen Osten gehört die Religion zum Staat dazu.

Alle Bestrebungen, den Menschen dort eine Demokratie im westlichen – säkularen – Sinne aufzuzwingen, hatten katastrophale Folgen. Man vernachlässigt hierbei, dass die Säkularisierung Europas eine Notwendigkeit der Geschichte war, denn Europa hat bittere Erfahrungen bezüglich der Christen machen müssen – man denke hier nur an den vernichtenden Dreißigjährigen Krieg.

Übrigens ergibt sich auch eine gewisse Aufspaltung unter vielen Muslimen, denn auf der einen Seite bewundern sie den westlichen technischen Fortschritt und nutzen ihn natürlich auch rege, doch andererseits sehen sie im Westen eine Krise, eine Krise des Glaubens. Und, eine Sache ist mir noch wichtig, den Arabern ist durchaus unsere moralische Doppelbödigkeit bewusst, dass wir einerseits behaupten, die Menschenrechte verteidigen zu wollen, aber andererseits diese Rechte mit Füßen treten. Man sehe sich hierzu die USA und ihren Umgang mit Gefangenen an.

Wie auch bei meinem kurzen Artikel zum Islam soll auch hier das Ziel darin bestehen, die Leserin und den Leser nicht zu belehren. Ich möchte Ihnen einfach eine neue Perspektive eröffnen. Wenn man einen anderen Menschen verstehen möchte, dann muss man versuchen, sich in seine Lage zu versetzen. Ich muss hier persönlich gestehen, dass ich am Anfang meiner Recherchen äußerst skeptisch, ja eher misstrauisch dem Nahen Osten und dem Islam gegenüber war. Doch je mehr ich mich mit den Menschen und ihrer Mentalität beschäftigt habe, desto besser konnte ich sie zumindest verstehen, auch wenn ich viele Positionen, die im Islam vertreten werden, nicht nachvollziehen kann.

Wer mehr über die Kreuzzüge erfahren möchte, dem empfehle ich das Buch ‚Die Kreuzzüge‘ von Thomas Asbridge. Es ist zwar recht umfangreich, aber es lässt sich wirklich angenehm lesen, ist also keine extreme wissenschaftliche Abhandlung über diese Zeit, verweist aber, ganz wissenschaftlich korrekt, immer auf Quellen und hat einen üppigen Anhang, der sich für weitere Nachforschungen anbietet. Außerdem setzt es so gut wie keinerlei Vorwissen voraus.

Ich bedanke mich für die Aufmerksamkeit!

Arabische Rhetorik