Über die Zeit – Teil 2

Bevor ich mit meinen eigentlichen Ausführungen beginne, will ich darauf hinweisen, dass ich nicht der erste Mensch bin, der sich mit diesem Thema auseinandersetzt und ich bin sicher nicht der erste Mensch, der einen unkonventionellen Zeitbegriff zu etablieren versucht. Man denke nur an Albert Einstein, der unser Verständnis von Raum und Zeit so gravierend verändert hat wie kaum ein anderer Mensch.

Grundsätzlich kann man sagen, orientiert sich mein Verständnis von Zeit auch an Einsteins Vorstellung von Zeit. Für Einstein war Zeit keine zweidimensionale Angelegenheit in Form eines Strahls. Für ihn war Zeit ein Raum und damit ein dreidimensionales Gebilde.

Doch was bedeutet das konkret?

Wenn Zeit auf einem Strahl stattfindet, so könnte man sich nur vor oder zurück bewegen. Man könnte nicht springen. Das hieße, Zeit läuft stets linear ab, theoretisch gesehen kann sie auch rückwärts ablaufen, aber dann ist es eben so, als würde man eine Videokassette zurückspulen – die Älteren werden sich erinnern.

Ist Zeit aber ein Raum, dann können wir uns innerhalb dieses Gebildes in allen drei Dimensionen bewegen. Das heißt, wir müssen nicht zwangsläufig eine Linie abwandern und sind nicht gezwungen uns vor oder zurück zu bewegen. Gleichzeitig wäre es möglich, innerhalb des Raumes zu springen.

Ich weiß, die Vorstellung, dass ein Raum voller Zeit sei und Zeit somit zu einer Art Äther wird, ist schwer vorstellbar. Aber das liegt auch nur daran, weil es für viele Menschen eine völlig neuartige Vorstellung ist. Wir sind durch unsere Sozialisation und durch unsere Bildung daran gewöhnt, Zeit auf einem Strahl wahrzunehmen.

Vielleicht kann man dieses Bild besser verstehen, wenn man sich vergegenwärtigt, dass ein Raum auch voller Sauerstoff sein kann. In dem Falle würden wir lauter kleine Moleküle des chemischen Elements in der Luft vorfinden. Theoretisch könnte man sich Zeit oder unterschiedliche Stadien derselben genauso als Moleküle vorstellen.

Aus dieser Vorstellung heraus ergeben sich noch andere interessante Ansichten.

In unserem Zeitverständnis neigen wir oft dazu, kausal-lineare Beziehungen aufzubauen. Wir glauben, es muss erst ein Ereignis (Aktion) geschehen, damit ein neues Ereignis (Reaktion) passieren kann. In den meisten Fällen mag dies stimmen, aber manchmal gibt es keine direkten Folgen. Manchmal ist der Zeitraum zwischen zwei Ereignissen, die eigentlich zusammenhängen, so groß, dass wir den Zusammenhang nicht erkennen können.

Auf einer gedachten Linie mit zwei Punkten, die jeweils für das Ereignis stehen, ist dieser Fehler nur allzu verständlich. In einem dreidimensionalen Raum hingegen, in dem jeder Zeitpunkt ein Molekül darstellt, kann dies nicht mehr so leicht passieren.

Dem geneigten Leser mag dies jetzt vielleicht fantastisch erscheinen und ich kann dies durchaus verstehen. Es hat auch einige Zeit gedauert, bis ich mich an diese Vorstellung gewöhnen konnte, aber in meinen Augen macht sie durchaus Sinn.

Die vielleicht größte Veränderung in unserer Zeitwahrnehmung besteht darin, dass wir eine Einteilung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht mehr vorzunehmen brauchen. In einem gedachten Raum, in dem Zeit sich in Molekülen befindet und diese Moleküle können sich frei in diesem Raum bewegen, gibt es keine konkrete Unterscheidung mehr zwischen Zeitebenen.

Im Grunde genommen passiert in einem solchen Konstrukt alles zur selben Zeit. Gleichzeitig kann sich auch jedes stattgefundene und noch stattfindende Ereignis aufeinander beziehen. Dies führt zu der paradoxen Überlegung, dass nicht allein die Vergangenheit die Zukunft beeinflusst, sondern die Zukunft beeinflusst die Vergangenheit.

Das einzige Problem an dieser These besteht lediglich darin, dass ich sie vermutlich niemals werde beweisen können. Denn um sicher aufzeigen zu können, dass die Zukunft die Vergangenheit beeinflusst, müsste ich in die Zukunft reisen können, diese willentlich verändern, dann wieder zurück in die Vergangenheit und überprüfen, ob diese sich verändert hat.

Allerdings ist es genauso schwer zu beweisen, dass die Vergangenheit die Zukunft beeinflusst, denn dafür müsste man in die Vergangenheit reisen, diese verändern und dann die Zukunft überprüfen.

Leider sind Zeitreisen noch nicht im technisch möglichen Bereich. Und vielleicht ist das auch besser so, denn man kann sich nicht sicher sein, wie viel Schaden man damit anrichtet, in dem man die Zeit beeinflusst.

Nebenbei bemerkt hat meine Version der Zeit auch den Nebeneffekt, dass es keinen Urknall gegeben haben muss. Zwangsläufig muss es nicht mal einen Anfang gegeben haben, weil alles zur gleichen Zeit passiert. Anders gesagt: Der Anfang ist das Ende und das Ende ist der Anfang. In einigen Mythologien gibt es dazu auch Bilder von Schlangen oder schlangenartigen Wesen, die sich selbst in den hinteren Teil ihres Körpers beißen.

Noch eine letzte Überlegung kommt mir zu diesem Thema in den Sinn: Leben wir in einer deterministischen Welt?

Kurz zur Erklärung: Grundsätzlich gibt es zwei entgegengesetzte Ansichten darüber, wie unsere Welt und das Fortschreiten der Dinge funktioniert. Die eine Theorie besagt, dass nichts vorherbestimmt ist und dass jede Aktion, also jede ausgeführte Handlung, auch eine Reaktion oder Konsequenz haben muss. Das andere Extrem ist der Determinismus, der davon ausgeht, dass wir letztlich vorgegebene Handlungen vollführen.

Man kann sich vollkommen berechtigt die Frage stellen, wie ein Determinismus funktionieren soll, denn wer bestimmt denn dann, wann was passiert? Religiöse Menschen neigen oft dazu, die Geschicke der Welt einem göttlichen Wesen andichten zu wollen. Dementsprechend unmöglich ist es auch, diese Theorie zu beweisen.

Ich weiß, dass meine Überlegungen sicher zunächst überfordern werden. Sie mögen auf den ersten Blick vielleicht unlogisch erscheinen, aber das mag allein daran liegen, weil sie uns so fremdartig erscheinen.

Ich danke für die Aufmerksamkeit!

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Über die Zeit – Teil 2

Über die Zeit – Teil 1

Es gibt vor allem in der philosophischen Diskussion Begriffe, die man bis zur Unendlichkeit besprechen kann. Zu ihnen zählen etwa das Glück, Moral und Vernunft. Meiner Ansicht nach lassen sich diese Begriffe vor allem deswegen so gut diskutieren, weil sie keine feste Definition haben.

Jeder Mensch hat eine andere Moral und eine andere Vorstellung von Glück. Für einen Menschen besteht das Glück darin, seine Kinder jeden Abend zu Bett zu bringen und ihnen eine Geschichte zu erzählen. Für einen anderen Menschen besteht das Glück aber vielleicht darin, älteren Menschen zu helfen, sie zu pflegen und bis zu ihrem Lebensende zu begleiten. Für den einen Menschen ist es moralisch vollkommen in Ordnung, abzutreiben und für einen anderen Menschen kommt es einem Mord gleich, ein Ungeborenes im Mutterleib zu töten.

Doch ich möchte hier einen Begriff besprechen, der de facto eine Definition besitzt, der aber dennoch kaum greifbar zu sein scheint: die Zeit.

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Je nachdem aus welchem Fachbereich man kommt, gibt es vollkommen unterschiedliche Definitionen und Vorstellungen von Zeit. Ein Psychologe beispielsweise kennt die Erlebniszeit, also die bewusst erlebte Zeit eines Menschen, aber auch die objektive Zeit, die sich durch Veränderungen in der Natur zeigt. Für einen Physiker ist die Zeit lediglich eine Größe, die man in unterschiedlichen Messeinheiten ausdrücken kann. In der Ökonomie kann die Zeit sogar zu einem Wertgegenstand werden.

Für einen „normalen“ Menschen ist Zeit aber wohl einfach ein Abschnitt von Ereignissen. Eingeteilt oftmals in drei willkürliche Kategorien namens Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Doch allein hier ergeben sich schon Probleme.

Ab welchem Zeitpunkt kann ich von Zukunft sprechen? Ist die Zukunft mir gewissermaßen immer eine Sekunde voraus und die Vergangenheit liegt immer eine Sekunde zurück, sodass die Gegenwart aus einer einzigen Sekunde besteht? Oder müssen wir diese beiden Begriffe weiter ausdehnen, sodass der vergangene Tag die Vergangenheit und der kommende Tag die Zukunft darstellt?

Hier begegnet uns ein Problem, das viele Historiker kennen. Denn auch in der Geschichte, selbst in der Retrospektive, ist es in vielen Fällen nicht möglich, einen konkreten Zeitpunkt festzulegen, ab dem sich ein bestimmter Prozess in Bewegung gesetzt hat. Ganz konkret gibt es dieses Problem etwa in der Epochenbeschreibung.

Man kann zum Beispiel keinen konkreten Zeitpunkt festlegen, ab dem man vom Mittelalter oder der Aufklärung spricht. Selbst Ereignisse wie Kriege, bei denen man vermuten könnte, dass sie einen konkreten Start- und Endpunkt haben, lassen sich nicht immer so klar umreißen, denn oftmals gab es vor oder nach einer offiziellen Kriegserklärung bereits Scharmützel.

Aber auch im Alltag begegnen uns solche Probleme manchmal. Wir hantieren zwar mit Jahreszeiten, aber wir können auch keinen konkreten Zeitpunkt feststellen, ab dem es Winter oder Sommer ist. Genauso wenig können wir für uns selbst sagen, aber wann wir erwachsen sind. Es gibt vom Gesetzgeber eine Vorgabe, dass man ab dem 18. Lebensjahr erwachsen ist, aber deswegen wird kein Schalter in einem Menschen umgelegt.

Mir ist wichtig, all diese Beispiele ganz konkret anzusprechen, weil wir uns bezüglich der Zeit und ihrer Einteilung oftmals auf sehr dünnem Eis bewegen und dadurch erzeugen wir in uns selbst die Illusion, dass wir Zeit hätten oder über sie verfügen. Auch der Umgang mit Zeitabschnitten, die wir in Sekunden, Stunden oder Tagen einteilen, täuscht lediglich darüber hinweg, dass wir keinerlei Kontrolle über den Fortgang der Ereignisse haben. Aber gleichzeitig zeigen diese Versuche auch, dass wir gern Kontrolle hätten.

Aber es gibt noch eine weitere Sache, die diese Einteilung mit sich bringt.

Wir betrachten Zeit stets linear mit einem Anfangs- und einem Endpunkt. In der Schule, vor allem im Geschichtsunterricht, gibt es dieses geflügelte Wort des Zeitstrahls. Ich hatte mich schon damals oft gefragt, wie man Zeit auf einer Linie darstellen soll. Natürlich kann man dadurch gewählte Ereignisse in einer gewissen Relation zueinander darstellen, aber was passiert, wenn wir dies tun?

Wir verlieren den Blick für das Große und Ganze.

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Ich vergleiche dies gern mit einem Betrachter in einem Museum. Stellen wir uns vor, wir stehen vor einem Gemälde. Betrachten wir Zeit in einem Strahl, ist es so, als würden wir durch dünne Röhren auf das Bild blicken. Wir werden niemals das Bild in seiner Gesamtheit erkennen, stattdessen werden wir Abschnitte erblicken, die wir dann mehr oder weniger gut in unserem Kopf zusammensetzen.

Während meiner Recherchen zu diesem Thema habe ich nach einer anderen Vorstellung von Zeit gesucht, allerdings gibt es bislang nur die lineare und die zyklische Zeiteinteilung.

Zyklische Zeit bedeutet, dass sich Zeit nicht mit Uhren oder Messeinheiten, sondern sich mit Zyklen einteilen lässt. Vor allem Naturvölker und auch unsere Vorfahren hatten solch ein Zeitverständnis. Während wir einen Tag mit 24 Stunden definieren, war für unsere Vorfahren ein Tag vom Sonnenauf- bis zum Sonnenuntergang definiert.

Aber selbst zyklische Zeit ist letztlich eine andere Betrachtung von linearer Zeit, denn auch in einem Zyklus möchten wir einen Beginn und ein Ende ausmachen.

Wer mir bis hierher gefolgt ist, wird sich jetzt vermutlich fragen, wie man Zeit denn sonst definieren soll? Doch diese Frage möchte ich erst im nächsten Teil beantworten.

Stattdessen möchte ich noch ein paar Beispiele erwähnen, die mit unserem linearen Zeitverständnis zusammenhängen.

Die Frage danach, ob zuerst das Huhn oder das Ei da war, ist vielleicht das berühmteste Beispiel für die Schwierigkeit, Ereignisse linear zu ordnen. In unserer Vorstellung muss entweder das Tier oder das Ei zuerst dagewesen sein.

Auch die wissenschaftliche Erklärung für die Entstehung der Erde funktioniert ohne ein lineares Zeitverständnis nicht, denn man geht davon aus, dass es einen Beginn – den Urknall – und irgendwann auch ein Ende geben wird.

Wie sich die Sicht auf die Welt verändern kann, wenn man sich über dieses lineare Zeitverständnis hinausbewegt, zeige ich im nächsten Teil.

Über die Zeit – Teil 1

Nordische Philosophie (und Mythologie) – Teil 3

Wie es in der Überschrift bereits angedeutet ist, soll es in diesem dritten Teil vor allem um die Philosophie der Nordmänner gehen, nachdem es in den vergangenen beiden Texten hauptsächlich um die Mythologie ging. Aber keine Sorge, dies wird keine trockene Abhandlung über philosophische Grundsätze. Ein solches Vorgehen würde auch nicht sonderlich zu den Menschen passen, die an die nordischen Götter geglaubt haben.

Zunächst einmal möchte ich auf das typische Denken dieser Menschen eingehen. Es mag zunächst banal erscheinen, denn inwiefern sollen diese Menschen denn anders gedacht haben als wir?

Wie ich bereits im zweiten Teil angedeutet habe, sahen die Menschen des Nordens beispielsweise zwischen Leben und Tod keine strikte Trennung. In ihrer Vorstellung entsprachen die Geburt und das Sterben einem Kreislauf. Genau dies mag ein kleiner aber sehr gewichtiger Unterschied sein, denn die Nordmannen waren umgeben von Zyklen und deswegen finden sich diese Kreisläufe auch immer wieder in ihrem Denken.

Dabei müssen es nicht einmal so abstrakte Zyklen sein wie die Wiedergeburt. Selbst so einfache Dinge wie die Jahreszeiten stellen bereits einen Zyklus dar. Wir hantieren zwar mit vier Begriffen, aber es ist dennoch nicht möglich einen speziellen, festgelegten Zeitpunkt auszumachen, ab wann man immer vom Sommer sprechen kann. Vielmehr gehen die Jahreszeiten fließend ineinander über.

Noch viel eindrücklicher sind die Mondphasen. Dazu muss man wissen, dass der Mond für die Nordmannen der vielleicht wichtigste Himmelskörper war, denn viele Feste richten sich nach dem Mondzyklus aus.

Im Unterschied zum modernen Menschen besaßen die Menschen des Nordens kaum Dualismen. Ich hatte das ebenfalls im zweiten Teil angesprochen und will es hier noch einmal etwas ausführlicher darstellen.

Unsere moderne Welt ist voller Gegensätze: Gut und Böse, Arm und Reich, Schön und Hässlich, Dick und Dünn, Weiß und Schwarz, Groß und Klein. Wir scheinen uns ständig zwischen zwei extremen Polen zu bewegen und diese Art des Denkens hat auch unsere moderne Welt beeinflusst. Es ist kein Zufall, dass der christliche Glaube Himmel und Hölle kennt, die die Entsprechungen der Dualismen von Gut und Böse sind. Es ist auch kein Zufall, dass die Maschine, auf der ich gerade diesen Text eintippe, auch nur die beiden Dualismen aus 0 und 1 kennt. Und es ist ebenfalls kein Zufall, dass wir viele Fragen immer pauschal mit einem Ja oder einem Nein beantworten wollen.

Wie gesagt scheint dieser Unterschied eher klein zu sein, aber in meinen Augen ist er entscheidend.

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Der wohl wichtigste Zyklus, den ich bereits angedeutet hatte, ist der des Lebens. Ähnlich wie wir es in vielen asiatischen Glaubensvorstellungen sehen können, begriffen die Nordmänner den Tod eines Lebewesens nicht als dessen endgültiges Ende.

Wie bereits im zweiten Teil beschrieben gab es für Tote grundsätzlich zwei Wege: Starb man in der Schlacht, so kam man nach Walhalla. Starb man außerhalb des Kampfes so kam man nach Helheim. Viele Menschen mögen jetzt wieder dualistisch denken und glauben, dass es in Walhalla besser sei als in Helheim, aber laut den Sagen stimmt dies nicht. In beiden Totenwelten wurden die Toten recht gut umsorgt.

Von Walhalla wissen die meisten Menschen, dass es sich dabei um eine große Halle handeln soll, in der es immerzu Speis und Trank gibt und die eingekehrten Krieger, die dann auch als Einherjer, was so viel wie ehrenvoll Gefallener bedeutet, bezeichnet werden, feiern dort letztlich ein großes Fest. Das Feiern eines Sieges war zu der damaligen Zeit ein durchaus übliches Ritual, weswegen es nicht verwunderlich ist, dass man selbst den Gefallenen einer siegreichen Schlacht diese Belohnung nicht verwehren möchte.

Bezüglich Helheims gibt es unterschiedliche Vorstellungen. In jedem Fall wird das Reich der Toten als ein kalter und eigentlich wenig einladender Ort beschrieben. Leider kann man nicht mehr mit großer Sicherheit nachvollziehen, ob diese Beschreibung in Verbindung mit dem christlichen Bild der Hölle steht. Zeitweise, vor allem zurzeit der Christianisierung des Nordens, war Helheim tatsächlich mit der christlichen Hölle gleichgesetzt. Aus dieser Zeit stammt auch die Überzeugung, die heute noch immer von einigen Menschen vertreten wird, dass die Unterwelt kein Ort der Wiederkehr sei.

Einigen Quellen zu Folge, aber auch diese seien mit Vorsicht zu genießen, denn auch hier kann man nicht sagen, wie weit der christliche Einfluss reicht, soll es in Helheim auch einen Bereich für Mörder und andere Schwerverbrecher gegeben haben, an dem sie dann bestraft werden.

Hält man sich allerdings an die überlieferten Sagen und Legenden, und bedenkt man, dass es zwischen den Nordmännern und den Menschen, die im heutigen Raum Indiens leben, gewisse Überschneidungen gibt – etwa der Glaube von einem Urwesen, aus dem die Welt geschaffen wird oder allein der Umstand, dass sie dem indoeuropäischen Sprachraum angehörten -, kann man durchaus davon ausgehen, dass sie an eine Form der Wiedergeburt geglaubt haben müssen.

Folgt man den Sagen, erkennt man eine gewisse Ähnlichkeit zum Glauben an eine Seelenwanderung wie sie auch in der Vorstellung der antiken Griechen existierte. Wenn ein Mensch stirbt, löst sich seine Seele gewissermaßen vom Körper und er wird zu einer Art reinen Energie. In der griechischen Vorstellung kam diese Seele in den Hades und wurde dort im Fluss der Unterwelt gereinigt, sodass sie alle Erinnerungen und Verbindungen an ihr vorheriges Leben wieder vergas.

In der nordischen Vorstellung geschah dies in Niflheim. Hier wurde die Seele aber nicht nur gereinigt, es kam auch zu einer Art Urteilsprozess. Dieser ging allerdings nicht von einem richtenden Gott aus, vielmehr nahm die Seele eine objektive, vogelperspektivenartige Stellung ein. Dies war ebenso wichtig wie die Reinigung, damit die Seele neu und völlig unbelastet wiederkehren konnte.

Anhand dieser Vorstellung sieht man auch wieder wunderbar den Mangel an dualistischem Denken, denn dieser Urteilsprozess diente eben nicht dazu, den Verstorbenen entweder in die Kategorie des Guten oder des Bösen zu stecken. Gedacht war dieser Prozess vermutlich eher als eine Art Weiterentwicklungsprozess, eine stille Reflexion über das eigene Sein. Wenn dieser Ablösungsprozess vom alten Leben abgeschlossen war, kehrte die Seele schließlich in Helheim ein, wo sie von Hel bewirtet wurde und auf ihre Wiedergeburt wartete.

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Walhalla (https://de.wikipedia.org/wiki/Walhall#/media/File:Walhall_by_Emil_Doepler.jpg)

Passend zum Zyklus des Lebens besaßen die Nordmänner, auch wieder ähnlich zu den Griechen, Schicksalgöttinnen. In der griechischen Mythologie nannten sich diese Moiren und es waren drei Frauen. In der nordischen Mythologie nennen sie sich Nornen und sind ebenfalls drei Frauen.

Der Sage nach spinnen sie den Faden eines jeden Lebens. Sie leben an einer der drei Quellen, die sich an der Wurzel von Yggdrasil befinden. Ihre Personen stehen jeweils für die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Urd, was so viel wie Schicksal bedeutet und gleichzeitig der Name der Quelle ist, an der die Nornen leben, stellt die Vergangenheit dar. Verdandi, das Werdende, stellt die Gegenwart dar und Skuld, die Schuld, stellt die Zukunft dar.

Neben der Vorstellung, dass die Nornen den Faden des Lebens spinnen, gibt es auch die Vorstellung, dass sie Runen dazu einsetzen, das Schicksal eines jeden Menschen zu bestimmen. Von der Vorstellung des Fadens stammt übrigens auch der Ausspruch, dass das Leben am seidenen Faden hängt.

Obwohl es jetzt so wirken mag, als wäre das Schicksal, oft als Wyrd oder Wurd bezeichnet, feststehend und unabänderlich, stimmt dies nicht. Denn die Nordmänner begriffen das, was wir heute als Schicksal bezeichnen, eher als eine Art Reaktion des Kosmos oder der höheren Mächte auf jede Aktion eines Lebewesens.

Die Nornen mochten zwar eine Art Zukunft sehen können, aber diese musste deswegen nicht unbedingt eintreffen. Dies unterscheidet die nordische Mythologie sehr stark von allen anderen und bekannten Mythologien Europas. Denn sowohl in der griechischen, römischen als auch ägyptischen Mythologie, wenn man diese noch zu Europa zählen will, wird das Schicksal oder die Zukunft als unveränderlich betrachtet.

Angesichts der Tatsache, die ich bereits im zweiten Teil angesprochen habe, dass die Götter in der Vorstellung der Nordmannen keine allmächtigen und allwissenden Wesen waren, verwundert diese Vorstellung des Schicksals allerdings kaum.

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Nornen spinnen das Schicksal (https://de.wikipedia.org/wiki/Nornen#/media/File:Nornorna_spinner_ödets_trådar_vid_Yggdrasil.jpg)

Ein Gegensatz hierzu, für den ich auch keine wirkliche Erklärung habe, ist die Vorstellung von Ragnarok oder Ragnarök, dem Ende der Welt. Gegensätzlich ist diese Vorstellung vor allem deswegen, weil sie ein festgeschriebener und unabänderlichen Ablauf darstellt, was passieren wird, wenn das Weltenende kommt.

Ragnarök bedeutet, entgegen der weit verbreiteten Meinung, nicht Götterdämmerung, sondern viel mehr Schicksal der Götter. Diese Fehlübersetzung mag auf den Komponisten Richard Wagner zurückgehen, der eines seiner Stücke, das eben Ragnarök behandeln soll, als Götterdämmerung betitelt hat.

Ich möchte jetzt nicht haargenau schildern, was genau passiert. Wer sich dafür interessiert, findet hier eine kurze Beschreibung der Ereignisse. Was meiner Ansicht nach noch wichtig zu sein scheint, ist der Umstand, dass das Ende der Welt eben nicht das vollständige Ende ist. Laut der Sage wird es drei Jahre Kampf und einen ebenso langen Winter geben und dann wird die Welt gewissermaßen wieder auferstehen.

Einige Leute sehen in Ragnarök ebenfalls einen Zyklus, denn möglicherweise, so deren Interpretation, passiert dies in regelmäßigen Abständen immer wieder. Der einzige Mangel an dieser Theorie scheint zu sein, dass sie keinerlei Erklärung dafür liefern, wie der ursprüngliche Zustand vor Ragnarök wiederhergestellt wird, denn das Weltenende ist zugleich auch das Ende für einige Götter.

Und damit habe ich alles niedergeschrieben, was ich zum breiten Thema der nordischen Mythologie zu berichten weiß. Natürlich waren meine Ausführungen nicht erschöpfend, gerade bezüglich der einzelnen Götter und deren Funktionen. Allerdings kann man diese drei Artikel als eine Art Einführung in das Thema betrachten.

Aus diesem Grund möchte ich am Ende noch ein paar weiterführende Literaturhinweise geben. Wer sich mehr über die Götter informieren möchte, dem empfehle ich Ásatrù: Die Rückkehr der Götter. Gerichtet ist dieses Werk eigentlich an all jene Menschen, die den Glauben an die nordischen Götter erforschen wollen, aber selbst wenn man nicht an sie glauben möchte, kenne ich kein Buch, das ausführlicher über die einzelnen Götter informiert als dieses Werk.

Wer sich mit der eigentlichen Sage auseinandersetzen möchte, dem sei eine der kommentierten Fassungen der Edda empfohlen wie etwa diese. Ich würde davon abraten, eine unkommentierte Fassung zu lesen, weil man dann möglicherweise nicht alles verstehen wird. Man darf nicht vergessen, dass diese ganzen Legenden an die 1.000 Jahre alt sind. Und jeder, der schonmal versucht hat, eine Bibel zu lesen, wird wissen, dass das gar nicht so leicht ist ohne das nötige Hintergrundwissen.

Wer sich mehr mit den Runen und dem Orakeln beschäftigen will, dem seien diese beiden Bücher empfohlen: Wer es wissenschaftlicher mag, wird sicher in Krauses Runen: Geschichte – Gebrauch – Bedeutung etwas finden und wer es etwas Esoterischer mag, dem sei Runen: Zauberzeichen der Germanen empfohlen.

Dann bedanke ich mich für die Aufmerksamkeit!

Nordische Philosophie (und Mythologie) – Teil 3

Nordische Mythologie – Teil 1

Ich habe lange überlegt, wie ich diesen Artikel überschreiben soll, denn es ist schwer, eine klare Trennung zwischen einer germanischen oder nordisch-skandinavischen Philosophie und Mythologie zu machen. Oftmals wird eine Trennung zwischen beiden Weltanschauungen suggeriert, allerdings besteht diese meistens eher in Details – vor allem die Namen der Gottheiten unterscheiden sich, aber die grundlegenden Gedanken sind nahezu identisch. 

Aber wie bin ich eigentlich zu diesem Thema gekommen? 

Ich hatte schon immer ein gewisses Interesse für mythologische Themen. Natürlich ist es wesentlich leichter, etwas über die griechische oder römische Mythologie zu erfahren, einfach weil dort wesentlich mehr überlieferte Quellen existieren, die man vor allem heute auch noch verstehen kann. 

Schauen wir etwa nach Ägypten, so haben wir durchaus schriftliche Quellen, die man auch durchaus versteht, bei denen man sich aber nicht sicher sein kann, ob sie immer vollständig vorliegen. In manchen Fällen weiß man sogar sehr sicher, dass bestimmte Texte schlichtweg verloren gegangen sind. 

Die lateinische Sprache hat sich im Gegensatz zu den Hieroglyphen aber bis heute erhalten und man kann sie auch noch in Schulen lernen. Ähnliches kann man auch über das Altgriechisch sagen, das Theologen heute im Studium noch lernen müssen. Dementsprechend sicher kann man sich bei den Quellen der jeweiligen Mythologien sein. 

Viel schwieriger sieht es aber bei nordischen Mythen aus, denn die Germanen und andere sogenannte Barbaren haben uns kaum Schriften hinterlassen. Es gibt zwar einige Runensteine beispielsweise, aber die sind in ihrem Umfang nicht mit den Überlieferungen aus dem Mittelmeerraum zu vergleichen. 

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Runenstein Karlevi (http://grosssteingraeber.de/media/Fotos/Schweden/Kalmar/Oeland/P1110580karlevi.jpg)

Meine allererste Berührung mit der nordischen Mythologie bestand mit dem Lesen eines Artikels zu Yggdrasil. Ich denke, viele andere Menschen werden andere Berührungspunkte haben, sei es durch die Comicfigur Thor oder vielleicht auch durch Tolkiens Werke, die sehr stark von den nordischen Erzählungen geprägt worden sind. 

Yggdrasil wird gern als Weltenbaum oder fälschlicherweise als Weltenesche übersetzt. Falsch ist diese Übersetzung deswegen, weil das Wort wortwörtlich auf eine Eibe und nicht auf eine Esche verweist. Das spielt für den mythologischen Kontext eine Rolle. Er ist im Grunde eine Metapher oder die Vorstellung der nordischen Weltanschauung. Damit ist aber nicht die Welt in Form der Erde gemeint, diese Vorstellung geht wesentlich weiter. 

Es gibt bezüglich seiner Gestaltung zwei Vorstellung: Die am weitest verbreitete und eigentlich auch am ehesten anerkannte Vorstellung spricht von neun unterschiedlichen Welten, die sich in Yggdrasil wiederfinden und bei denen die Welteneibe eine Art Verbindung darstellt. Bildlich kann man es sich ungefähr so vorstellen, dass jede Welt auf einem Ast oder im Wurzelwerk liegt und die Äste zusammen mit dem Stamm stellen eine Verbindung her. 

Eine andere Vorstellung, die vor allem durch das Aufkommen der Quantenphysik entstanden ist, beschreibt Yggdrasil als eine Verbindung unendlich vieler Welten. Diese Interpretation geht davon aus, dass die neun namentlich bekannten Welten letztlich nur Beispiele für eine viel größere Zahl waren. Somit hat man in dem mythologischen Weltenbaum eine Art Metapher für das gefunden, was die Quantenphysik mit ihrer Mehrdimensionalität ebenfalls zum Ausdruck bringt. 

 

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Yggdrasil und seine Welten (https://www.pinterest.de/pin/404549979005016086/)

Zur Entstehungsgeschichte der Welt, auf der wir Menschen leben, gibt es zwei Versionen. Eine finden wir in der älteren Lieder-Edda und eine andere Version findet sich in der jüngeren Prosa-Edda.

Glaubt man den Nordmännern, so gab es am Anfang die sogenannte Ginnungagap, die meistens als Spalt oder Riss übersetzt wird. Dieser Riss diente als Grenze zwischen dem feurigen Muspellsheim und dem eisigen Niflheim. Durch das Feuer Muspellsheim kam es vor, dass ganze Gletscher schmolzen und das Schmelzwasser im Ginnungagap verschwand.

Im Punkt des Entstehens eines ersten Lebewesens unterscheiden sich nun beide Versionen voneinander. In der Lieder-Edda taucht plötzlich der Riese Ymir auf. Es gibt schlichtweg keine Erklärung, woher er stammt. In der Prosa-Edda aber wird erklärt, dass das Schmelzwasser aus Niflheim in die Ginnungagap floss und so, aus dem Kampf zwischen dem heißen Feuer und dem eher kalten Wasser, entstand Ymir.

In beiden Versionen wiederum wird dieser als der Urriese bezeichnet. Er wird als zweigeschlechtliches Wesen beschrieben, kann also ohne einen Partner andere Lebewesen hervorbringen. In beiden Versionen erschafft Ymir auch einen Sohn und eine Tochter, sowie einen weiteren sechsköpfigen Jungen. Lediglich die Prosa-Edda schreibt noch etwas zu dem sechsköpfigen Jungen. So sollen sich aus ihm die Urzeitriesen entwickelt haben. Beide Versionen wissen allerdings nicht weiter darüber zu berichten, was aus dem anderen Jungen und dem Mädchen wurde.

In der Prosa-Edda gibt es noch eine Urkuh mit dem Namen Audhumbla. Sie hatte zwei Funktionen: Einerseits ernährte sie Ymir und andererseits leckte sie aus einem Stein einen Mann namens Buri frei. Dies geschah innerhalb dreier Tage, wobei am ersten Tag lediglich die Haare, am zweiten Tag der Kopf und erst am dritten Tag der ganze Körper zu sehen war.

Dieser Buri wiederum zeugte einen Sohn mit dem Namen Burr und dieser wiederum zeugte mit der Riesin Bestla die drei Götter Odin, Vili und Ve.

Möglicherweise wurde der Abschnitt Audhumblas der Prosa-Edda allein deswegen hinzugefügt, weil sich aus der Lieder-Edda eine Lücke ergibt zwischen dem Riesen Ymir und der Entstehung der Götter.

Was mich zu einem Problem führt, dass ich noch erwähnen sollte.

Wie ich bereits geschrieben hatte, ist die Quellenlage bezüglich der Mythologie etwas dürftig. Zwar gibt es die beiden oben genannten Niederschriften, bei denen man aber nicht vergessen darf, dass sie einerseits einige Zeit nach den eigentlichen Lebzeiten derer entstanden sind, die an diese Dinge glaubten und damit darf man auch nicht vergessen, dass die Verfasser dieser Werke möglicherweise ihre eigenen Wertvorstellungen mit in die Texte einbrachten.

Im Falle der Prosa-Edda, die von einem Isländer namens Snorri Sturluson verfasst wurde, vermutet man etwa, dass durchaus auch christliche Einflüsse in dem Werk vorkommen könnten.

So berichtet Sturluson davon, dass die aus Ymirs sechsköpfigem Jungen hervorgegangenen Urzeitriesen nach der Entstehung des Meeres aus dem Blut des Riesen ertrunken seien. Umstritten ist diese Theorie vor allem deswegen, weil sie zu sehr an die christliche Sintflut erinnert und es in der Lieder-Edda keinerlei Hinweis auf ein derartiges Ereignis gibt. Auch später wird nie wieder in irgendeiner Form ein Bezug zu einer Sintflut gemacht.

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Urkuh nährt Ymir und leckt Buri frei (https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=639093)

In jedem Falle jedoch töteten Odin, Vili und Ve den schlafenden Riesen und aus seinem Körper bauten sie die Welt. Die Erde wurde aus seinem Fleisch geformt, das Meer aus seinem Blut, Felsen und Gebirge waren einst Ymirs Knochen, die Bäume waren sein Haar, die Augenbrauen wurden zu Midgard, der Himmel wurde aus Ymirs Schädel geschaffen und die Wolken aus seinem Gehirn.

Diese Vorstellung mag für einen Europäer des 21. Jahrhunderts zunächst sehr martialisch wirken, allerdings gibt es auch in anderen Kulturen ähnliche Vorstellungen. In Indien etwa gibt es die Vorstellung eines Urmenschen Purusha aus dem die Welt hervorging.

Abhängig von den herangezogenen Quellen wird beispielsweise in der Ginnungagap auch eine Art Urvagina gesehen, aus der alles heraus geboren wurde. Dies passt zu der allgemeinen Vorstellung dieser Völker, dass das Weibliche schon immer das Leben hervorgebracht hat, also betrachtete man diesen Spalt oder Riss möglicherweise auch als etwas rein Weibliches. Wenn man diese Idee weiterspinnt, und manche Autoren tun das, kann man in dem geschmolzenen Eis Niflheims gewissermaßen auch eine Art Ursperma sehen, das letztlich Ginnungagap befruchtet hat.

Ob es die betreffenden Völker tatsächlich so gesehen haben, ist allerdings bis heute fraglich.

Fortsetzung folgt …

 

 

Nordische Mythologie – Teil 1

Die (fremde) Welt des Schamanismus – Teil 1

Ich hatte ja in meinem letzten Artikel bereits angekündigt, dass ich mich mit Themen beschäftige, die den meisten Menschen wohl recht exotisch erscheinen. Und ich glaube auch, dass dieses Thema exotisch ist. Angesichts unserer, also der europäischen, Geschichte ist das auch nicht weiter verwunderlich, denn der Schamanismus ist das, was die Kirche lange Zeit als Ketzerei oder Heidentum gebrandmarkt hatte. Mit der Folge, dass alle Menschen, die derartige Praktiken vollzogen oder daran glaubten, getötet oder zwangsweise konvertiert wurden.

Umso interessanter erscheint es mir aber, sich jetzt wieder mit diesen Dingen zu beschäftigen. Denn den Schamanismus findet man überall auf der Welt. Viele Menschen mögen die klischeehafte Vorstellung haben, dass es solche Glaubensrichtungen – ich würde es eher als eine Philosophie bezeichnen – nur in Mittel- und Südamerika gibt. Die Wahrheit ist aber, dass es den Schamanismus überall in Europa gab, heute findet man ihn vor allem in Osteuropa und bei den Samen im Norden Skandinaviens. Aber es gibt auch durchaus schamanische Tendenzen in Nordamerika, und hier seien nicht nur die Ureinwohner gemeint, oder beispielsweise, auch zu meiner eigenen Überraschung, in Japan und Südostasien.

Was wirklich faszinierend an diesem Phänomen ist, ist die Tatsache, dass der Schamanismus in seinen Grundzügen überall nach den gleichen „Regeln“ zu funktionieren scheint. Und ich meine, es ist schon irgendwie komisch, dass Schamanen in Australien sich nicht sonderlich groß von Kollegen in Europa oder Nordamerika unterscheiden. Immerhin liegen hier mehrere Meere und Kontinente zwischen ihnen.

Natürlich sind die feinen Details und die einzelnen Bezeichnungen der jeweiligen Kulturen anders. In Australien beispielsweise wird ein Fels angebetet, den Ayers Rock oder Uluru, was in den Gebieten Nordamerikas, in denen die Steppe vorherrscht, natürlich eher weniger gut funktioniert. Aber die groben Züge, wie etwa der Respekt vor allen Lebewesen und der Glaube, dass Geister eine wichtige Rolle im Leben der Menschen spielen, haben alle schamanischen Richtungen gemeinsam.

Doch zuerst will ich kurz erklären, wie ich eigentlich zu dem Thema gekommen bin, weil es eine eher kuriose Geschichte ist, die ich mir selbst nicht wirklich erklären kann. Tatsächlich habe ich einen Fantasy-Roman gelesen, in dem Schamanen eine wichtige Rolle spielten. Da wurden auch viele Dinge benutzt und erwähnt, die es im „echten“ Schamanismus tatsächlich gibt, also die Anrufung von Geistern oder die Lehre von den Elementen, aber ich habe mich irgendwie dennoch gefragt, wie viel Wahrheit in diesen Beschreibungen denn wirklich steckt. Ich kann nicht mal erklären, wieso ich dieses Interesse entwickelt habe, denn vorher habe ich mich für Dinge, die in irgendeiner Form mit dem Glauben an übernatürliche oder geisterhafte Erscheinungen in Verbindung stehen, selten bis gar nicht ernsthaft interessiert.

Ich habe zwar ein gewisses Faible für okkulte Dinge, aber nicht unbedingt, weil ich wirklich daran glaube. Es ist viel eher, weil mich das vermeintlich Böse, das hinter diesen Dingen oftmals vermutet wird, fasziniert und weil ich der Ansicht bin, dass es das Böse nicht gibt.

Wahrscheinlich bin ich schlichtweg zu sehr Atheist, um daran glauben zu können, dass es so etwas wie Geister geben kann. Sehr wohl respektiere ich aber Kulturen, in denen es eine Ahnenverehrung gibt, wie wir sie beispielsweise bei den Asiaten antreffen können. Doch für mich war das Konzept, dass mein Groß- oder Urgroßvater mich beobachten und irgendwie meine Wege beeinflussen könnte, sehr suspekt.

Allerdings muss ich auch gestehen, dass sich dieses Verhältnis nach der Beschäftigung mit dem Schamanismus nur ein wenig verändert hat, ich sehe die Sache jetzt etwas entspannter, aber ich kann einfach nicht daran glauben, dass meine Ahnen mich irgendwie beobachten.

Jedenfalls habe ich, wie es wohl viele junge Menschen heute machen, erst einmal bei Wikipedia und allgemein im Netz gestöbert. Immer eine gute Vorgehensweise um herauszufinden, ob ein Thema genügend Stoff hergibt. Und als ich feststellen musste, dass es wirklich interessant ist, habe ich mir von Michael Harner das Buch Der Weg des Schamanen: Das praktische Grundlagenwerk zum Schamanismus besorgt, einfach weil es als das Standardwerk angepriesen wurde, wenn man sich mit diesem Thema auseinandersetzen möchte, vor allem auch weil es eben den core-shamanism, also die grundlegendsten Grundlagen des Schamanismus behandelt und deswegen auch ein idealer Einstieg für einen Menschen darstellt, der mit dem Thema sonst keine Berührungen hat.

Ich will aber auch gleich vorweg schicken, dass ich keinesfalls ein Experte in diesem Thema bin, da ich zu keiner Zeit die Möglichkeit hatte, zu einem Stamm von Menschen zu reisen, der den Schamanismus praktiziert, im Gegensatz zu Michael Harner, der lange Zeit mit solchen Menschen verbracht hat und gerade wegen diesen Menschen erst einmal auf die Idee gekommen ist, so beschreibt er es auch in dem Buch, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Eigentlich ging es ihm aber eher darum, die religiösen Vorstellungen dieser Menschen besser verstehen zu wollen.

Aus diesem Grund kann man allgemein schon sagen, dass der Schamanismus zum Teil eine Religion ist in dem Sinne zumindest, dass man einen gewissen Glauben besitzt. Nur beschränkt sich eben dieser Glaube nicht auf einen Punkt, den man dann Gott oder Allah nennt. Vielmehr sieht ein Schamane in jedem Lebewesen, egal ob Tier oder Pflanze, ein Stück Göttlichkeit, um es in unseren westlichen Worten auszudrücken.

Dieser Umstand beispielsweise hat mich sehr an den Buddhismus erinnert und während meiner Internetrecherche habe ich auch immer wieder in verschiedenen Foren gelesen, dass es teilweise große Überschneidungen zwischen dem Buddhismus und dem Schamanismus gibt.

Und eine weitere wichtige Überschneidung ist die Art der praktischen Umsetzung. Während ein Christ also beispielsweise bestimmte Rituale vollzieht, er betet, geht zur Kirche, unternimmt der Schamane meist sogenannte schamanische Reisen, die sich am ehesten mit der Meditation im Buddhismus vergleichen lassen. Jetzt denken viele Menschen wohl, dass sich diese Leute dann zu dröhnen mit irgendwelchen Drogen. Ja, solche Praktiken gibt es durchaus. Harner beschreibt es auch in seinem Buch und bei seinem ersten Erlebnis, bei dem er tatsächlich etwas getrunken hat, dass drogenähnliche Wirkungen auf ihn hatte. Aber er beschreibt eben auch, dass eine Vielzahl von schamanischen Praktiken gibt, die keinerlei Drogen bedürfen.

Wenn man keine Drogen nehmen will, kann man sich auch mit Musik in einen Zustand versetzen, der einem die schamanische Reise ermöglicht. Im Grunde handelt es sich dabei um einfache Trommelmusik, manchmal kombiniert mit einer Rassel. Im Buch wird immer wieder darauf verwiesen, dass man sich einen Partner suchen solle, der eine Trommel schlagen kann, aber mittlerweile gibt es auch viele digitale Möglichkeiten, so etwas umzusetzen. Tatsächlich gibt es sogar für iOS – bei Android finden sich sicher weitaus mehr Angebote – Apps, die das schamanische Trommeln anbieten.

Aber bevor man sich jetzt solche Apps herunterlädt oder bei Streaming-Diensten nach Alben mit solcher Musik sucht – ja, die gibt es tatsächlich auch -, sollte man erst einmal verstehen, wie diese Reise genau funktioniert, denn mit dem Hören der Musik ist es nicht getan.

Zuerst einmal muss man seinen Kopf und seine Gedanken von allem befreien. Man darf an nichts denken, keine Sorgen dürfen die Gedanken irgendwie vernebeln. Allein das zu bewerkstelligen, stellt für manche Menschen schon eine gewisse Hürde dar, denn wann man im Leben wird man zu solch einem Vorgehen aufgefordert? Ich selbst kenne diese Aufforderung auch aus der buddhistischen Meditationspraxis und mir ist das niemals schwer gefallen, weil ich generell einen freien Kopf habe. Aber um dem geneigten Leser und der geneigten Leserin vielleicht zu helfen, kann man diesen Schritt im Kopf, in den Gedanken bei geschlossenen Augen visualisieren.

Also stellen Sie sich einfach all ihre Sorgen wie in einer Reihe vor, als würden sie an einer Kasse im Supermarkt stehen. Und dann fertigen Sie jede Sorge ab. Schieben Sie die Sorgen einfach weg, aus Ihrem Blickfeld heraus, das reicht schon vollkommen. Erheben Sie keinesfalls den Anspruch, all diese Sorgen wirklich zu lösen, denn dann werden Sie vermutlich aus dem Grübeln nicht mehr herauskommen. Selbst kleine, alltägliche Sorgen wie ein anstehender Zahnarzttermin – ich weiß, für manche bedeutet das auch eine große, beängstigende Sorge – oder den Umstand, dass Sie noch einkaufen gehen müssen, alles das müssen Sie von sich schieben.

Ich weiß, dass das leichter geschrieben ist, als man es vielleicht umsetzen kann. Aber mit ein wenig Übung wird es funktionieren und vor allem werden Sie schon dann merken, dass Sie deutlich entspannter sind. Denn das, was uns wirklich oft Verspannungen zufügt, sind genau solche Sorgen, die sich dann als körperliches Symptom verfestigen.

Haben Sie diesen Schritt geschafft, beginnt die eigentliche Visualisierung.

Im Buch wird beschrieben, dass man sich ein Loch, einen Höhleneingang oder irgendetwas vorstellen soll, dass ins Innere der Erde führt. Allerdings betont Harner, dass es sich um etwas aus Ihrer Erinnerung handeln müsse. Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, dass es durchaus auch mit Dingen funktioniert, die Sie nicht selbst gesehen haben. Vermutlich können Sie sich auch eine Höhle aus einem Film vorstellen. Wichtig ist nur, und jetzt wird es etwas schwammig, aber Harner schreibt es auch selbst so, dass Sie ein gutes Gefühl haben müssen, wenn Sie es sich vorstellen. Also Sie dürfen sich nichts vorstellen, was Sie in irgendeiner Form ängstigt oder verstört.

Sie sollten sich diese Höhle oder das Loch wirklich bildlich vorstellen können, als würden Sie es in Ihren Gedanken begehen wollen.

Jetzt sollten Sie die Trommelmusik zum Einsatz bringen, denn sie wird Sie in diesen veränderten Bewusstseinszustand versetzen. Seien Sie sich aber im Klaren darüber, dass dieser Zustand nicht sofort eintritt mit dem ersten Trommelschlag. Sie müssen schon etwas Geduld beweisen, die Musik auf sich wirken lassen und gleichzeitig an diesem Ort bleiben in Ihren Gedanken. Je entspannter Sie dabei sind, desto schneller wird das klappen.

Wenn alles gut läuft – ich sollte vielleicht erwähnen, dass solche Sachen nicht bei allen Menschen funktionieren -, wird sich etwas in Ihrem Inneren verändern und Sie werden fast schon den Drang verspüren, in dieses Loch oder diese Höhle hineinzugehen.

Jetzt kommt wieder einer dieser verbindenden Punkte, die man bei allen Schamanen auf der Welt findet: Es wird kein „logischer“ Tunnel vor Ihnen liegen. In der Regel werden Sie einen Tunnel aus konzentrischen Kreisen sehen. Manche Menschen mit viel Fantasie kann das verschrecken, weil dieses Bild relativ häufig dem Schlund einer riesigen Bestie gleicht, aber Sie sollten keine Angst haben, denn Ihnen wird nichts geschehen.

Im Gegensatz beispielsweise zur Hypnose, die auf demselben Prinzip beruht, hat man bei einer solchen Reise immer die volle Kontrolle über sich selbst. Das heißt, wenn Sie sich unwohl fühlen oder unsicher sind, können Sie jederzeit umkehren. Man kann vielleicht auch sagen, dass diese Reise wie ein Traum ist, den Sie selbst kontrollieren können, der Ihnen aber zugleich absolut real vorkommt.

Was nach dem Tunnel passiert, variiert. In jedem Fall müssen Sie diesen Tunnel durchschreiten, manche Menschen haben auch das Gefühl, dass sie durch den Tunnel fliegen, weil sie sich ungewöhnlich schnell bewegen. Bei der ersten Reise etwas zu fühlen, zeugt übrigens davon, dass Sie ein großer Schamane werden können. In der Regel sagt man, sieht man zuerst, dann hört man und zum Schluss fühlt man.

Ich kann kurz schildern, was bei meiner ersten Reise passiert ist.

Vor einiger Zeit war ich mal in den Feengrotten in Thüringen. Dort gab es eine Besichtigung des Bergwerkes und einen dunklen Stollen, ich glaube, er wurde Barbara-Stollen genannt, der mich irgendwie fasziniert hat. Genau diesen Stollen habe ich mir vorgestellt, während meiner ersten Reise. Schon damals habe ich mich gefragt, was sich dahinter wohl verbergen könnte. In meinem Fall war der Tunnel eher eine Röhre aus Kreisen. Wer schonmal die Speiseröhre eines Tieres gesehen hat, so ähnlich sah der Tunnel für mich aus. Aus welchem Material er genau bestand, kann ich nicht mal sagen, zumindest sah es für mich nicht nach Stein, eher nach Kristallen aus.

Am Ende dieses Tunnels kam ich schließlich auf eine weite, grüne Ebene, die mir grenzenlos erschien. Über mir war ein perfekter, blauer Himmel, keinerlei Wolken, aber auch keine Sonne waren zu sehen. Ich bin dann ein bisschen über diese Ebene gelaufen, allerdings konnte ich sie nicht wirklich erkunden, weil die Musik dann allmählich zum Schluss kam.

Prinzipiell gibt es zwei Wege zurückzukommen: Entweder geht man freiwillig oder die Musik endet und meist kehrt man dann, so war es bei mir, vollkommen automatisch zurück. Für mich war es, als würde man die Reise einfach zurückspulen.

Natürlich erschöpft sich das Thema mit dieser Reise nicht, aber damit der Artikel nicht zu lang wird, denke ich, wird es gut sein, ihn aufzuteilen. Zumindest kann man, wenn man diesen ersten Teil gelesen hat, theoretisch gesehen, die ersten Erfahrungen machen. Aber ich muss noch vor einer Sache warnen:

Die Reise an sich ist nicht gefährlich, ja, aber es gibt eine Sache, die man beachten muss: Halten Sie sich immer während Ihrer Reisen von Insekten, Fischen oder Schlagen fern, die Ihre Zähne zeigen! Tiere sind generell nie gefährlich in dieser anderen Welt, außer dann wenn sie ihre Zähne offen präsentieren! 

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit und viel Spaß bei der ersten, eigenen Reise!

Die (fremde) Welt des Schamanismus – Teil 1

Subtile Propaganda – Oder: Wie bereite ich einen Krieg vor?

Vielleicht ist das Buch ‚Propaganda‘ von Edward Bernays einigen Menschen ein Begriff. Bernays beschreibt in diesem Buch sehr genau und vor allem absolut wertfrei, wie Propaganda funktioniert und was sie leistet. Er geht sogar soweit, zu behaupten, dass Propaganda in einer Massengesellschaft und erst recht in einer Demokratie nötig seien. Dabei versteht er unter dem relativ negativ behafteten Wort ‚Propaganda‘ in der Regel ganz einfache Lobby-Arbeit.

Nun muss man wissen, dass Bernays‘ Buch schon etwas älter ist, aber die Tatsache, dass wir ständig von irgendwelchen Lobbys bearbeitet werden, hat sich keinesfalls verändert. Was sich aber meiner Ansicht nach wirklich stark verändert hat, ist die Art, wie heutzutage diese Propaganda betrieben wird.

Für mich gibt es gerade in der Geschichte ein äußerst spannendes Phänomen. Wenn man einem heutigen Menschen einen Propaganda-Film von vor fünfzig Jahren zeigt, dann erkennt dieser Mensch meistens sofort, dass es in dem Film um Propaganda geht. Zeigt man demselben Menschen aber einen heutigen Film, der eigentlich auch nur eine Form von Lobby-Arbeit ist, dann erkennt er dort die Propaganda nicht.

Es scheint zwei Gründe für dieses Phänomen zu geben: Einerseits sind viele Menschen naiv und können sich gar nicht vorstellen, dass sie von irgendwelchen Interessengruppen in einer bestimmten Art und Weise beeinflusst werden könnten. Andererseits liegt es aber auch daran, dass Propaganda heutzutage sehr viel verborgener funktioniert.

Nehmen wir nur mal die üblichen Fernsehsendungen wie ‚Germany’s Next Top Model‘ oder ‚Deutschland sucht den Superstar‘. Können Sie sich vorstellen, dass diese Sendungen eine Form von Propaganda darstellen? Ja, das tun sie. Ersteres Beispiel hat eine ebenso eindeutige Botschaft wie das zweite Beispiel: Erfolg muss man haben! In beiden Sendungen existiert nur ein Ziel: Man soll gewinnen und dahinter steckt eine klare Botschaft, die von der Gesellschaft immer wieder getragen wird: Nur derjenige, der einen Erfolg vorweisen kann, wird auch anerkannt.

Möglicherweise ist es genau diese Botschaft, die allzu oft von der Werbung getragen wird, die letztlich dazu führt, dass viele Menschen meinen, sie würden die heutige Welt nicht mehr verstehen können. Im Grunde ist es logisch. Wenn ich einem Menschen immer wieder zu verstehen gebe, dass er keinen rechten Wert besitzt und dass er nichts kann, dann wird er sich natürlich das Erkennen von Propaganda etwa gar nicht erst zutrauen. Stattdessen wird er sich einer Autorität anvertrauen, die ihm dann erklären kann, was er zu wissen hat. Ein höchstgefährlicher Mechanismus, kommt und kam er doch immer wieder in totalitären Systemen zum Einsatz.

Natürlich liegt diese Devise nicht allein in den genannten Sendungen begründet, vielmehr ist die Gier nach noch mehr Erfolg eine Grundsäule unserer Gesellschaft, dies ändert aber nichts daran, dass sich Fernsehsendungen daran beteiligen, diese schreckliche Grundsäule auch noch zu verfestigen. Denn ein äußerst wichtiger Faktor der guten Propaganda ist, dass die Botschaft verinnerlicht werden muss. Und die effektivste Form von Verinnerlichung ist die ständige, gebetsmühlenartige Wiederholung einer bestimmten Botschaft.

Hierfür könnte man eine ganze Riege von Werbekampagnen aufzeigen. Allein die Menschen, die uns auf irgendwelchen Modeplakaten entgegenkommen, schreien ja förmlich die Botschaft heraus: Wer sexy sein will, muss genauso aussehen wie wir.

Diese Beispiel mögen uns vielleicht nicht allzu bewusst sein, aber genau das macht eine erfolgreiche Propaganda eben auch aus, wenn man nämlich nicht merkt, dass hier gerade eine bestimmte Gruppe Einfluss auf den Menschen nimmt. Sobald man nämlich merkt, dass hier eine Propaganda stattfindet, wird man vorsichtiger und man beginnt sich zu fragen, welchem Zwecke diese Lobby-Arbeit wohl dienen mag.

Lobby-Arbeit per se muss nicht verwerflich sein. Wer würde denn nicht die Arbeit einer Krebsstiftung oder die Arbeit eines Kindeshospizes unterstützen wollen? Absurd ist lediglich, dass meistens diejenigen Gruppen besonders viel Propaganda machen können, die eigentlich keinen sinnvollen Beitrag zu leisten haben. Überlegen Sie mal, wie viel Werbung sehen Sie denn von Produkten, die nicht unbedingt lebenswichtig sind und dann vergleichen Sie diese mal mit der Anzahl an Werbearbeiten aus einem lebenswichtigen Bereich. Überall schreien Ihnen irgendwelche Mobilfunkanbieter die neuesten Tarife entgegen, Sie sehen überall die neuesten Modetrends, Sie sehen den neuesten Fast Food-Müll der großen Anbieter, aber wann sehen Sie denn mal eine Hilfe-Hotline für depressive Menschen? Oder wann sehen Sie mal die Nummer einer Seelsorge?

In den USA hat man einen wunderbaren Versuch gemacht, der nur zu deutlich aufzeigt, wozu die falsche Propaganda führen kann. Man hat Kinder nach dem Text der amerikanischen Hymne gefragt. Nun muss man wissen, dass die Kinder die Hymne sowieso nahezu jeden Morgen vor Unterrichtsbeginn singen, also eigentlich müssten ja alle Kinder den Text beherrschen. Doch dem war nicht so! Stattdessen aber konnten die Kinder jeden Werbetext herunterbeten, der gerade in ihrer Umgebung im Umlauf war.

Sie können diesen Versuch an sich selbst ausprobieren. Überlegen Sie mal, wie viele Werbeslogans bekämen Sie zusammen? Wie viele Markensymbole würden Sie erkennen, für Smartphones gibt es diesbezüglich wunderbare Spiele, in denen Sie nur die Symbole erkennen müssen. Und dann fragen Sie sich, ob Sie den Text der deutschen Nationalhymne können oder ob Sie irgendeinen anderen hochwertigen Text zitieren können? Die bereits aus der Schule entwachsene Generation kann vielleicht noch mit Müh‘ und Not irgendwelche auswendig gelernten Gedichte vortragen. Aber Sie müssen einen Text nicht mal wortwörtlich zitieren, es würde schon reichen, wenn Sie den Kerngedanken eines sachlichen Textes wiedergeben könnten.

Das ist die Schattenseite der Propaganda. Das passiert, wenn man den Menschen immer nur irgendwelche blödsinnigen Werbeslogans um die Ohren haut. Das Endergebnis ist die absolute Verdummung der Menschen.

Heutige Propaganda respektive Werbung transportiert in der Regel die große Botschaft, dass man Produkt X oder Y braucht, weil man ansonsten ein Niemand ist. Nahezu jede Sendung im Fernsehen zeigt uns, nur wer Erfolg hat, wird auch beachtet, oder warum glauben Sie, gibt es Sendungen, deren einziger Inhalt darin besteht, die neuesten Gerüchte der sogenannten Prominenten aufzutischen? Die Botschaft ist klar: Diese Menschen haben es geschafft und deswegen sind sie es wert, dass man über sie spricht.

Und das wirklich große Problem dahinter ist, dass Propaganda heute so subtil und verborgen agiert, dass viele Menschen sie nicht mehr bemerken, zumindest nicht bewusst. Doch in ihrem Unterbewusstsein sind die Botschaften längst angekommen.

Wie viele Teenager strömen denn jedes Jahr aufs Neue zu DSDS? Wie viele junge Mädchen träumen davon, selbst einmal Model zu werden? Die Zahl der Mensch, die einfach um jeden Preis ins Fernsehen wollen – Menschen, die sich dann später It-Girls oder It-Boys nennen -, steigt und steigt und steigt.

Es stimmt, wenn Bernays sagt, dass Propaganda in einer Massengesellschaft notwendig ist. Denn eine Masse von Menschen muss auch noch zu kontrollieren sein und mit der Propaganda ist dieses Ziel gegeben. Auch wenn man uns ständig sagt, dass wir alle individuell sind, so ist es in einer Massengesellschaft eben nicht problemlos möglich, individuell zu sein – bis zu einem bestimmten Punkt kann man gehen, aber man muss sich dennoch anpassen.

Doch die abstoßendste Form der Propaganda möchte ich mir für den Schluss aufheben: Kriegspropaganda.

Wenn Sie sich mal als Staatsmann oder Staatsfrau versuchen wollen, dann gibt es einige grundlegende Dinge zu beachten, wenn Sie Ihr Volk in einen Krieg führen wollen.

Erstens, Sie müssen die Menschen zu einer großen, einheitlichen Masse formen, denn mit Individuen können Sie keinen Krieg führen. Eine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied und das schwächste Glied ist der Teil der Kette, der individuell sein möchte, also müssen Sie jede Form von Individualität abtöten. Am besten schon im Kindesalter! Wie tun Sie das? Uniformierung und militärisch anmutender Drill, verweisen Sie immer wieder auf Mängel und geben sie nicht allzu oft Lob aus, denn Lob und die Bestärkung persönlicher Talente und Interessen verstärkt nur die Individualität.

Zweitens, erschaffen Sie ein potentes und bedrohliches Feindbild und hierbei wird die Propaganda von größtem Nutzen sein. Entmenschlichen Sie den Feind, machen Sie den Feind zum absoluten Bösen, nennen Sie Ihren Feind Hitler oder Stalin, werfen Sie Ihrem Feind vor, dass er Kinder ermordet. Wichtig ist, die Menschen müssen auf einer emotionalen Ebene gepackt werden. In der Rhetorik nennt man das Argumentum ad populum oder einfacher gesagt Populismus. Mit sachlichen Argumenten können Sie nur Individuen ansprechen, im besten Fall haben Sie aber eine Masse von Menschen vor sich und die lässt sich nur noch auf den niedersten, affektiven Triebebenen berühren.

Doch Achtung! Die Ihnen unterstellten Menschen dürfen sich ihrer Situation nicht bewusst werden, lassen Sie die Menschen also immer in dem Glauben, dass sie auf der guten Seite stehen und vor allem sagen Sie Ihrem Volk so oft wie möglich, dass es frei ist. Sichtbare Versklavung könnte nur Widerstände hervorrufen.

Ich danke für die Aufmerksamkeit und bleiben Sie stets aufmerksam!

Subtile Propaganda – Oder: Wie bereite ich einen Krieg vor?

Nationalsozialismus und nationaler Sozialismus

Die These, die ich hier äußern möchte, mag vielleicht auf den ersten extrem provokant und irgendwie wieder sehr nach einer Verschwörungstheorie klingen – aber was klingt heutzutage nich mehr nach einer solchen Theorie?

Gerade wir Deutschen sind ja schon vonseiten der Schule her dazu angehalten, uns sehr intensiv mit der Zeit des Nationalsozialismus zu beschäftigen. Wenn ich mich an meinen Geschichtsunterricht zurückbesinne, dann muss ich feststellen, dass diesem vergleichsweise kurzen Zeitabschnitt eine große Aufmerksamkeit zugeteilt worden ist. Kein Vergleich zu tausende Jahren währenden Reich der Römer.

Natürlich ist diese Priorisierung verständlich, möchte man doch eine Wiederholung dessen verhindern, was oftmals als das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte betitelt wird. Aber oftmals wird dieser Zeitabschnitt, der doch so viel Sprengstoff bieten würde, sehr einseitig und oberflächlich behandelt. Da werden die Nazis schlichtweg als die Bösen schlechthin dargestellt und die Allierten waren die Guten schlechthin. Aber wussten Sie beispielsweise das der großartige Churchill seinerseits Pläne hatte, die deutschen Großstädte auszugasen? Oder können Sie glauben, dass die japanische Regierung eigentlich schon kapituliert hatte und die Amerikaner dennoch ihre beiden Atombomben abwarfen?

Was ich damit sagen will, ist, dass es auf beiden Seiten Schattenseiten gab. Der 2. Weltkrieg hat, wie auch schon sein Vorgänger, dafür gesorgt, dass die Hemmschwelle für Gewalt und Tötung erheblich absank. Ein Phänomen, das wir oftmals in Kriegen beobachten können, denn das Erleben und Verüben eines hohen Maßes an Gewalt führt letztlich dazu, dass der Erlebende oder Ausübende unempfindlicher wird – seine Schwelle zur Gewalt sinkt, sein Hang zur Gewalt steigt.

Doch dies soll nicht Thema hier sein.

Mir geht es um die Grundlage des Krieges, die verhasste Ideologie, die die Deutschen letztlich auch in den Krieg führte.

Gemeinhin gilt der Nationalsozialismus als rechtsgerichtete Ideologie. Doch vielleicht sollten wir uns zu erst einmal die Frage stellen, was das überhaupt bedeuten soll? Was haben wir unter einer rechtsgerichteten Politik zu verstehen? Wussten Sie, dass die CDU eigentlich auch eine rechte Partei ist?

Unserem heutigen Verständnis nach versteht man unter einer rechten Politik eine konservative und eher den Traditionen verhaftete Politik. Eine solche Politik wird sich beispielsweise gegen jede Innovation und einschneidende Neuerung wenden. Damit kann auch erklärt werden, wieso die CDU etwa so gegen die Ehe der Homosexuellen ist. Es ist eine Position, die man nicht teilen, aber zumindest respektieren muss. Grundlage einer solchen Einstellung ist einfach die Angst davor, dass zu viele Änderungen, zu viele Innovationen, das bestehende System stürzen könnten. Man kann den konservativen Denkweisen nicht gänzlich ihre Daseinsberechtigung absprechen, denn es ist tatsächlich so, dass weiträumige Änderungen manchmal ins Chaos führen können. Allerdings muss man auch anerkennen, dass der ‚Zeitgeist‘, wie Hegel ihn etwa verstand, sich verändert und dann muss die Gesellschaft sich diesem Zeitgeist anpassen.

Nun muss man sich fragen, inwiefern waren die Nationalsozialisten konservativ? Sicher begünstigten sie die Rückkehr zu einem autokratischen Staat, wie ihn Deutschland unter dem Kaiser vor dem 1. Weltkrieg kannte. Aber eine wirklich konservative Kraft hätte die Monarchie wiederaufleben lassen; die Nazis entschieden sich für einen anderen Weg.

Haben die Nationalsozialisten denn wenigstens urdeutsche Traditionen wiederaufleben lassen? Diese Frage ist schwierig zu beantworten, weil es im Grunde keine urdeutschen Traditionen gibt. Das Gebiet, welches wir heute als Deutschland kennen, bestand viele Jahrhunderte hinweg aus vereinzelten Staaten. Erst Bismarck gelang es, all diese Staaten zu vereinen und ein Deutschland zu erschaffen. Allerdings ist dies unter Historikern umstritten, weil es lange vor Bismarck das Heilige Römische Reiche Deutscher Nationen gab und viele Historiker sehen in diesem Gebilde den ersten deutschen Staat. Allerdings muss man beachten, dass die Organisation des Heiligen Römischen Reiches gänzlich anders aussah, denn im Grunde war dieses Gebilde eher ein loser Staatenbund als ein richtiger Nationalstaat.

Aus diesem Grunde, also dem Mangel an deutscher Tradition, griffen die Nazis auf Rituale und Gebräuche der Germanen zurück, denn im Volk der Germanen, was eigentlich auch kein homogenes Volk war, sahen sie die wahrhaften Ursprünge der Deutschen. Dieser Rückgriff wurde aber immer mehr zu einem wahnhaften Auswuchs und einige Nazis verloren sich in pseudo-mystischen Gebräuchen und Schamanismus.

Schauen wir doch mal, was wir als linksgerichtete Politik definieren.

Wenn man politisch auf der linken Seite steht, ist man in der Regel ein Sozialist. Sozialisten sind dabei noch die gemäßigten Formen, man kann natürlich auch weiter gehen zu Stalinisten, Leninisten, Maoisten und so weiter. Was all diese linken Ideologien vereint, ist der Glaube daran, dass die Herrschaft vom Volk ausgeht und nicht von einem übergeordneten Apparat. Ich möchte jetzt nicht die ganze Theorie hier ausrollen, denn dies würde den Rahmen sprengen. Ersichtlich ist aber, dass die Nazis mit diesem Konzept auch nicht viel am Hut haben.

Was also waren die Nationalsozialisten nun?

Und hier kommt meine These: Man kann die Nazis politisch nicht festlegen.

Einerseits vertraten sie viele Aspekte, die man auf der rechten Seite sehen kann: Staat unter der Führung eines Mannes, fast wie in einer Monarchie, die Rückbesinnung auf ‚traditionelle‘ Werte, die sich nach eigenem Gutdünken erschufen. Aber andererseits boten sie auch eine Fülle von Dingen, die wir eher dem linken Spektrum zuordnen würden: Die Unterordnung des Einzelnen und die Ausrichtung auf ein gemeinsames Ziel, eine verdrehte Form der Gleichberechtigung der Menschen.

Jetzt mag man sich fragen, inwiefern das denn wichtig sein sollte?

Nun, wir sind uns wohl einig, dass die Nationalsozialisten ein totalitäres Regime erschaffen haben, dass es tunlichst zu vermeiden gilt. Um diese Aufgabe aber zu bewerkstelligen, müssen wir genauestens analysieren, wie es zur Entstehung eines solchen Regimes kommen kann.

Gerade im Russland der Zeit Stalins kann man wunderbar beobachten, dass auch eine linksausgerichtete Politik, wie wir sie heute verstünden, letztlich in einem Totalitarismus mündet, aber wir müssen nicht einmal soweit zurückgehen. Schauen Sie sich nur einmal die Strukturen der Deutschen Demokratischen Republik an.

Wir können also sehen, dass Totalitarismus auf beiden Seiten des politischen Spektrums entstehen kann und genau dies sollte uns zu denken geben! Ich hatte bereits in einem kurzen Kommentar die AfD erwähnt, die ja nach wie vor als die wiederauferstandene NASDAP behandelt wird. Man kann von dieser Partei halten, was man will, aber man sollte nicht glauben, dass eine rechte Partei allein dazu in der Lage wäre, ein totalitäres Regime zu errichten. Und schon gar nicht wird dieser Partei ein solcher Zug gelingen, so lange man den Leuten einredet, dass auch die Nazis rechtsgerichtet waren.

Wenn der Totalitarismus oder die Diktatur irgendwann wiederkommen sollten, werden sie es in einer neuen Form tun. Schon Mark Twain schrieb, dass sich die Geschichte niemals wiederhole, sie reime sich lediglich. Wie sonst kann es erklärt werden, dass sich innerhalb kürzester Zeit – im Vergleich zu der restlichen Menschheitsgeschichte – zwei Weltkriege von katastrophalem Ausmaß ereignen konnten?

Wir sollten aufhören in diesen merkwürdigen Kategorien zu denken und uns eher fragen, ob eine Partei freiheitliche und demokratische Werte vertritt. Es ist absurd, einer Partei mangelndes Demokratieverständnis vorzuwerfen, wenn sie gleichzeitig Volksabstimmungen fordert und eine direkte Demokratie einführen will, gleichzeitig aber vermeintlich demokratische Politiker verlautbaren lassen, dass Volksabstimmungen entgegen des europäischen Gedankens wären, wie wir kürzlich von einem hochrangigen EU-Politiker hören konnten.

Links und rechts sind Richtungsangaben, die im Umfeld eines immer komplexer werdenden politischen Gefüges allmählich ihre Bedeutung verlieren, denn wir können Politik heute nicht mehr binär mit einem Ja oder einem Nein, einem Links oder einem Rechts, betreiben.

Nationalsozialismus und nationaler Sozialismus