Nordische Philosophie (und Mythologie) – Teil 3

Wie es in der Überschrift bereits angedeutet ist, soll es in diesem dritten Teil vor allem um die Philosophie der Nordmänner gehen, nachdem es in den vergangenen beiden Texten hauptsächlich um die Mythologie ging. Aber keine Sorge, dies wird keine trockene Abhandlung über philosophische Grundsätze. Ein solches Vorgehen würde auch nicht sonderlich zu den Menschen passen, die an die nordischen Götter geglaubt haben.

Zunächst einmal möchte ich auf das typische Denken dieser Menschen eingehen. Es mag zunächst banal erscheinen, denn inwiefern sollen diese Menschen denn anders gedacht haben als wir?

Wie ich bereits im zweiten Teil angedeutet habe, sahen die Menschen des Nordens beispielsweise zwischen Leben und Tod keine strikte Trennung. In ihrer Vorstellung entsprachen die Geburt und das Sterben einem Kreislauf. Genau dies mag ein kleiner aber sehr gewichtiger Unterschied sein, denn die Nordmannen waren umgeben von Zyklen und deswegen finden sich diese Kreisläufe auch immer wieder in ihrem Denken.

Dabei müssen es nicht einmal so abstrakte Zyklen sein wie die Wiedergeburt. Selbst so einfache Dinge wie die Jahreszeiten stellen bereits einen Zyklus dar. Wir hantieren zwar mit vier Begriffen, aber es ist dennoch nicht möglich einen speziellen, festgelegten Zeitpunkt auszumachen, ab wann man immer vom Sommer sprechen kann. Vielmehr gehen die Jahreszeiten fließend ineinander über.

Noch viel eindrücklicher sind die Mondphasen. Dazu muss man wissen, dass der Mond für die Nordmannen der vielleicht wichtigste Himmelskörper war, denn viele Feste richten sich nach dem Mondzyklus aus.

Im Unterschied zum modernen Menschen besaßen die Menschen des Nordens kaum Dualismen. Ich hatte das ebenfalls im zweiten Teil angesprochen und will es hier noch einmal etwas ausführlicher darstellen.

Unsere moderne Welt ist voller Gegensätze: Gut und Böse, Arm und Reich, Schön und Hässlich, Dick und Dünn, Weiß und Schwarz, Groß und Klein. Wir scheinen uns ständig zwischen zwei extremen Polen zu bewegen und diese Art des Denkens hat auch unsere moderne Welt beeinflusst. Es ist kein Zufall, dass der christliche Glaube Himmel und Hölle kennt, die die Entsprechungen der Dualismen von Gut und Böse sind. Es ist auch kein Zufall, dass die Maschine, auf der ich gerade diesen Text eintippe, auch nur die beiden Dualismen aus 0 und 1 kennt. Und es ist ebenfalls kein Zufall, dass wir viele Fragen immer pauschal mit einem Ja oder einem Nein beantworten wollen.

Wie gesagt scheint dieser Unterschied eher klein zu sein, aber in meinen Augen ist er entscheidend.

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Der wohl wichtigste Zyklus, den ich bereits angedeutet hatte, ist der des Lebens. Ähnlich wie wir es in vielen asiatischen Glaubensvorstellungen sehen können, begriffen die Nordmänner den Tod eines Lebewesens nicht als dessen endgültiges Ende.

Wie bereits im zweiten Teil beschrieben gab es für Tote grundsätzlich zwei Wege: Starb man in der Schlacht, so kam man nach Walhalla. Starb man außerhalb des Kampfes so kam man nach Helheim. Viele Menschen mögen jetzt wieder dualistisch denken und glauben, dass es in Walhalla besser sei als in Helheim, aber laut den Sagen stimmt dies nicht. In beiden Totenwelten wurden die Toten recht gut umsorgt.

Von Walhalla wissen die meisten Menschen, dass es sich dabei um eine große Halle handeln soll, in der es immerzu Speis und Trank gibt und die eingekehrten Krieger, die dann auch als Einherjer, was so viel wie ehrenvoll Gefallener bedeutet, bezeichnet werden, feiern dort letztlich ein großes Fest. Das Feiern eines Sieges war zu der damaligen Zeit ein durchaus übliches Ritual, weswegen es nicht verwunderlich ist, dass man selbst den Gefallenen einer siegreichen Schlacht diese Belohnung nicht verwehren möchte.

Bezüglich Helheims gibt es unterschiedliche Vorstellungen. In jedem Fall wird das Reich der Toten als ein kalter und eigentlich wenig einladender Ort beschrieben. Leider kann man nicht mehr mit großer Sicherheit nachvollziehen, ob diese Beschreibung in Verbindung mit dem christlichen Bild der Hölle steht. Zeitweise, vor allem zurzeit der Christianisierung des Nordens, war Helheim tatsächlich mit der christlichen Hölle gleichgesetzt. Aus dieser Zeit stammt auch die Überzeugung, die heute noch immer von einigen Menschen vertreten wird, dass die Unterwelt kein Ort der Wiederkehr sei.

Einigen Quellen zu Folge, aber auch diese seien mit Vorsicht zu genießen, denn auch hier kann man nicht sagen, wie weit der christliche Einfluss reicht, soll es in Helheim auch einen Bereich für Mörder und andere Schwerverbrecher gegeben haben, an dem sie dann bestraft werden.

Hält man sich allerdings an die überlieferten Sagen und Legenden, und bedenkt man, dass es zwischen den Nordmännern und den Menschen, die im heutigen Raum Indiens leben, gewisse Überschneidungen gibt – etwa der Glaube von einem Urwesen, aus dem die Welt geschaffen wird oder allein der Umstand, dass sie dem indoeuropäischen Sprachraum angehörten -, kann man durchaus davon ausgehen, dass sie an eine Form der Wiedergeburt geglaubt haben müssen.

Folgt man den Sagen, erkennt man eine gewisse Ähnlichkeit zum Glauben an eine Seelenwanderung wie sie auch in der Vorstellung der antiken Griechen existierte. Wenn ein Mensch stirbt, löst sich seine Seele gewissermaßen vom Körper und er wird zu einer Art reinen Energie. In der griechischen Vorstellung kam diese Seele in den Hades und wurde dort im Fluss der Unterwelt gereinigt, sodass sie alle Erinnerungen und Verbindungen an ihr vorheriges Leben wieder vergas.

In der nordischen Vorstellung geschah dies in Niflheim. Hier wurde die Seele aber nicht nur gereinigt, es kam auch zu einer Art Urteilsprozess. Dieser ging allerdings nicht von einem richtenden Gott aus, vielmehr nahm die Seele eine objektive, vogelperspektivenartige Stellung ein. Dies war ebenso wichtig wie die Reinigung, damit die Seele neu und völlig unbelastet wiederkehren konnte.

Anhand dieser Vorstellung sieht man auch wieder wunderbar den Mangel an dualistischem Denken, denn dieser Urteilsprozess diente eben nicht dazu, den Verstorbenen entweder in die Kategorie des Guten oder des Bösen zu stecken. Gedacht war dieser Prozess vermutlich eher als eine Art Weiterentwicklungsprozess, eine stille Reflexion über das eigene Sein. Wenn dieser Ablösungsprozess vom alten Leben abgeschlossen war, kehrte die Seele schließlich in Helheim ein, wo sie von Hel bewirtet wurde und auf ihre Wiedergeburt wartete.

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Walhalla (https://de.wikipedia.org/wiki/Walhall#/media/File:Walhall_by_Emil_Doepler.jpg)

Passend zum Zyklus des Lebens besaßen die Nordmänner, auch wieder ähnlich zu den Griechen, Schicksalgöttinnen. In der griechischen Mythologie nannten sich diese Moiren und es waren drei Frauen. In der nordischen Mythologie nennen sie sich Nornen und sind ebenfalls drei Frauen.

Der Sage nach spinnen sie den Faden eines jeden Lebens. Sie leben an einer der drei Quellen, die sich an der Wurzel von Yggdrasil befinden. Ihre Personen stehen jeweils für die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Urd, was so viel wie Schicksal bedeutet und gleichzeitig der Name der Quelle ist, an der die Nornen leben, stellt die Vergangenheit dar. Verdandi, das Werdende, stellt die Gegenwart dar und Skuld, die Schuld, stellt die Zukunft dar.

Neben der Vorstellung, dass die Nornen den Faden des Lebens spinnen, gibt es auch die Vorstellung, dass sie Runen dazu einsetzen, das Schicksal eines jeden Menschen zu bestimmen. Von der Vorstellung des Fadens stammt übrigens auch der Ausspruch, dass das Leben am seidenen Faden hängt.

Obwohl es jetzt so wirken mag, als wäre das Schicksal, oft als Wyrd oder Wurd bezeichnet, feststehend und unabänderlich, stimmt dies nicht. Denn die Nordmänner begriffen das, was wir heute als Schicksal bezeichnen, eher als eine Art Reaktion des Kosmos oder der höheren Mächte auf jede Aktion eines Lebewesens.

Die Nornen mochten zwar eine Art Zukunft sehen können, aber diese musste deswegen nicht unbedingt eintreffen. Dies unterscheidet die nordische Mythologie sehr stark von allen anderen und bekannten Mythologien Europas. Denn sowohl in der griechischen, römischen als auch ägyptischen Mythologie, wenn man diese noch zu Europa zählen will, wird das Schicksal oder die Zukunft als unveränderlich betrachtet.

Angesichts der Tatsache, die ich bereits im zweiten Teil angesprochen habe, dass die Götter in der Vorstellung der Nordmannen keine allmächtigen und allwissenden Wesen waren, verwundert diese Vorstellung des Schicksals allerdings kaum.

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Nornen spinnen das Schicksal (https://de.wikipedia.org/wiki/Nornen#/media/File:Nornorna_spinner_ödets_trådar_vid_Yggdrasil.jpg)

Ein Gegensatz hierzu, für den ich auch keine wirkliche Erklärung habe, ist die Vorstellung von Ragnarok oder Ragnarök, dem Ende der Welt. Gegensätzlich ist diese Vorstellung vor allem deswegen, weil sie ein festgeschriebener und unabänderlichen Ablauf darstellt, was passieren wird, wenn das Weltenende kommt.

Ragnarök bedeutet, entgegen der weit verbreiteten Meinung, nicht Götterdämmerung, sondern viel mehr Schicksal der Götter. Diese Fehlübersetzung mag auf den Komponisten Richard Wagner zurückgehen, der eines seiner Stücke, das eben Ragnarök behandeln soll, als Götterdämmerung betitelt hat.

Ich möchte jetzt nicht haargenau schildern, was genau passiert. Wer sich dafür interessiert, findet hier eine kurze Beschreibung der Ereignisse. Was meiner Ansicht nach noch wichtig zu sein scheint, ist der Umstand, dass das Ende der Welt eben nicht das vollständige Ende ist. Laut der Sage wird es drei Jahre Kampf und einen ebenso langen Winter geben und dann wird die Welt gewissermaßen wieder auferstehen.

Einige Leute sehen in Ragnarök ebenfalls einen Zyklus, denn möglicherweise, so deren Interpretation, passiert dies in regelmäßigen Abständen immer wieder. Der einzige Mangel an dieser Theorie scheint zu sein, dass sie keinerlei Erklärung dafür liefern, wie der ursprüngliche Zustand vor Ragnarök wiederhergestellt wird, denn das Weltenende ist zugleich auch das Ende für einige Götter.

Und damit habe ich alles niedergeschrieben, was ich zum breiten Thema der nordischen Mythologie zu berichten weiß. Natürlich waren meine Ausführungen nicht erschöpfend, gerade bezüglich der einzelnen Götter und deren Funktionen. Allerdings kann man diese drei Artikel als eine Art Einführung in das Thema betrachten.

Aus diesem Grund möchte ich am Ende noch ein paar weiterführende Literaturhinweise geben. Wer sich mehr über die Götter informieren möchte, dem empfehle ich Ásatrù: Die Rückkehr der Götter. Gerichtet ist dieses Werk eigentlich an all jene Menschen, die den Glauben an die nordischen Götter erforschen wollen, aber selbst wenn man nicht an sie glauben möchte, kenne ich kein Buch, das ausführlicher über die einzelnen Götter informiert als dieses Werk.

Wer sich mit der eigentlichen Sage auseinandersetzen möchte, dem sei eine der kommentierten Fassungen der Edda empfohlen wie etwa diese. Ich würde davon abraten, eine unkommentierte Fassung zu lesen, weil man dann möglicherweise nicht alles verstehen wird. Man darf nicht vergessen, dass diese ganzen Legenden an die 1.000 Jahre alt sind. Und jeder, der schonmal versucht hat, eine Bibel zu lesen, wird wissen, dass das gar nicht so leicht ist ohne das nötige Hintergrundwissen.

Wer sich mehr mit den Runen und dem Orakeln beschäftigen will, dem seien diese beiden Bücher empfohlen: Wer es wissenschaftlicher mag, wird sicher in Krauses Runen: Geschichte – Gebrauch – Bedeutung etwas finden und wer es etwas Esoterischer mag, dem sei Runen: Zauberzeichen der Germanen empfohlen.

Dann bedanke ich mich für die Aufmerksamkeit!

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