Über die Zeit – Teil 1

Es gibt vor allem in der philosophischen Diskussion Begriffe, die man bis zur Unendlichkeit besprechen kann. Zu ihnen zählen etwa das Glück, Moral und Vernunft. Meiner Ansicht nach lassen sich diese Begriffe vor allem deswegen so gut diskutieren, weil sie keine feste Definition haben.

Jeder Mensch hat eine andere Moral und eine andere Vorstellung von Glück. Für einen Menschen besteht das Glück darin, seine Kinder jeden Abend zu Bett zu bringen und ihnen eine Geschichte zu erzählen. Für einen anderen Menschen besteht das Glück aber vielleicht darin, älteren Menschen zu helfen, sie zu pflegen und bis zu ihrem Lebensende zu begleiten. Für den einen Menschen ist es moralisch vollkommen in Ordnung, abzutreiben und für einen anderen Menschen kommt es einem Mord gleich, ein Ungeborenes im Mutterleib zu töten.

Doch ich möchte hier einen Begriff besprechen, der de facto eine Definition besitzt, der aber dennoch kaum greifbar zu sein scheint: die Zeit.

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Je nachdem aus welchem Fachbereich man kommt, gibt es vollkommen unterschiedliche Definitionen und Vorstellungen von Zeit. Ein Psychologe beispielsweise kennt die Erlebniszeit, also die bewusst erlebte Zeit eines Menschen, aber auch die objektive Zeit, die sich durch Veränderungen in der Natur zeigt. Für einen Physiker ist die Zeit lediglich eine Größe, die man in unterschiedlichen Messeinheiten ausdrücken kann. In der Ökonomie kann die Zeit sogar zu einem Wertgegenstand werden.

Für einen „normalen“ Menschen ist Zeit aber wohl einfach ein Abschnitt von Ereignissen. Eingeteilt oftmals in drei willkürliche Kategorien namens Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Doch allein hier ergeben sich schon Probleme.

Ab welchem Zeitpunkt kann ich von Zukunft sprechen? Ist die Zukunft mir gewissermaßen immer eine Sekunde voraus und die Vergangenheit liegt immer eine Sekunde zurück, sodass die Gegenwart aus einer einzigen Sekunde besteht? Oder müssen wir diese beiden Begriffe weiter ausdehnen, sodass der vergangene Tag die Vergangenheit und der kommende Tag die Zukunft darstellt?

Hier begegnet uns ein Problem, das viele Historiker kennen. Denn auch in der Geschichte, selbst in der Retrospektive, ist es in vielen Fällen nicht möglich, einen konkreten Zeitpunkt festzulegen, ab dem sich ein bestimmter Prozess in Bewegung gesetzt hat. Ganz konkret gibt es dieses Problem etwa in der Epochenbeschreibung.

Man kann zum Beispiel keinen konkreten Zeitpunkt festlegen, ab dem man vom Mittelalter oder der Aufklärung spricht. Selbst Ereignisse wie Kriege, bei denen man vermuten könnte, dass sie einen konkreten Start- und Endpunkt haben, lassen sich nicht immer so klar umreißen, denn oftmals gab es vor oder nach einer offiziellen Kriegserklärung bereits Scharmützel.

Aber auch im Alltag begegnen uns solche Probleme manchmal. Wir hantieren zwar mit Jahreszeiten, aber wir können auch keinen konkreten Zeitpunkt feststellen, ab dem es Winter oder Sommer ist. Genauso wenig können wir für uns selbst sagen, aber wann wir erwachsen sind. Es gibt vom Gesetzgeber eine Vorgabe, dass man ab dem 18. Lebensjahr erwachsen ist, aber deswegen wird kein Schalter in einem Menschen umgelegt.

Mir ist wichtig, all diese Beispiele ganz konkret anzusprechen, weil wir uns bezüglich der Zeit und ihrer Einteilung oftmals auf sehr dünnem Eis bewegen und dadurch erzeugen wir in uns selbst die Illusion, dass wir Zeit hätten oder über sie verfügen. Auch der Umgang mit Zeitabschnitten, die wir in Sekunden, Stunden oder Tagen einteilen, täuscht lediglich darüber hinweg, dass wir keinerlei Kontrolle über den Fortgang der Ereignisse haben. Aber gleichzeitig zeigen diese Versuche auch, dass wir gern Kontrolle hätten.

Aber es gibt noch eine weitere Sache, die diese Einteilung mit sich bringt.

Wir betrachten Zeit stets linear mit einem Anfangs- und einem Endpunkt. In der Schule, vor allem im Geschichtsunterricht, gibt es dieses geflügelte Wort des Zeitstrahls. Ich hatte mich schon damals oft gefragt, wie man Zeit auf einer Linie darstellen soll. Natürlich kann man dadurch gewählte Ereignisse in einer gewissen Relation zueinander darstellen, aber was passiert, wenn wir dies tun?

Wir verlieren den Blick für das Große und Ganze.

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Ich vergleiche dies gern mit einem Betrachter in einem Museum. Stellen wir uns vor, wir stehen vor einem Gemälde. Betrachten wir Zeit in einem Strahl, ist es so, als würden wir durch dünne Röhren auf das Bild blicken. Wir werden niemals das Bild in seiner Gesamtheit erkennen, stattdessen werden wir Abschnitte erblicken, die wir dann mehr oder weniger gut in unserem Kopf zusammensetzen.

Während meiner Recherchen zu diesem Thema habe ich nach einer anderen Vorstellung von Zeit gesucht, allerdings gibt es bislang nur die lineare und die zyklische Zeiteinteilung.

Zyklische Zeit bedeutet, dass sich Zeit nicht mit Uhren oder Messeinheiten, sondern sich mit Zyklen einteilen lässt. Vor allem Naturvölker und auch unsere Vorfahren hatten solch ein Zeitverständnis. Während wir einen Tag mit 24 Stunden definieren, war für unsere Vorfahren ein Tag vom Sonnenauf- bis zum Sonnenuntergang definiert.

Aber selbst zyklische Zeit ist letztlich eine andere Betrachtung von linearer Zeit, denn auch in einem Zyklus möchten wir einen Beginn und ein Ende ausmachen.

Wer mir bis hierher gefolgt ist, wird sich jetzt vermutlich fragen, wie man Zeit denn sonst definieren soll? Doch diese Frage möchte ich erst im nächsten Teil beantworten.

Stattdessen möchte ich noch ein paar Beispiele erwähnen, die mit unserem linearen Zeitverständnis zusammenhängen.

Die Frage danach, ob zuerst das Huhn oder das Ei da war, ist vielleicht das berühmteste Beispiel für die Schwierigkeit, Ereignisse linear zu ordnen. In unserer Vorstellung muss entweder das Tier oder das Ei zuerst dagewesen sein.

Auch die wissenschaftliche Erklärung für die Entstehung der Erde funktioniert ohne ein lineares Zeitverständnis nicht, denn man geht davon aus, dass es einen Beginn – den Urknall – und irgendwann auch ein Ende geben wird.

Wie sich die Sicht auf die Welt verändern kann, wenn man sich über dieses lineare Zeitverständnis hinausbewegt, zeige ich im nächsten Teil.

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Über die Zeit – Teil 1

Nordische Mythologie – Teil 1

Ich habe lange überlegt, wie ich diesen Artikel überschreiben soll, denn es ist schwer, eine klare Trennung zwischen einer germanischen oder nordisch-skandinavischen Philosophie und Mythologie zu machen. Oftmals wird eine Trennung zwischen beiden Weltanschauungen suggeriert, allerdings besteht diese meistens eher in Details – vor allem die Namen der Gottheiten unterscheiden sich, aber die grundlegenden Gedanken sind nahezu identisch. 

Aber wie bin ich eigentlich zu diesem Thema gekommen? 

Ich hatte schon immer ein gewisses Interesse für mythologische Themen. Natürlich ist es wesentlich leichter, etwas über die griechische oder römische Mythologie zu erfahren, einfach weil dort wesentlich mehr überlieferte Quellen existieren, die man vor allem heute auch noch verstehen kann. 

Schauen wir etwa nach Ägypten, so haben wir durchaus schriftliche Quellen, die man auch durchaus versteht, bei denen man sich aber nicht sicher sein kann, ob sie immer vollständig vorliegen. In manchen Fällen weiß man sogar sehr sicher, dass bestimmte Texte schlichtweg verloren gegangen sind. 

Die lateinische Sprache hat sich im Gegensatz zu den Hieroglyphen aber bis heute erhalten und man kann sie auch noch in Schulen lernen. Ähnliches kann man auch über das Altgriechisch sagen, das Theologen heute im Studium noch lernen müssen. Dementsprechend sicher kann man sich bei den Quellen der jeweiligen Mythologien sein. 

Viel schwieriger sieht es aber bei nordischen Mythen aus, denn die Germanen und andere sogenannte Barbaren haben uns kaum Schriften hinterlassen. Es gibt zwar einige Runensteine beispielsweise, aber die sind in ihrem Umfang nicht mit den Überlieferungen aus dem Mittelmeerraum zu vergleichen. 

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Runenstein Karlevi (http://grosssteingraeber.de/media/Fotos/Schweden/Kalmar/Oeland/P1110580karlevi.jpg)

Meine allererste Berührung mit der nordischen Mythologie bestand mit dem Lesen eines Artikels zu Yggdrasil. Ich denke, viele andere Menschen werden andere Berührungspunkte haben, sei es durch die Comicfigur Thor oder vielleicht auch durch Tolkiens Werke, die sehr stark von den nordischen Erzählungen geprägt worden sind. 

Yggdrasil wird gern als Weltenbaum oder fälschlicherweise als Weltenesche übersetzt. Falsch ist diese Übersetzung deswegen, weil das Wort wortwörtlich auf eine Eibe und nicht auf eine Esche verweist. Das spielt für den mythologischen Kontext eine Rolle. Er ist im Grunde eine Metapher oder die Vorstellung der nordischen Weltanschauung. Damit ist aber nicht die Welt in Form der Erde gemeint, diese Vorstellung geht wesentlich weiter. 

Es gibt bezüglich seiner Gestaltung zwei Vorstellung: Die am weitest verbreitete und eigentlich auch am ehesten anerkannte Vorstellung spricht von neun unterschiedlichen Welten, die sich in Yggdrasil wiederfinden und bei denen die Welteneibe eine Art Verbindung darstellt. Bildlich kann man es sich ungefähr so vorstellen, dass jede Welt auf einem Ast oder im Wurzelwerk liegt und die Äste zusammen mit dem Stamm stellen eine Verbindung her. 

Eine andere Vorstellung, die vor allem durch das Aufkommen der Quantenphysik entstanden ist, beschreibt Yggdrasil als eine Verbindung unendlich vieler Welten. Diese Interpretation geht davon aus, dass die neun namentlich bekannten Welten letztlich nur Beispiele für eine viel größere Zahl waren. Somit hat man in dem mythologischen Weltenbaum eine Art Metapher für das gefunden, was die Quantenphysik mit ihrer Mehrdimensionalität ebenfalls zum Ausdruck bringt. 

 

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Yggdrasil und seine Welten (https://www.pinterest.de/pin/404549979005016086/)

Zur Entstehungsgeschichte der Welt, auf der wir Menschen leben, gibt es zwei Versionen. Eine finden wir in der älteren Lieder-Edda und eine andere Version findet sich in der jüngeren Prosa-Edda.

Glaubt man den Nordmännern, so gab es am Anfang die sogenannte Ginnungagap, die meistens als Spalt oder Riss übersetzt wird. Dieser Riss diente als Grenze zwischen dem feurigen Muspellsheim und dem eisigen Niflheim. Durch das Feuer Muspellsheim kam es vor, dass ganze Gletscher schmolzen und das Schmelzwasser im Ginnungagap verschwand.

Im Punkt des Entstehens eines ersten Lebewesens unterscheiden sich nun beide Versionen voneinander. In der Lieder-Edda taucht plötzlich der Riese Ymir auf. Es gibt schlichtweg keine Erklärung, woher er stammt. In der Prosa-Edda aber wird erklärt, dass das Schmelzwasser aus Niflheim in die Ginnungagap floss und so, aus dem Kampf zwischen dem heißen Feuer und dem eher kalten Wasser, entstand Ymir.

In beiden Versionen wiederum wird dieser als der Urriese bezeichnet. Er wird als zweigeschlechtliches Wesen beschrieben, kann also ohne einen Partner andere Lebewesen hervorbringen. In beiden Versionen erschafft Ymir auch einen Sohn und eine Tochter, sowie einen weiteren sechsköpfigen Jungen. Lediglich die Prosa-Edda schreibt noch etwas zu dem sechsköpfigen Jungen. So sollen sich aus ihm die Urzeitriesen entwickelt haben. Beide Versionen wissen allerdings nicht weiter darüber zu berichten, was aus dem anderen Jungen und dem Mädchen wurde.

In der Prosa-Edda gibt es noch eine Urkuh mit dem Namen Audhumbla. Sie hatte zwei Funktionen: Einerseits ernährte sie Ymir und andererseits leckte sie aus einem Stein einen Mann namens Buri frei. Dies geschah innerhalb dreier Tage, wobei am ersten Tag lediglich die Haare, am zweiten Tag der Kopf und erst am dritten Tag der ganze Körper zu sehen war.

Dieser Buri wiederum zeugte einen Sohn mit dem Namen Burr und dieser wiederum zeugte mit der Riesin Bestla die drei Götter Odin, Vili und Ve.

Möglicherweise wurde der Abschnitt Audhumblas der Prosa-Edda allein deswegen hinzugefügt, weil sich aus der Lieder-Edda eine Lücke ergibt zwischen dem Riesen Ymir und der Entstehung der Götter.

Was mich zu einem Problem führt, dass ich noch erwähnen sollte.

Wie ich bereits geschrieben hatte, ist die Quellenlage bezüglich der Mythologie etwas dürftig. Zwar gibt es die beiden oben genannten Niederschriften, bei denen man aber nicht vergessen darf, dass sie einerseits einige Zeit nach den eigentlichen Lebzeiten derer entstanden sind, die an diese Dinge glaubten und damit darf man auch nicht vergessen, dass die Verfasser dieser Werke möglicherweise ihre eigenen Wertvorstellungen mit in die Texte einbrachten.

Im Falle der Prosa-Edda, die von einem Isländer namens Snorri Sturluson verfasst wurde, vermutet man etwa, dass durchaus auch christliche Einflüsse in dem Werk vorkommen könnten.

So berichtet Sturluson davon, dass die aus Ymirs sechsköpfigem Jungen hervorgegangenen Urzeitriesen nach der Entstehung des Meeres aus dem Blut des Riesen ertrunken seien. Umstritten ist diese Theorie vor allem deswegen, weil sie zu sehr an die christliche Sintflut erinnert und es in der Lieder-Edda keinerlei Hinweis auf ein derartiges Ereignis gibt. Auch später wird nie wieder in irgendeiner Form ein Bezug zu einer Sintflut gemacht.

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Urkuh nährt Ymir und leckt Buri frei (https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=639093)

In jedem Falle jedoch töteten Odin, Vili und Ve den schlafenden Riesen und aus seinem Körper bauten sie die Welt. Die Erde wurde aus seinem Fleisch geformt, das Meer aus seinem Blut, Felsen und Gebirge waren einst Ymirs Knochen, die Bäume waren sein Haar, die Augenbrauen wurden zu Midgard, der Himmel wurde aus Ymirs Schädel geschaffen und die Wolken aus seinem Gehirn.

Diese Vorstellung mag für einen Europäer des 21. Jahrhunderts zunächst sehr martialisch wirken, allerdings gibt es auch in anderen Kulturen ähnliche Vorstellungen. In Indien etwa gibt es die Vorstellung eines Urmenschen Purusha aus dem die Welt hervorging.

Abhängig von den herangezogenen Quellen wird beispielsweise in der Ginnungagap auch eine Art Urvagina gesehen, aus der alles heraus geboren wurde. Dies passt zu der allgemeinen Vorstellung dieser Völker, dass das Weibliche schon immer das Leben hervorgebracht hat, also betrachtete man diesen Spalt oder Riss möglicherweise auch als etwas rein Weibliches. Wenn man diese Idee weiterspinnt, und manche Autoren tun das, kann man in dem geschmolzenen Eis Niflheims gewissermaßen auch eine Art Ursperma sehen, das letztlich Ginnungagap befruchtet hat.

Ob es die betreffenden Völker tatsächlich so gesehen haben, ist allerdings bis heute fraglich.

Fortsetzung folgt …

 

 

Nordische Mythologie – Teil 1